„Ich stand wie vor einem Wunder. Ein herrlicher, riesiger, bärtiger Männerkopf blickte mich aus der Erde an.“ Mit diesen Worten erinnerte sich Max Freiherr von Oppenheim später an den Moment im November 1899, als er am nordsyrischen Tell Halaf auf monumentale Basaltfiguren stieß. Lokale Beduinen hatten ihn zuvor auf steinerne Relikte aufmerksam gemacht. Was als archäologische Neugier begann, entwickelte sich rasch zu einem langfristigen Projekt mit wissenschaftlicher und politischer Dimension.
Eine Entdeckung im Grenzraum

Tell Halaf liegt nahe Ras al-Ain, an einer historischen Verbindungslinie zwischen Anatolien, Syrien und Mesopotamien. Als Oppenheim den Hügel erstmals untersuchte, reiste er als Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes zur Beobachtung der Machtverhältnisse im Osmanischen Reich.
Die Region war dünn verwaltet, geprägt von Stammesgebieten und lokalen Autoritäten. Oppenheim interessierte sich für die antiken Überreste ebenso wie für die Lebensweise der Stämme und dafür, wie Einfluss vor Ort organisiert war. Gespräche mit Stammesführern gehörten für ihn ebenso zur Arbeit wie das Freilegen von Skulpturen.

Erste Grabungen bestätigten, dass es sich um die Reste einer Residenzstadt eines aramäischen Fürstentums aus dem 1. Jahrtausend v. Chr. handelte. Systematische Ausgrabungen begannen 1911. Oppenheim finanzierte sie weitgehend aus eigenem Vermögen. Die Funde, darunter monumentale Reliefs und Torwächterfiguren, erregten in Deutschland erhebliches Interesse und führten zu dem Entschluss, das Projekt dauerhaft auszubauen.
Wissenschaftliche Ambition

Mit der Ausweitung der Grabungen trat Oppenheim zunehmend als Organisator und Förderer archäologischer Forschung hervor. Ohne formale Ausbildung in der Altorientalistik verfolgte er das Ziel, die Funde umfassend zu dokumentieren und zu publizieren.
Die Ausgrabungen von Tell Halaf erweiterten das bekannte Material zur Geschichte Nordsyriens. 1930 eröffnete er in Berlin ein eigenes Tell-Halaf-Museum, in dem die Skulpturen und Reliefs ausgestellt wurden. Die wissenschaftliche Fachwelt reagierte unterschiedlich. Einige würdigten die Sicherung bedeutender Objekte. Andere verwiesen auf methodische Fragen.
Politische Dimension
Die Grabungen verschafften Oppenheim vertiefte Einblicke in lokale Bündnisse, persönliche Treuebeziehungen und Fehden. Diese Kenntnisse flossen in seine politischen Berichte ein.
Nordmesopotamien erschien ihm als Teil eines größeren Zusammenhangs, der vom östlichen Mittelmeer bis nach Persien reichte. Handelswege, Stammesbindungen und religiöse Führungsansprüche bildeten aus seiner Sicht ein Netzwerk, das politische Entscheidungen in Konstantinopel oder London beeinflussen konnte. Geschichte und Gegenwart galten ihm als eng miteinander verbunden.
Zerstörung und Nachwirkung
Das Tell-Halaf-Museum wurde im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff zerstört. Viele Originale zerbrachen oder verbrannten. Erst Jahrzehnte später konnten zahlreiche Fragmente restauriert und erneut ausgestellt werden.

Zum Weiterlesen
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Marc Hanisch (2021): Der Orient der Deutschen. Max von Oppenheim und die Erfindung eines außenpolitischen Raumes (1896–1909).*
Bildnachweis
Titel: Tell Halaf, 1913.
Karte: Wikimedia Commons, Koba-chan. CC BY-SA 3.0.
Tell Halaf 2009: Wikimedia Commons, Bertramz. CC BY-SA 3.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.




