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Die Vermessung der neuen Weltordnung (1943–1949)

Im Februar 1945 peitscht ein kalter Seewind durch die bogenförmigen Fenster des Livadia-Palasts an der Schwarzmeerküste, während im Konferenzsaal des einstigen Zarensitzes die drei mächtigsten Männer der Alliierten um die künftige Machtverteilung feilschen. Der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt, dessen eingefallene Gesichtszüge bereits den herannahenden Tod erahnen lassen, beugt sich über die großformatigen Landkarten Ostmitteleuropas. Ihm gegenüber sitzt Winston Churchill, der nachdenklich den Rauch seiner Zigarre beobachtet und den Blick auf die neuen Grenzziehungen fixiert. Josef Stalin hingegen bewegt sich mit einer kalkulierten Gelassenheit durch den Raum. Mit einer langsamen, fast beiläufigen Geste seiner Pfeife deutet der sowjetische Diktator auf die künftige Ostgrenze Polens entlang der Curzon-Linie. Damit unterstreicht er den unnachgiebigen Anspruch Moskaus auf ein tiefgestaffeltes militärisches Glacis – einen strategischen Schutzwall auf den Schlachtfeldern Osteuropas.

In diesem Moment, während die Waffen des Zweiten Weltkriegs in Europa noch dröhnen, teilen die Staatsmänner die Einflusssphären auf. Die Anti-Hitler-Koalition, welche die existenzielle Notwendigkeit des Kampfes gegen die nationalsozialistische Aggression geschmiedet hatte, zerbricht an ihren inneren Widersprüchen. Die Verhandlungen auf der Krim drehen sich primär um die konkrete Herrschaft über die Territorien des absehbar zusammenbrechenden Deutschen Reiches. Während Roosevelt die Vision einer durch die Vereinten Nationen garantierten kollektiven Sicherheit verfolgt, diktiert Stalin handfeste geographische Sicherheitsgarantien. Die polnische Exilregierung in London verliert in diesem Machtpoker jeglichen Einfluss, da die Rote Armee die osteuropäischen Gebiete bereits militärisch besetzt hält. Stalin setzt die Anerkennung des von ihm installierten Lubliner Komitees durch, das die künftige kommunistische Verwaltung Polens bilden soll. Zwar verabschieden die three Staatschefs eine offizielle Erklärung über das befreite Europa, die den Völkern freie Wahlen verspricht, doch die Realität der militärischen Besatzung straft diese Absichtserklärung rasch Lügen.

Bruchlinien im Schloss Cecilienhof

Schloss Cecilienhof, 2009

Das Treffen im unzerstörten Potsdamer Schloss Cecilienhof im August 1945 legt die fundamentale Unvereinbarkeit der politischen Zukunftsentwürfe offen. Die personelle Besetzung der Verhandlungstische hat sich bereits verschoben. Nach dem plötzlichen Tod Roosevelts leitet der neue US-Präsident Harry S. Truman die amerikanische Delegation, während mitten in der Konferenz der Labour-Politiker Clement Attlee den abgewählten Winston Churchill als britischen Premierminister ersetzt. Truman agiert mit einem neuen Selbstbewusstsein, da er kurz vor Konferenzbeginn die Nachricht vom erfolgreichen Test der ersten amerikanischen Atombombe in New Mexico erhalten hat. Er berichtet Stalin am Rande der Sitzungen beiläufig von einer neuartigen Waffe mit ungeheurer Zerstörungskraft, worauf der sowjetische Diktator mit demonstrativer Gelassenheit reagiert. Dank der Berichte seines Spionagenetzwerks im Westen weiß Stalin längst um das amerikanische Nuklearprojekt. Er befiehlt seinem Außenminister Wjatscheslaw Molotow umgehend, die sowjetische Eigenentwicklung zu beschleunigen.

Die Verhandlungen über die Demilitarisierung und die Reparationszahlungen im besetzten Deutschland offenbaren den tiefen Riss zwischen den Siegermächten. Während die westlichen Alliierten eine wirtschaftliche Einheit Deutschlands anstreben, um den totalen Kollaps Mitteleuropas zu verhindern, betreibt die sowjetische Besatzungsmacht eine rücksichtslose Demontage in ihrer Zone. Für Stalin besitzt der Wiederaufbau der eigenen Industrie absolute Priorität. Die Sowjetunion beklagt am Ende des Krieges mehr als 26 Millionen Tote und eine vollständige Verwüstung ihrer westlichen Kernlande. Aus dieser existentiellen Schwäche heraus betrachtet die Moskauer Führung die Errichtung ihr ergebener Satellitenregime in Warschau und Bukarest als legitimes Defensivkonzept gegen künftige Invasionen.

