Indianapolis im Herbst 1862: In den Straßen der Stadt begegnet man den Folgen des amerikanischen Bürgerkriegs. Richard Jordan Gatling, der seit 1850 hier lebt, beobachtet die Rückkehr der verwundeten und sterbenden Soldaten. Es ist eine Zeit, in der Statistiken eine bittere Wahrheit offenbaren: Etwa zwei Drittel der Opfer sterben an Krankheiten und Entkräftung in den Lagern, nicht im Gefecht.
In diesem Umfeld formuliert Gatling später seine fast naive Vision. Er will eine Waffe bauen, die so effektiv ist, dass wenige Männer durch ihre enorme Schlagkraft die Masse eines ganzen Regiments ersetzen können. Seine Logik: Wenn die Feuerkraft weniger Soldaten ausreicht, müssen seltener große Armeen eingezogen werden – und die Zahl derer, die in den Lazaretten sterben, sinkt. Am 4. November 1862 erhält er das Patent für sein Gerät, das er aufgrund der Aneinanderreihung mehrerer Läufe „Battery Gun“ nennt.
Das Ballett der rotierenden Rohre

Gatling steht in seiner Werkstatt und kurbelt. Es ist eine Bewegung, die man eher von einer Kaffeemühle oder einer Drehorgel kennt, doch das Ergebnis ist tödlich. Die Konstruktion besteht aus sechs (später bis zu zehn) Läufen, die um eine zentrale Achse angeordnet sind. Während Gatling die Handkurbel dreht, rotiert das gesamte Bündel.
Der Clou liegt in der mechanischen Synchronisation: Jeder Lauf hat seinen eigenen Verschluss. Während sich das Bündel dreht, fällt am höchsten Punkt eine Patrone aus einem Trichter durch die Schwerkraft in den Lauf. In der nächsten Position wird sie geladen, seitlich auf dem Weg zum tiefsten Punkt abgefeuert und unten wieder ausgeworfen. Dieses System löst das größte Problem der frühen Schnellfeuerwaffen: die Überhitzung. Da jeder Lauf nur einmal pro Umdrehung schießt, bleibt Zeit zum Abkühlen, bevor er erneut feuert. Mit der Einführung von Metallpatronen erreicht das Gerät bald eine Rate von bis zu 200 Schuss pro Minute.
Misstrauen im Bürgerkrieg
Trotz der beeindruckenden Vorführungen reagiert das US-Militär zunächst zögerlich. James W. Ripley, der Chef des staatlichen Beschaffungswesens, hält die Waffe für ein kompliziertes Gerät, das auf dem Schlachtfeld unnötig Munition verschwendet. Die Gatling Gun findet keinen Platz in den damaligen Schlachttaktiken; sie wird wie ein leichtes Geschütz auf einer schweren Lafette mit großen Rädern transportiert und überfordert die starre Kampfdoktrin der Militärplaner.
Dennoch findet die Waffe ihren Weg an die Front. Benjamin Butler, ein findiger General der Union, erkennt das Potenzial und kauft zwölf Exemplare aus eigener Tasche. Während der Belagerung von Petersburg im Jahr 1864 kommen sie erstmals zum Einsatz. In den Schützengräben von Virginia zeigt sich die Wirkung: Wenn die Rebellen zum Sturm ansetzen, kann der konzentrierte Bleihagel der rotierenden Läufe Angriffe stoppen, noch bevor diese die eigenen Linien erreichen.
Koloniale Expansion und der Untergang der Kavallerie
Erst nach dem Bürgerkrieg, im Jahr 1866, wird die Gatling Gun offiziell in die US-Armee aufgenommen. Ihr eigentlicher Bekanntheitsgrad festigt sich jedoch auf anderen Kontinenten. Die europäischen Kolonialmächte, allen voran Großbritannien, entdecken in der Gatling ein effektives Instrument für ihre Feldzüge.

In den Anglo-Zulu-Kriegen oder später im Sudan wird die Waffe zum sichtbaren Zeichen europäischer Waffenmacht. Disziplinierte Reihen von Kriegern, die mit traditionellen Waffen angreifen, haben gegen diesen mechanischen Kugelhagel kaum eine Chance, wenngleich auch schwere Artillerie und neue Repetiergewehre entscheidend zum Ausgang dieser Konflikte beitragen.
Ein Mann jedoch entscheidet sich bewusst gegen die Maschine: George Armstrong Custer. Vor seinem Marsch zum Little Bighorn im Jahr 1876 lehnt er das Angebot ab, Gatling-Kanonen mitzunehmen. Er fürchtet, die schweren Wagen würden seine Kavallerie im schwierigen Gelände ausbremsen. Ohne die Unterstützung dieser Schnellfeuerwaffen wird sein Regiment vernichtet – eine Entscheidung, die bis heute unter Historikern diskutiert wird.
Das Erbe der Automatisierung
Gatlings Vision eines „unblutigen Krieges“ durch Abschreckung erfüllte sich nicht. Stattdessen ebnete seine Erfindung den Weg für die industrielle Kriegsführung. In der Schlacht von San Juan Hill 1898 während des Spanisch-Amerikanischen Krieges schießt eine Batterie unter Leutnant John Henry Parker über 18.000 Patronen in weniger als neun Minuten ab. Es ist der letzte große Einsatz der handgekurbelten Waffe.
Doch die Entwicklung geht weiter: Bereits 1883 entwickelt Hiram Maxim das erste echte Maschinengewehr. Während Gatling die Überhitzung noch mechanisch durch die Rotation mehrerer Läufe löste, nutzt Maxim die Rückstoßenergie für einen vollautomatischen Ladevorgang mit nur einem, meist wassergekühlten Lauf. Die Gatling mit ihrer schweren Lafette wirkt im Vergleich bald wie ein Relikt. Gatling selbst erlebte diese Entwicklung noch. Er starb 1903, lange nachdem seine humanitäre Hoffnung sich als Illusion erwiesen hatte. 1911 erklärte die US-Armee seine Erfindung offiziell für veraltet.
Das Prinzip der rotierenden Läufe überlebte jedoch: Jahrzehnte später kehrte es in Form der elektrisch betriebenen „Minigun“ und moderner Bordkanonen zurück, um die extremen Feuerraten des 20. Jahrhunderts zu bewältigen. Die Mechanik blieb, doch die Kontrolle über Tempo und Ausmaß des Tötens hatte der Mensch endgültig verloren.
Zum Weiterlesen
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Ellis, J. (1986): The Social History of the Machine Gun.*
Bildnachweis
Titel: Colorado National Guard mit Gatling Guns, 1904.
Alle Bilder sind gemeinfrei.




