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Billionen für ein Brot – Die Chronik der Hyperinflation 1923

Karl Hefferich (1872-1924)

Berlin, am 4. August 1914: Im Reichstag herrscht eine Atmosphäre gespannter Erwartung. Die Abgeordneten des Deutschen Kaiserreiches beschließen an diesem Tag weitreichende Gesetze zur Kriegsfinanzierung. Unter anderem wird die gesetzliche Pflicht der Reichsbank aufgehoben, Banknoten gegen Gold einzulösen. Es ist der Moment, in dem die Bindung der Währung an einen realen Gegenwert zerschnitten wird. Der Staatssekretär des Schatzamtes, Karl Helfferich, setzt auf einen schnellen Sieg und darauf, dass die Kosten des Krieges später den besiegten Gegnern auferlegt werden können. Es ist der unscheinbare Beginn einer Entwicklung, die neun Jahre später in einem wirtschaftlichen Orkan enden wird.

Krieg auf Pump und das Erbe von Versailles

Anders als Großbritannien oder Frankreich verzichtet das Deutsche Reich während des Ersten Weltkrieges weitgehend darauf, die enormen Rüstungskosten durch Steuern zu decken. Stattdessen setzt die Regierung Bethmann Hollweg auf Kriegsanleihen. In neun Tranchen leiht sich der Staat Geld bei der eigenen Bevölkerung. Die Bürger geben ihr Erspartes im Vertrauen darauf, dass das Reich nach einem „Siegfrieden“ durch Reparationen der Verlierer saniert wird. Als das Kaiserreich im November 1918 jedoch kapituliert, stehen den Schulden von etwa 150 Milliarden Mark ein Volkseinkommen von nur geschätzten 142 Milliarden gegenüber.

Mit dem Friedensvertrag von Versailles im Jahr 1919 wandelt sich die verdeckte Inflation der Kriegsjahre in eine offene Krise. Die junge Weimarer Republik wird mit massiven Reparationsforderungen konfrontiert, die in Goldmark, Devisen oder Sachwerten zu leisten sind. Um diese Lasten und gleichzeitig die Sozialausgaben nach der Revolution zu finanzieren, greift der Staat massiv zur Banknotenproduktion. Die Mark verliert rapide an Boden: Im Januar 1920 hat sie gegenüber dem US-Dollar bereits 90 % ihres Wertes von 1914 eingebüßt.

Die Eskalation im Ruhrkampf 1923

Widerstand im Ruhrgebiet, Januar 1923

Die Lage verschärft sich dramatisch, als französische und belgische Truppen im Januar 1923 das Ruhrgebiet besetzen, weil Deutschland mit Sachlieferungen in Verzug geraten ist. Die Reichsregierung unter Kanzler Wilhelm Cuno ruft zum passiven Widerstand auf. Um die streikenden Arbeiter und Beamten im Ruhrgebiet zu bezahlen, wirft die Reichsbank die Gelddruckmaschinen in einem nie dagewesenen Tempo an.

In den Druckereien wird im Mehrschichtbetrieb gearbeitet. Da man mit dem Entwurf neuer Motive nicht hinterherkommt, werden alte 1000-Mark-Scheine einfach mit dem Aufdruck „1 Milliarde“ versehen. Die Menschen transportieren ihr Geld in Wäschekörben oder Handkarren zum Einkaufen. Da die Zeitabstände, in denen sich die Preise verdoppeln, auf wenige Tage schrumpfen, erreicht die Entwertung im November 1923 ihren Höhepunkt: Ein US-Dollar wird nun für 4,2 Billionen Mark gehandelt.

Die Stabilisierung: Schacht, Luther und das neue Geld

In dieser Phase der totalen Zerrüttung übernimmt Gustav Stresemann die Regierungsverantwortung. Er bricht den kostspieligen sogenannten Ruhrkampf ab und bereitet mit zwei entscheidenden Fachleuten die Währungsreform vor: dem Reichsfinanzminister Hans Luther und dem neuen Währungskommissar Hjalmar Schacht. Am 15. November 1923 wird die Rentenmark eingeführt. Da der Staat über keine Goldreserven mehr verfügt, wird die neue Währung formal durch eine Hypothek auf den gesamten Grundbesitz von Industrie und Landwirtschaft gedeckt.

Dass die Rentenmark funktionierte, war keine ökonomische Zwangsläufigkeit, sondern ein psychologischer Kraftakt. Die „Deckung“ durch Grund und Boden war faktisch eine Fiktion, da die Rentenbank die verpfändeten Äcker und Fabriken niemals hätte verwerten können. Doch die Bevölkerung, die das Vertrauen in die Billionen-Zahlen verloren hatte, klammerte sich an den Begriff der „Bodenbindung“. Das neue Geld war knapp, die Ausgabe streng limitiert. Entscheidend war jedoch die strikte Anweisung von Luther und Schacht an die Reichsbank, die Staatsfinanzierung über die Notenpresse sofort und unwiderruflich einzustellen. Erst dieses Signal der Disziplin verwandelte die neue Mark in ein stabiles Zahlungsmittel.

Verlierer und Gewinner des Sturzes

Der Inflationsgewinner Stinnes starb bereits 1924. Seine Erben waren mit der Herausforderungen der stabilen Währung überfordert und verloren fast alles.

Während die Währung stabilisiert wird, hinterlässt die Inflation tiefe Narben in der Gesellschaft. Die Leidtragenden sind vor allem Rentner, Sparer und Bezieher fester Gehälter. Lebenslange Ersparnisse lösen sich in wenigen Monaten in Luft auf. Teile des Bürgertums fühlen sich vom Staat betrogen und wenden sich von der demokratischen Republik ab.

Auf der anderen Seite stehen die Inflationsgewinner. Industrielle wie Hugo Stinnes nutzen die Entwertung, um mit Krediten, die sie später mit wertlosem Geld zurückzahlen, riesige Firmenimperien aufzubauen. Auch Grundbesitzer und Bauern profitieren, da ihre Schulden fast vollständig weginflationiert wurden, während der Sachwert ihrer Güter bestehen blieb. Das Vertrauen in die Weimarer Republik ist jedoch nachhaltig erschüttert – ein Trauma, das noch ein Jahrzehnt später den Aufstieg radikaler Kräfte begünstigen wird.


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