Der Mann in der kurzen Schürze packt seinen Gegner fest am Haarschopf. In der rechten Hand schwingt er eine keulenförmige Waffe, bereit zum tödlichen Schlag. Es ist eine Szene von roher Gewalt, die vor über 5.000 Jahren in den Stein einer Prunkpalette gemeißelt wurde. Der Triumphator ist Narmer, jener Herrscher, der am Übergang von der Vorgeschichte zur 1. Dynastie steht.
Vom Gebrauchsgegenstand zum Monument
Das Objekt, das Archäologen im Winter 1897/98 in Hierakonpolis entdeckten, gehört zu einer Gattung, die im prädynastischen Ägypten weit verbreitet war: den Schminkpaletten. In ihrer einfachen Form waren dies flache Siltsteinplatten – ein feinkörniges, schieferähnliches Gestein –, auf denen Pigmente wie Malachit oder Bleiglanz mit Fett zu Augenschminke verrieben wurden. Dieser Schutz gegen die Sonne und Insekten hatte von Beginn an auch eine rituelle, magische Bedeutung.
Die Narmer-Palette jedoch sprengt diesen praktischen Rahmen. Mit einer Höhe von 63 Zentimetern ist sie zu groß und zu schwer für die Handhabung im Alltag. Sie ist eine monumentale, sakrale Version eines Gebrauchsgegenstands – ein rituelles Objekt, das dazu bestimmt war, im Tempel des Gottes Horus die Macht des Königs zu verewigen.
Die Ordnung der Macht
Wer die Palette betrachtet, sieht Narmer in zwei verschiedenen Rollen. Auf der einen Seite trägt er die hohe, kegelförmige Weiße Krone Oberägyptens. Er schreitet barfuß, gefolgt von einem Diener, der seine Sandalen und ein Gefäß trägt. Über dem besiegten Feind schwebt ein Falke – das Symbol des Gottes Horus –, der einen an einem Seil befestigten Kopf aus einem Papyrusdickicht zieht. Hier zeigt sich der göttliche Beistand: Der Gott Horus selbst greift in das Geschehen ein und überantwortet dem König die besiegten Gegner.
Auf der Rückseite (siehe Titelbild) wandelt sich das Bild. Hier trägt Narmer die Rote Krone Unterägyptens. In einer Prozession schreitet er an den enthaupteten Leichen seiner Feinde vorbei. Bemerkenswert ist, dass sein Sandalenträger auf beiden Seiten der Palette in unmittelbarer Nähe zum Herrscher erscheint. Dass dieser „Schatten des Königs“ so prominent platziert wurde, unterstreicht seine Bedeutung als einer der höchsten Hofbeamten, dessen Privileg es war, den Boden zu berühren, den der göttliche König kurz zuvor barfuß betreten hatte.

Rätselhafte Mischwesen
In der Mitte der Palette findet sich eine der rätselhaftesten Szenen der frühen ägyptischen Kunst. Zwei Männer bändigen an Seilen zwei sogenannte Serpoparden – Mischwesen aus Schlange und Leopard. Ihre unnatürlich langen Hälse umschlingen sich und bilden eine kreisförmige Vertiefung. In diesen umschlungenen Hälsen zeigt sich die Bändigung der rivalisierenden Mächte und wie Ober- und Unterägypten zu einem Reich verschmolzen.
Ganz am unteren Rand der Palette manifestiert sich die königliche Macht als pure Gewalt. Narmer erscheint hier als wilder Stier, der die Mauern einer befestigten Stadt niederstößt. Während der falke zuvor als himmlischer Helfer fungierte, ist der Stier die irdische Inkarnation des Herrschers – eine unaufhaltsame Naturkraft, die das Chaos unter seinen Hufen zermalmt.
Geschichte oder Mythos?
Unter Historikern wird bis heute gestritten, ob die Palette ein konkretes Ereignis – eine tatsächliche Schlacht zur Einigung Ägyptens um 3100 v. Chr. – festhält oder ob es sich um eine rituelle Feier des Herrschers handelt. Nicholas Millet und andere Forscher argumentieren, dass das Objekt eher die rituellen Ereignisse eines bestimmten Regierungsjahres dokumentiert, in dem der König dem Tempel seine Gaben darbrachte.
Unabhängig von der Frage nach der historischen Faktizität markiert die Palette einen Wendepunkt der Weltgeschichte. Hier begegnen uns zum ersten Mal Hieroglyphen, die den Namen des Königs als „Wels“ (n’r) und „Meißel“ (mr) schreiben. Die Narmer-Palette ist damit das älteste Dokument einer Zivilisation, die gerade erst lernte, ihre eigene Identität und die göttliche Ordnung ihres Reiches dauerhaft in Stein zu meißeln.
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Bildnachweis
Titel: Narmer-Palette, Foto von 2023.
Alles eigene Aufnahmen.




