Am 22. Oktober 1818 betritt ein Mann mit breitem schwäbischem Akzent das Katheder der Berliner Universität. Georg Wilhelm Friedrich Hegel tritt sein Amt als Nachfolger von Johann Gottlieb Fichte an. Vor ihm sitzen nicht nur Studenten, sondern auch preußische Staatsbeamte und Offiziere. Die Stadt Berlin ist zu dieser Zeit ein Ort des Umbruchs: Die Napoleonischen Kriege sind erst seit wenigen Jahren vorbei, die preußischen Reformer ringen mit den konservativen Kräften am Hof um eine neue Verfassung, und die Zensurbehörden überwachen die liberalen Geister der Zeit. Hegel beginnt seine Vorlesung mit dem Anspruch, dass die Weltgeschichte selbst ein vernünftiger Prozess ist.
Die Weltseele zu Pferde

Um Hegels Blick auf die Geschichte zu verstehen, muss man zurück in das Jahr 1806 blicken, als die alte europäische Ordnung buchstäblich unter den Hufen der französischen Kavallerie zerbrach. In Jena hat Hegel gerade die letzten Seiten seiner „Phänomenologie des Geistes“ beendet und das Manuskript in der Nacht vor der Schlacht an seinen Verleger abgeschickt. Während draußen die Truppenbewegungen für den Kampf bei Jena und Auerstedt einsetzen, schildert er in einem Brief an seinen Freund Niethammer eine Beobachtung, die sein gesamtes späteres Werk prägen sollte: Er sah Napoleon Bonaparte durch die Stadt reiten. Hegel beschreibt den Kaiser als die „Weltseele“, die auf einem Punkt konzentriert über die Welt übergreift und sie beherrscht.
Für ihn ist diese Begegnung ein Moment von weltgeschichtlicher Bedeutung. In Napoleon erkennt er eine Figur, die er später als „welthistorisches Individuum“ bezeichnet. Solche Menschen, so erklärt er es seinen Zuhörern in Berlin, folgen scheinbar nur ihren eigenen Leidenschaften und ihrem Ehrgeiz. Doch in Wahrheit nutzt die Vernunft ihre Taten aus, um die Freiheit ein Stück weiter voranzutreiben. Hegel nennt dies die „List der Vernunft“. Der Kaiser, der die alten Adelsvorrechte Europas zertrümmert und den Code Civil einführt, ist das Werkzeug eines Geistes1, der nach Selbstbewusstsein strebt.
Der Gang der Sonne von Ost nach West
In den Hörsälen der Berliner Universität entwirft Hegel eine Geografie des Geistes. Er beschreibt die Weltgeschichte als eine Wanderung, die dem Lauf der Sonne folgt. Die Geschichte beginnt im Osten, im alten China und Indien. Dort, so behauptet Hegel unter Verweis auf zeitgenössische Reiseberichte, weiß man nur, dass Einer frei ist – der Herrscher an der Spitze. Die Untertanen besitzen keine eigenen Rechte, sie sind Teil einer unbeweglichen Masse, die den Befehlen des Despoten folgt.
Hegel führt seine Zuhörer weiter nach Griechenland. An den Küsten der Ägäis, in den Stadtstaaten wie Athen, erwacht ein neues Bewusstsein. Hier entscheiden die Bürger in der Versammlung selbst über ihre Gesetze. Doch diese Freiheit ist noch zerbrechlich und beruht auf der Arbeit von Sklaven. Den Abschluss dieser Bewegung sieht Hegel im „germanischen Reich“, worunter er das christliche Europa des Westens versteht. Hier sei durch die Reformation und die Aufklärung die Erkenntnis gereift, dass Alle Menschen als Menschen frei sind. Der Schauplatz dieser Entwicklung ist für ihn der moderne Staat mit seinen Gesetzen und Gerichten, wie er ihn in Preußen unter dem Ministerium Altenstein mitgestalten will.
Die List der Vernunft und das Leiden der Völker

