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Der erste Schritt nach Eurasien – Georgien als Tor zur Welt

Die mittelalterliche Ruinenstadt Dmanissi im Süden Georgiens thronte jahrhundertelang auf einem Plateau, ohne ihr eigentliches Geheimnis preiszugeben. Erst als Archäologen in den 1980er-Jahren begannen, tiefere Schichten unter den Mauern zu untersuchen, stießen sie auf eine Sensation: Unter den ritterlichen Überresten lagen Knochen von Nashörnern, Säbelzahntigern und – völlig unerwartet – Frühmenschen. Mit einem Alter von rund 1,85 Millionen Jahren markieren diese Funde den derzeit ältesten zweifelsfreien Beleg für Menschen außerhalb Afrikas.

Pioniere mit kleinem Gepäck

Lange Zeit war die Wissenschaft davon überzeugt, dass unsere Vorfahren Afrika erst verließen, als sie körperlich groß gewachsen waren und über ein Gehirnvolumen von mindestens 1000 Kubikzentimetern verfügten. Man ging davon aus, dass nur eine fortgeschrittene Technik das Überleben in den kühleren Regionen Eurasiens ermöglichte. Dmanissi widerlegt diese Annahme grundlegend. Die dort entdeckten Individuen waren mit einer Körpergröße von etwa 1,45 bis 1,65 Metern eher klein und wogen kaum mehr als 50 Kilogramm. Ihr Gehirnvolumen war mit rund 600 Kubikzentimetern – etwa der Hälfte eines modernen Menschen – verblüffend klein. Damit lag es näher an den archaischen Formen Afrikas als an den späteren asiatischen Vertretern des Homo erectus. Auch ihre Ausrüstung war bescheiden: Sie führten einfache Steinwerkzeuge vom Oldowan-Typ bei sich, exakt jene schlichten Kieselgeräte, die bereits eine Million Jahre zuvor in Ostafrika erfunden worden waren.

Eine ganze Population im Fokus

Was die Fundstelle so einzigartig macht, ist die Menge der Überreste. Auf einer Fläche von nur 400 Quadratmetern bargen die Forscher Teile von insgesamt mindestens sieben verschiedenen Individuen. Darunter befinden sich fünf außergewöhnlich gut erhaltene Schädel, die Männer, Frauen, Jugendliche und sogar einen Greis repräsentieren. Hinzu kommen über 100 weitere Knochen des Skeletts, wie Wirbel, Arm- und Beinknochen. Diese Fülle an Material erlaubt es den Wissenschaftlern zum ersten Mal, die körperlichen Unterschiede innerhalb einer einzigen, zusammengehörigen Gruppe von Frühmenschen zu untersuchen.

Ein Mosaik aus Alt und Neu

Ausgrabung, 2007

Die Anatomie dieser frühen Wanderer gleicht einem evolutionären Mosaik. Während ihre Arme und Schultern noch an kletternde Vorfahren erinnern, waren ihre Beine und Füße bereits vollständig auf das Laufen spezialisiert. Ein ausgeprägtes Fußgewölbe ermöglichte ihnen einen federnden, zweibeinigen Gang. Sie waren gute Läufer, was in der offenen, parkähnlichen Landschaft Georgiens ein entscheidender Vorteil war. Besonders ein Fund erregte weltweites Aufsehen: Der Schädel eines Mannes, der Jahre vor seinem Tod fast alle Zähne verloren hatte. Da die Zahnfächer im Kiefer vollständig zurückgebildet waren, steht fest, dass er lange Zeit ohne Kaufähigkeit überlebte. In einer Welt voller Raubtiere war dies nur möglich, wenn die Gruppe ihn versorgte und seine Nahrung weichklopfte oder zerkleinerte. Es ist einer der frühesten Belege für sozialen Zusammenhalt in der Menschheitsgeschichte.

Wer verließ Afrika zuerst?

Die Funde von Dmanissi haben die Debatte über die erste Ausbreitungswelle neu entfacht. Die enorme Vielfalt der Schädelformen an einem einzigen Ort deutet darauf hin, dass die frühen Arten der Gattung Homo – wie Homo habilis und Homo erectus – möglicherweise keine getrennten Linien waren, sondern lediglich Varianten einer einzigen, sich wandelnden Art.

Die Spuren im Schlamm

Dass wir heute so viel über die Bewohner von Dmanissi wissen, verdanken wir einem dramatischen Ereignis. Die Individuen wurden vermutlich durch einen Vulkanausbruch oder eine plötzliche Flut überrascht und unter einer schützenden Ascheschicht begraben. Dieser glückliche Umstand bewahrte die Knochen vor den Hyänen, deren Bisspuren an vielen anderen Tierknochen der Fundstelle zu sehen sind. Dmanissi bleibt damit ein seltenes Fenster in eine Zeit, als der Mensch noch am Anfang seiner langen Reise stand – physisch klein und technologisch schlicht, aber bereits fähig zu globaler Wanderung und sozialem Zusammenhalt.


Kathedrale von Dmanissi

Zum Weiterlesen

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Jürgen Richter (2017): Altsteinzeit: Der Weg der frühen Menschen von Afrika bis in die Mitte Europas.*

Hermann Parzinger (2018): Abenteuer Archäologie: Eine Reise durch die Menschheitsgeschichte.*

Bildnachweis

Titel: Burg von Dmanissi. Wikimedia Commons, Larry V. Dumlao. CC BY-SA 4.0.

Ausgrabung: Wikimedia Commons, Lgabelia. CC BY-SA 4.0.

Kathedrale von Dmanissi: Wikimedia Commons, Georgian National Museum. CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder eigene Aufnahmen oder gemeinfrei.

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