Der Braunkohletagebau Schöningen im Helmstedter Revier glich über Jahrzehnte einer gewaltigen Wunde in der Landschaft. Doch wo riesige Schaufelradbagger das Erdreich aufmischten, öffnete sich für die Archäologie ein Fenster in eine Welt, die rund 300.000 Jahre zurückliegt. Es ist die Geschichte einer Uferlandschaft, die nicht nur Tieren als Tränke diente, sondern auch frühen Menschen als Jagdgrund und Werkstatt.
Ein Fenster in die Tiefe der Zeit

Alles begann im Jahr 1983. Der Archäologe Hartmut Thieme vom Institut für Denkmalpflege in Hannover erkannte das Potenzial der freigelegten Schichten. In Kooperation mit den Braunschweigischen Kohle-Bergwerken startete er ein Langzeitprojekt, das die Rettung urgeschichtlicher Zeugnisse zum Ziel hatte. Während man sich zunächst auf oberflächennahe Funde aus der Jungstein- und Bronzezeit konzentrierte, verlagerte sich die Arbeit ab 1992 mit dem Vortrieb des Südfeldes in die Tiefe – direkt hinein in die Schichten des Pleistozäns.
In den Sedimenten ehemaliger Seebecken, den sogenannten „Rinnen“, konservierte der feuchte Boden organische Materialien, die normalerweise längst vergangen wären. Besonders die Rinne II erwies sich als Archiv von Weltrang. Hier fanden die Forscher Belege für ein Klima, das dem heutigen Südosteuropa glich: Eine Waldsteppe, in der sich Steppen-Ahorne und Eschen mit offenen Grasflächen abwechselten – mit warmen Sommern, aber auch empfindlich kalten Wintern.
Begegnung mit Giganten: Der Fundort 13 II
Einer der eindrücklichsten Belege dafür, wie diese Menschen ihre Umgebung nutzten, stammt aus der Fundstelle Schöningen 13 II. In der Schicht 13 II-3 machten die Archäologen eine Entdeckung, die das Bild des frühen Menschen nachhaltig prägte. Inmitten der Seeablagerungen stießen sie auf das fast vollständig erhaltene Skelett eines Europäischen Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus).
Das Tier war am schlammigen Ufer verendet. Doch es war nicht allein: In unmittelbarer Nähe zum Kadaver fanden sich Trittsiegel – versteinerte Fußabdrücke von Elefanten, Nashörnern und anderen großen Säugetieren. Die Szenerie lässt sich quellenbasiert rekonstruieren: Eine Gruppe früher Menschen beobachtete das Tier oder nutzte die Gelegenheit, am Ufer Fleisch und wertvolle Ressourcen zu gewinnen.
Handwerk und Überlebenskunst
Was die Fundstelle 13 II für die Großwildjagd belegt, ergänzt die benachbarte Fundstelle Schöningen 12 um eine weitere Dimension: die Verarbeitung von Beute. Hier entdeckten die Forscher Knochen von Bären, die eine Übergangsform zum späteren Höhlenbären darstellten. Das Besondere: An den Hand- und Fußknochen fanden sich feine Schnittmarken von Feuersteinwerkzeugen.
Da diese Stellen kaum Fleisch bieten, deutet alles darauf hin, dass die Menschen den Bären das Fell abgezogen hatten. Angesichts der saisonalen Kälte der Waldsteppe war Bärenfell eine überlebenswichtige Ressource. Es ist einer der ältesten Belege für die Nutzung von Tierhäuten durch den Menschen.
Darüber hinaus barg die Fundstelle 12 technische Innovationen aus Holz:
- Klemmschäfte: Kurze Hölzer aus Weiß-Tanne mit eingeschnittenen Kerben.
- Multifunktionswerkzeuge: Objekte mit Kerben an beiden Enden, die vermutlich als Griffe für Steinklingen dienten.
- Feuerstellen: Angekohlte Hölzer weisen darauf hin, dass das Feuer bereits ein fester Bestandteil des Lagerlebens war.
Das Rätsel der Chronologie

Die zeitliche Einordnung der Funde beschäftigt die Wissenschaft bis heute intensiv. Ursprünglich ging man davon aus, dass die Siedlungsphasen in der Reinsdorf-Warmzeit vor etwa 300.000 Jahren lagen (Isotopenstufe MIS 9). Neuere Analysen von Schneckengehäusen und Muschelkrebsen aus dem Jahr 2025 deuten jedoch darauf hin, dass die Funde jünger sein könnten – etwa 200.000 Jahre (MIS 7).
Diese Unsicherheit ändert nichts an der Bedeutung dessen, was uns Schöningen zeigt: einen geschickten Handwerker und Jäger, der seine Umwelt genau kannte und Werkzeuge fertigte, deren Komplexität man ihm lange nicht zugetraut hatte. Die Schöninger Speere, die ebenfalls in diesen Schichten gefunden wurden, bleiben das Symbol für dieses handwerkliche Können. Zwischen 1994 und 1998 kamen insgesamt neun Wurfspeere und eine Stoßlanze aus Fichtenholz zutage – sorgfältig gearbeitet, mit dem Schwerpunkt im vorderen Drittel, und in ihren Wurfeigenschaften modernen Wettkampfspeeren vergleichbar. Sie sind die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Welt.
Heute ist der Tagebau eingestellt, doch die Forschung geht weiter. Die Schichten von Schöningen sind noch lange nicht ausgeschöpft und werden auch künftig neue Details über den Alltag am eiszeitlichen See preisgeben.
Zum Weiterlesen
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Jürgen Richter (2017): Altsteinzeit: Der Weg der frühen Menschen von Afrika bis in die Mitte Europas.*
Hermann Parzinger (2018): Abenteuer Archäologie: Eine Reise durch die Menschheitsgeschichte.*
Bildnachweis
Titel: Archäologische Ausgrabung im Tagebau Schöningen. Wikimedia Commons, Jordi Serangeli. CC BY-SA 3.0.
Speer, Tierknochen: Wikimedia Commons, NLD + K. Cornelius. CC BY-SA 3.0.