Die Spaltung Europas verfestigte sich schrittweise, indem die defensive Absicherung der sowjetischen Westgrenze in Washington zunehmend als imperiale Aggression gedeutet wurde. Im Februar 1946 sendet der amerikanische Diplomat George F. Kennan aus der Moskauer Botschaft eine folgenschwere Analyse nach Washington, die als „Langes Telegramm“ in die Geschichte eingeht. Kennan argumentiert, dass eine historisch gewachsene Paranoia die sowjetische Führung leite, weshalb Moskau keinen dauerhaften Frieden mit dem Kapitalismus anstrebe. Auf diese Lageanalyse reagiert die amerikanische Administration mit der Strategie der Eindämmung (Containment). Nur wenige Wochen nach Kennans Depesche verleiht Winston Churchill dieser neuen Realität im amerikanischen Fulton eine bleibende Metapher, indem er konstatiert, dass sich von Stettin an der Ostsee bis nach Triest an der Adria ein „Eiserner Vorhang“ über den Kontinent gesenkt habe.

Das Diktat der Geopolitik

Im Frühjahr 1947 verlässt die Eindämmungspolitik den Raum der theoretischen Erwägungen und äußert sich in handfesten Truppenstationierungen und Finanzhilfen. Das britische Empire, das durch die immensen Kriegskosten wirtschaftlich ausgeblutet ist, muss die finanzielle Unterstützung der antikommunistischen Kräfte im griechischen Bürgerkrieg sowie der Regierung in Ankara einstellen. In Griechenland kämpfen die kommunistischen Partisanen unter der Führung von Markos Vafiades erbittert gegen die königstreue Regierung.

Harry S. Truman (1884-1972)

Angesichts dieses Machtvakuums im östlichen Mittelmeerraum ergreift Harry S. Truman die Initiative. Am 12. März 1947 tritt der Präsident vor den amerikanischen Kongress, um eine Doktrin zu verkünden, die den außenpolitischen Kurs der Vereinigten Staaten radikal neu ausrichtet. Er erklärt, dass Washington fortan allen freien Völkern beistehen müsse, die sich gegen die versuchte Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder durch äußeren Druck zur Wehr setzen. Truman teilt die Weltgemeinschaft damit rhetorisch in zwei unvereinbare Lebensformen: auf der einen Seite die freie Welt, die sich durch demokratische Institutionen definiert, und auf der anderen Seite das sowjetisch kontrollierte System, das auf Unterdrückung basiert.

Weil die Planer im Washingtoner Außenministerium erkennen, dass der Kommunismus insbesondere in jenen Regionen an Boden gewinnt, in denen wirtschaftliche Not herrscht, koppeln sie die geopolitische Doktrin mit einem beispiellosen Wirtschaftsprogramm. Außenminister George C. Marshall aus dem Kabinett Truman initiiert das European Recovery Program, das unter dem Namen Marshallplan Bekanntheit erlangt. Ab 1948 fließen beträchtliche Geldmengen in Form von Krediten und Sachleistungen nach Westeuropa. Dieses Kapital soll die kriegszerstörten Volkswirtschaften stabilisieren, um sie fest im westlichen Marktgefüge zu verankern.

George C. Marshall (1880-1959)

Josef Stalin durchschaut die ökonomische Stoßrichtung dieses Hilfsprogramms und brandmarkt es als Instrument des amerikanischen Wirtschafts-Imperialismus. Da der Marshallplan eine Offenlegung der wirtschaftlichen Daten voraussetzt, lehnt Moskau die Teilnahme strikt ab. Das Moskauer Zentralkomitee untersagt den unter sowjetischer Kontrolle stehenden Staaten Ostmitteleuropas, an den Verhandlungen in Paris teilzunehmen. Sogar die tschechoslowakische Regierung, die anfangs Interesse signalisiert hatte, muss sich dem Diktat der Kremlführung beugen. Als Reaktion formuliert der sowjetische Chefideologe Andrei Schdanow im September 1947 auf der Gründungsversammlung des Kommunistischen Informationsbüros die sogenannte Zwei-Lager-Theorie. Schdanow teilt die Welt in ein imperialistisches, antidemokratisches Lager unter Führung der USA und ein antiimperialistisches, demokratisches Lager unter Führung der Sowjetunion. Damit erhält die Teilung Europas eine feste vertragliche und ideologische Struktur.

Das Duell über den Luftkorridoren

Das gefährlichste Epizentrum dieses Systemkonflikts bildet das besetzte Deutschland, dessen vormalige Reichshauptstadt Berlin eine geografische Anomalie darstellt. Als Vier-Sektoren-Stadt liegt Berlin wie eine westliche Insel inmitten der sowjetischen Besatzungszone. Die Spannungen eskalieren im Juni 1948, als die Westmächte in ihren Besatzungszonen eine eigenständige Währungsreform durchführen. Mit der Einführung der Deutschen Mark wollen die westlichen Alliierten den wirtschaftlichen Kollaps stoppen, um die Basis für einen demokratischen Teilstaat zu schaffen. Josef Stalin wertet diesen Schritt als eklatanten Bruch der Potsdamer Vereinbarungen und reagiert mit drastischen Maßnahmen. Am 24. Juni 1948 sperrt die Rote Armee sämtliche Land- und Wasserwege, die nach West-Berlin führen. Die sowjetische Führung bezweckt mit dieser Blockade, die Westalliierten zum Rückzug aus der Stadt zu zwingen oder die geplante Weststaatsgründung dauerhaft zu blockieren.

