Ein grauer Vormittag vor etwa sechzigtausend Jahren im Tal der Vézère, im heutigen Südwesten Frankreichs. Ein Jäger kniet vor einem Felsüberhang, dem Abri von Le Moustier. Vor ihm liegt ein Knollen aus tiefschwarzem Feuerstein. Mit gezielten, harten Schlägen bereitet er den Stein vor, schlägt kleine Splitter ab, bis der Kern eine fast perfekte, schildkrötenartige Form annimmt. Dann folgt der entscheidende Schlag: Ein einziger, präziser Impuls löst einen flachen, scharfkantigen Abschlag vom Kern. Das Ergebnis ist das Resultat einer komplexen geistigen Vorplanung: der Levallois-Technik.
Dieser Moment markiert den Kern des Moustérien. Es ist die Zeit, in der die Neandertaler in Europa und frühe moderne Menschen im Nahen Osten das handwerkliche Können auf eine neue Stufe brachten.
Zwischen Eis und Wärme: Eine Welt im Wandel
Die Bewohner dieser Epoche, die vor etwa einhundertzwanzigtausend Jahren begann und vor rund vierzigtausend Jahren endete, agierten vor einer Kulisse extremer klimatischer Schwankungen. Während der Eem-Warmzeit breiteten sich dichte Wälder über Europa aus, in denen Waldelefanten und Flusspferde lebten. Jahrtausende später wandelte sich das Bild radikal: In den Kaltphasen dominierten Tundren und Steppen das Landschaftsbild.
Diese klimatische Dynamik zwang die Menschen zur Anpassung. Bei sinkenden Meeresspiegeln fielen die Küstenlinien trocken, was es Gruppen ermöglichte, Gebiete zu besiedeln, die heute unter Wasser liegen oder – wie die Britischen Inseln – vom Festland getrennt sind. Die Neandertaler bewiesen hierbei eine bemerkenswerte Resilienz. Sie errichteten Hütten, legten strukturierte Feuerstellen an und organisierten die Jagd auf wehrhafte Großsäuger wie Wisente, Auerochsen und Wildpferde.
Werkzeuge als Spiegel der Kultur

Lange Zeit betrachtete die Forschung die Steinwerkzeuge dieser Zeit als primitiv. Doch der Fundort Le Moustier, der 1872 durch Gabriel de Mortillet namensgebend für die Epoche wurde, korrigierte dieses Bild. Die Archäologie unterscheidet heute verschiedene Fazies – also regionale oder funktionale Stilrichtungen – innerhalb des Moustérien.
Während der sogenannte Charente-Typ durch massive, dicke Schaber besticht, zeigt das „Moustérien de tradition acheuléenne“ (MTA) filigrane, herzförmige Faustkeile und Messerklingen mit sorgfältig gearbeitetem Rücken. Mikroskopische Analysen der Schneiden verraten uns heute, wofür diese Instrumente genutzt wurden: zum Schaben von Tierhäuten, zur Bearbeitung von Holz und zum Schneiden von Pflanzen. Reste von natürlichem Birkenpech belegen, dass die Jäger ihre Klingen bereits in Holzschäfte einsetzten.
Jenseits des Überlebens: Glaube und Ästhetik
Dass die Menschen des Moustérien mehr waren als reine Überlebenskünstler, zeigen Funde, die den Bereich des Funktionalen verlassen. In der Höhle von Gibraltar entdeckten Forscher einfache, sich kreuzende Linien, die vor mindestens neununddreißigtausend Jahren in den Fels geritzt wurden – eine der ältesten bekannten Malereien der Menschheit.
Noch deutlicher wird die geistige Welt in den Bestattungsriten. In Fundstätten wie La Chapelle-aux-Saints oder der Qafzeh-Höhle im Nahen Osten stießen Archäologen auf Skelette, die bewusst in Gruben niedergelegt worden waren. Beigaben von Tierhörnern, Werkzeugen oder Ockerpigmenten legen nahe, dass sich hier eine erste Form von Spiritualität manifestierte. Die Neandertaler sammelten zudem außergewöhnliche Fossilien und Minerale, die keinen praktischen Nutzen hatten, sondern offenbar aufgrund ihrer Ästhetik geschätzt wurden.
Ein rätselhafter Abschied

Gegen Ende des Moustérien, vor etwa vierzigtausend Jahren, begann sich das technologische Bild zu wandeln. Neue Industrien wie das Châtelperronien entstanden, die bereits Elemente der nachfolgenden Jungsteinzeit vorwegnahmen. Es war eine Zeit des Umbruchs, in der der moderne Homo sapiens aus Afrika kommend Europa erreichte.
Ob das Verschwinden des Moustérien und seiner Träger auf eine direkte Verdrängung, klimatische Überforderung oder eine langsame Assimilation zurückzuführen ist, bleibt eine der großen offenen Fragen der Urgeschichte. Sicher ist jedoch: Die handwerklichen Traditionen und sozialen Strukturen des Moustérien bildeten das Fundament, auf dem die spätere kulturelle Explosion des Jungpaläolithikums aufbauen konnte.
Zum Weiterlesen
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Jürgen Richter (2017): Altsteinzeit: Der Weg der frühen Menschen von Afrika bis in die Mitte Europas.*
Hermann Parzinger (2018): Abenteuer Archäologie: Eine Reise durch die Menschheitsgeschichte.*
Bildnachweis
Titel: Le Moustier Cavern, Dordogne, Frankreich. Charles R. Knight.
Le Mousterier: Wikimedia Commons, V. Mourre. CC BY-SA 3.0.
Rekonstruktion Steinartefakt: Wikimedia Commons, Chanpots. CC BY-SA 4.0.




