
Im Jahr 1884 beobachtete der Gelehrte Teodor Burada in der Nähe des rumänischen Dorfes Cucuteni etwas Ungewöhnliches. Im Schotter für die Instandsetzung der Straße glänzten bemalte Keramikscherben. Burada folgte der Spur bis zu einem Steinbruch und stieß auf die Überreste einer Zivilisation, die das Verständnis des europäischen Neolithikums revolutionierte. Etwa zur gleichen Zeit entdeckte der Archäologe Vincenc Chvojka in Kiew ähnliche Artefakte. Was heute als Cucuteni-Trypillia-Kultur bekannt ist, erstreckte sich vor über 5000 Jahren zwischen den Karpaten und dem Dnepr.
Giganten in der Steppe

Zwischen 4100 und 3400 v. Chr. errichteten die Gemeinschaften dieser Kultur Siedlungen von bisher unvorstellbarem Ausmaß. Orte wie Talianki in der heutigen Ukraine erstreckten sich über 335 Hektar. Die Forscher schätzen, dass in Zentren wie Maydanetske über 10.000 Personen lebten. Diese riesigen Orte glichen frühen Städten: Es gab spezialisierte Töpfer und Handwerker, während Händler Salz und Feuerstein über weite Strecken transportierten. Die Familien ordneten ihre Gebäude in konzentrischen Kreisen an und unterteilten das Umland in klare Zonen. Im innersten Ring lagen die Äcker, dahinter weidete das Vieh, und auf den äußersten Flächen ernteten die Dorfbewohner Heu als Winterfutter für ihre Tiere.
Die Kunst der frühen Bauern

Diese beeindruckende Organisation beruhte auf einer Landwirtschaft, die ihrer Zeit weit voraus war. Die Felder wurden mit Hacken aus Geweih und Stein bestellt. Eine technologische Revolution war der Einsatz des Hakenpflugs (Ard). Da dieser von Ochsen gezogen wurde, konnte die Landbevölkerung deutlich größere Areale in der gleichen Zeit kultivieren als mühsam von Hand – die Effizienz der Bodenbearbeitung stieg dadurch um mehr als das 50-fache.1
Auch die Ernährung war präzise auf das Leben in der Steppe abgestimmt. Getreide wie Emmer und Einkorn sowie Fleisch und Milchprodukte bildeten die Hauptnahrung. Besonders die Milch war entscheidend: Sie lieferte verlässlich Kalorien, ohne dass die Herden ständig vergrößert werden mussten. Die Jagd auf Wildschweine oder Hirsche spielte dagegen nur noch eine untergeordnete Rolle für die Versorgung der tausenden Einwohner.
Ein rituelles Ende in Flammen
Ein großes Rätsel bleibt Anlaß zur Spekulation. Warum wurden die Siedlungen regelmäßig niedergebrannt? Etwa alle sechzig bis achtzig Jahre setzten die Bewohner ihre Heime mitsamt den prachtvollen Keramikgefäßen und rituellen Statuetten in Brand. Berechnungen zeigen, dass die Nährstoffe im Boden oft in einer ähnlichen Zeitperiode erschöpft waren und die Ernten sanken. Es scheint, als hätten die Siedler den Abschied von ihrer Heimat rituell begangen, wenn der Boden sie nicht mehr ernähren konnte. Der ökonomische Zwang zur Umsiedlung und das Feuer gingen dabei Hand in Hand.
Soziale Unterschiede und das Erbe der Steppe
Obwohl das Ende einer Siedlung ein gemeinschaftliches Ereignis war, zeigten sich innerhalb der Gesellschaft erste soziale Unterschiede. Lange hielt man die Trypillia-Kultur für eine Welt völlig Gleichgestellter, doch prunkvolle Gräber wie in Kainari (Moldawien) sprechen eine andere Sprache. Dort wurde eine Frau mit kostbarem Kupferschmuck und feinster Keramik bestattet – ein klarer Hinweis darauf, dass einzelne Familien bereits mehr Reichtum und Einfluss besaßen als andere.
Dieser innere Wandel fiel mit äußeren Veränderungen zusammen. Genetische Analysen belegen, dass bereits ab etwa 3500 v. Chr. Gruppen aus den östlichen Steppen in das Gebiet einwanderten. Es gab jedoch keine schlagartige Eroberung, sondern einen über Jahrhunderte andauernden Austausch und eine schrittweise Vermischung der Bevölkerungsgruppen. Letztlich zwang wohl die Kombination aus ausgelaugten Böden, sozialen Spannungen und einem trockeneren Klima die Bewohner dazu, ihre riesigen Städte endgültig aufzugeben. Sie zogen in kleineren, beweglicheren Verbänden weiter und hinterließen eine der rätselhaftesten Hochkulturen Europas im Staub der Steppe.

Zum Weiterlesen
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- Müller, J., Rassmann, K., Videiko, M. (2019): Trypillia Mega-Sites and European Prehistory: 4100–3400 BCE. Routledge.
Bildnachweis
Titel: Dniester-Landschaft, Westukraine. Wikimedia Commons, A. Zhyrak. CC BY-SA 3.0.
Kupfersteinzeit-Kulturen: Wikimedia Commons, Caliniuc. CC BY-SA 4.0.
Rekonstruktion Maidanetske: Wikimedia Commons, Susanne Beyer. CC BY-SA 4.0.
Emmer: Wikimedia Commons, Robert Flogaus-Faust. CC BY-SA 4.0.
Kulchyn-1: Wikimedia Commons, Viacheslav Galievskyi. CC BY-SA 4.0.
- Dieser Wert wurde mit Hilfe der Experimentalarchäologie geschätzt (vgl. Shukurov et al. (2015): „Productivity of Premodern Agriculture in the Cucuteni-Trypillia Area“). ↩︎