Rosinenbomber, 1948/49

Die abgeriegelte Metropole steht über Nacht vor der existenziellen Frage des Überlebens, da die Vorräte an Energie und Lebensmitteln nur für wenige Wochen ausreichen. Statt jedoch militärisch zu kapitulieren, wählen die Westmächte unter der Initiative des amerikanischen Militärgouverneurs Lucius D. Clay einen logistischen Ausweg durch den Luftraum. Über drei vertraglich vereinbarte Luftkorridore organisieren die Alliierten die Berliner Luftbrücke. Neben der amerikanischen Operation Vittles beteiligt sich die britische Luftwaffe mit der Operation Plainfare an diesem Unternehmen.

Monatelang landen die Transportmaschinen, welche die Berliner Bevölkerung bald als „Rosinenbomber“ bezeichnet, im Minutentakt auf den Flughäfen Tempelhof und Gatow. Um die Landekapazitäten zu erhöhen, errichten französische Pioniere im eigenen Sektor in Rekordzeit den neuen Flughafen Tegel. Die Flugzeuge transportieren ununterbrochen Kohle und Nahrungsmittel in die belagerte Stadt. Dieser immense Kraftakt wandelt das Verhältnis zwischen Besatzern und Besetzten fundamental. Die Westberliner begreifen die amerikanischen und britischen Soldaten fortan als unentbehrliche Schutzmächte gegen den sowjetischen Expansionsdrang, welche die vormalige Rolle der Besatzer ablösen. Als Stalin im Mai 1949 die Wirkungslosigkeit der Blockade einsehen muss und die Verkehrswege wieder öffnet, hat sich die politische Landschaft Deutschlands bereits unumkehrbar verändert.

Die Institutionalisierung der Spaltung

Das Jahr 1949 besiegelt die formale und strukturelle Spaltung Europas. Die Erfahrungen der Berlin-Krise beschleunigen ein militärisches Bündnisprojekt, das die Außenpolitik der Vereinigten Staaten revolutioniert. Im April 1949 unterzeichnen zwölf Staaten in Washington den Nordatlantikvertrag, der die NATO ins Leben ruft. Damit binden sich die USA erstmals in ihrer Geschichte auch in Friedenszeiten an ein dauerhaftes militärisches Beistandsabkommen zur Verteidigung Westeuropas, wodurch sie mit ihrem traditionellen außenpolitischen Isolationismus brechen. Der Kern dieses Vertrages bildet der Artikel 5, der einen bewaffneten Angriff gegen ein Mitglied als Angriff gegen alle Unterzeichner definiert. Fast zeitgleich vollzieht sich die staatliche Teilung Deutschlands. Mit der Verkündung des Grundgesetzes durch den Parlamentarischen Rat unter dem Vorsitz von Konrad Adenauer konstituiert sich am 23. Mai 1949 die Bundesrepublik Deutschland. Die sowjetische Führung reagiert im Oktober desselben Jahres mit der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik. Die Demarkationslinie des Jahres 1945 mutiert damit zu einer verfestigten Staatsgrenze zweier antagonistischer Systeme.

RDS-1, 1949

Die strategische Kräftebalance erfährt im August 1949 eine tektonische Verschiebung, als über dem Testgelände von Semipalatinsk in der kasachischen Steppe die erste sowjetische Atombombe detoniert. Ein amerikanisches Wettererkundungsflugzeug registriert wenig später den radioaktiven Fallout in der Atmosphäre, was die Führung in Washington tief erschüttert. Das amerikanische Nuklearmonopol, das bis dahin als ultimative Garantie der westlichen Eindämmungspolitik galt, bricht schlagartig zusammen.

Hier entblößt sich das fundamentale Paradoxon der Nachkriegsordnung, das als klassisches Sicherheitsdilemma in die Struktur des Konflikts eingeht: Führte das wechselseitige Bedürfnis nach Absicherung – in dem jede protektive Maßnahme des einen Lagers existenzielle Bedrohungsängste beim anderen auslöste – unausweichlich in diese bipolare Versteinerung? Standen die Akteure am Ende des Jahrzehnts vor einer unumkehrbaren Systemkonfrontation, oder boten die ungelösten territorialen Fragen noch Spielraum für eine diplomatische Revision? Die Beantwortung dieser Frage sollte sich bald von den Verhandlungstischen Europas auf die Schlachtfelder Asiens verschieben.


Zum Weiterlesen

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Stöver, B. (2024): Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters 1947–1991.*

Leffler, M. P. / Westad, O. A. (Hrsg.) (2012): The Cambridge History of the Cold War. Volume 1: Origins.*

Gaddis, J. L. (2008): Der Kalte Krieg. Eine neue Geschichte.*

Bildnachweis

Titel: Gruppenfoto nach dem Abschluss der Verhandlungen: Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin.

Alles eigene Bilder oder gemeinfrei.

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