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Die frühe Siedlungsgeschichte Amsterdams

Die Mündung der Amstel, im späten 11. Jahrhundert: Männer und Frauen stehen im knietiefen Schlamm und treiben hölzerne Spaten in den nassen Torf. Sie ziehen schnurgerade Gräben, um das Wasser aus dem Schwamm des Bodens in den Fluss zu leiten. Mit jedem Eimer Wasser, der abfließt, gewinnen sie festen Grund für ihre Füße, doch sie lösen gleichzeitig einen schleichenden Prozess aus: Der entwässerte Boden oxidiert und sackt unaufhaltsam ab. Wer hier siedelt, kämpft gegen ein Land, das unter dem Gewicht der eigenen Häuser verschwindet. Dieser Widerspruch zwischen Landgewinnung und Bodenabsenkung markiert den Beginn des Ortes, der später Amsterdam heißen wird.

Frühe Nutzung an der Amstelmündung

Diese ersten Eingriffe blieben zunächst räumlich begrenzt. Archäologische Funde aus dem Bereich von Damrak und Rokin – vor allem Keramikscherben und bearbeitete Holzreste – belegen jedoch, dass dieser Raum weit belebter war, als die ältere Forschung vermutete. Die Siedler nutzten den Fluss als logistische Lebensader, während sie ihre Behausungen noch locker und provisorisch auf dem instabilen Grund errichteten. Wer dauerhafte Sicherheit suchte, wich zu dieser Zeit noch auf Standorte weiter flussaufwärts aus, da die Höfe dort besser gegen die regelmäßigen Überschwemmungen geschützt waren. Erst die großflächige Umgestaltung der Landschaft sollte das Siedlungszentrum dauerhaft an die Mündung verschieben.

Der Damm als infrastruktureller Knoten

Im frühen 13. Jahrhundert entstand nahe der Flussmündung ein Damm quer durch die Amstel. Archäologische Hinweise datieren den Bau grob in die Zeit zwischen 1200 und 1250. Der Damm regelte den Wasserstand im Binnenbereich und schuf einen festen Übergang. Wege und Bootsrouten kreuzten sich an dieser Stelle. Unter einfachen hölzernen Sperren ließ sich der Durchfluss steuern. Der Damm war eine Reaktion auf Landabsenkung, Versalzung und zunehmende Hochwassergefahr. Sturmfluten wie jene von 1170 veränderten IJ und Zuiderzee und erhöhten ebenfalls den Druck auf die Siedler, ihre Ufer und Übergänge zu sichern. Ein Beleg dafür, dass diese Flut den Dammbau auslöste, liegt jedoch nicht vor.

Schriftliche Nennung und wirtschaftlicher Impuls

Am 27. Oktober 1275 erscheint der Ort erstmals urkundlich als Amestelledamme. Graf Floris V gewährte den Bewohnern ein Zollprivileg innerhalb der Grafschaft Holland. Händler konnten Waren ohne bestimmte Abgaben transportieren. Der Übergang am Damm wurde dadurch wichtiger für den regionalen Handel. Der kleine Hafen gewann an Bedeutung, und die Bebauung verdichtete sich beiderseits des Flusses.

Nachbarschaften und frühe Stadtform

Um 1300 bildeten sich feste Nachbarschaften entlang der Amstel und am Damm. Mit dem Bau der frühen Kirche, aus der die Oude Kerk hervorging, erhielt der Ort einen sichtbaren Mittelpunkt. Wasserbau blieb eine Daueraufgabe. Deiche, Aufschüttungen und Holzpfähle stabilisierten Wege und Gebäude. Aus einer früh genutzten Torflandschaft entwickelte sich eine Stadt, deren Gestalt eng an Fluss, Damm und Verkehr gebunden blieb und deren spätere Entwicklung auf diesen frühen Entscheidungen beruhte.


Zum Weiterlesen

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Christoph Driessen (2010): Kleine Geschichte Amsterdams.*

Bildnachweis

Titel: Amsterdam um 1300. Stich Jan Luyken, 17. Jhdt.

Alle Bilder gemeinfrei.

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