Hegel verschließt die Augen nicht vor den Grausamkeiten der Geschichte. Er spricht offen von der Geschichte als einer „Schlachtbank“, auf der das Glück der Völker, die Beschlüsse der Regierungen und die Tugend der Individuen geopfert werden. In seinen Vorlesungen stellt er sich der Frage, welchem Endzweck diese ungeheuren Opfer dienen.
Hegels Antwort auf dieses Entsetzen ist die „List der Vernunft“: Er erklärt seinen Studenten, dass die Vernunft nicht direkt in das Geschehen eingreift, sondern die Leidenschaften der Menschen für sich arbeiten lässt. Während Individuen glauben, ihre privaten Ziele zu verfolgen, setzt der Geist durch ihr Handeln – und oft auch durch ihr Leid – das nächste Ziel der Freiheit durch. Ein Volk, das seine Gesetze und Bräuche nur noch aus Gewohnheit befolgt, ohne sie innerlich zu bejahen, stirbt einen „natürlichen Tod“. Es tritt vom Schauplatz der Weltgeschichte ab, um Platz für neue Entwicklungen zu machen. Dieser Übergang geschieht oft gewaltsam durch Kriege oder Umstürze. Der Zusammenbruch des Römischen Reiches oder die Barrikadenkämpfe der Französischen Revolution sind für ihn notwendige Brüche, in denen der Geist seine alte Form abstreift. Historische Prozesse werden hier an den konkreten Erlassen von Herrschern und dem bewaffneten Widerstand von Gruppen festgemacht.
Der Staat als irdische Kraft der Vernunft
Hegels Berliner Jahre sind geprägt von einem engen Verhältnis zur preußischen Verwaltung. Kritiker wie Arthur Schopenhauer werfen ihm vor, ein „preußischer Staatsphilosoph“ zu sein, der die bestehende Macht rechtfertige. Tatsächlich sieht Hegel im Staat mehr als nur ein Polizeiamt oder ein Steuerbüro. In seinen Vorlesungen bezeichnet er den Staat als die „Wirklichkeit der sittlichen Idee“.
Er argumentiert gegen die Vertragstheoretiker seiner Zeit, die den Staat für einen bloßen Schutzbund privater Interessen halten. Für Hegel ist der Staat der Ort, an dem der Einzelne in der Familie, im Beruf und im Gemeinwesen seinen festen Platz findet. Die Institutionen – das Erbrecht, die Zünfte der bürgerlichen Gesellschaft und die Mitwirkung der Stände – bilden für ihn das Gerüst, das verhindert, dass Freiheit in bloße Zügellosigkeit umschlägt. Er verweist dabei oft auf das Beispiel des Mark Aurel: Ein gütiger Kaiser allein kann ein Reich nicht vor dem Verfall retten, wenn die Beamten korrupt sind und die Gesetze nicht mehr geachtet werden.
Das Ende der Geschichte und der Blick nach Amerika
In seinen Berliner Vorlesungen führt Hegel die Geschichte zu einem logischen Abschluss. Wenn er vom „Ende der Geschichte“ spricht, meint er nicht, dass keine Ereignisse mehr stattfinden. Er ist vielmehr davon überzeugt, dass mit dem modernen Verfassungsstaat das Ziel der Geschichte erreicht sei: das Bewusstsein, dass der Mensch als solcher frei ist. In der preußischen Verwaltung unter Altenstein sah er die Chance, diese Vernunft in Gesetze und Institutionen zu gießen. Für Hegel war das geistige Prinzip der Freiheit damit „fertig“ – seine Realisierung in der Welt jedoch ein fortlaufender Prozess.
Doch Hegel war kein Dogmatiker der Gegenwart. Er blickte über Europa hinaus: Während er Afrika als einen Kontinent beschreibt, den er noch außerhalb der geschichtlichen Entwicklung verortet, zeigt er sich von der neuen Welt fasziniert. Amerika, so notiert er, ist das „Land der Zukunft“. Dort, in den wachsenden Städten und den noch unerschlossenen Gebieten, werde sich zeigen, ob das in Europa gereifte Prinzip der Freiheit in einem neuen Maßstab Bestand haben kann. Die Geschichte wandert für ihn weiter, auch wenn das Ziel – die Freiheit – bereits erkannt ist.
Hegel stirbt im November 1831 in Berlin, vermutlich an einem chronischen Magenleiden, während in der Stadt die Cholera wütet. Er hinterlässt ein Werk, das die Geschichte als einen unaufhaltsamen Fortschritt deutet. Die Aufspaltung seiner Schüler in konservative Rechtshegelianer, die den preußischen Status quo bewahren wollten, und radikale Linkshegelianer, die das Ziel der Freiheit erst noch durch Revolutionen erzwingen wollten, zeigte schon bald, wie spannungsreich sein Begriff vom „Ende der Geschichte“ in der Praxis war.

Zum Weiterlesen
Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.
Jaeschke, W. (2016): Hegel-Handbuch. Leben – Werk – Schule.*
Vieweg, K. (2019): Hegel. Der Philosoph der Freiheit.*
Hegel, G.W.F. (1986): Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Werkausgabe Band 12.*
Bildnachweis
Titel: Berliner Universität, zwischen 1890 und 1905.
Alle Bilder gemeinfrei.
- Mit „Geist“ bezeichnet Hegel das sich entwickelnde Bewusstsein der Menschheit von ihrer eigenen Freiheit. Der Geist ist nicht außerhalb der Menschen, sondern verwirklicht sich durch ihr Denken und Handeln in der Geschichte. ↩︎


Ein Kommentar zu “Hegel und die Philosophie der Geschichte”