
Am Vormittag des 30. Juli 1930 drängten sich mehr als 80.000 Menschen durch die engen Drehkreuze des noch unfertigen Estadio Centenario in Montevideo. Die berittene uruguayische Polizei postierte sich direkt an den Toren, um die anreisenden Massen aus Buenos Aires zu kontrollieren. Beamte tasteten jeden einzelnen Zuschauer akribisch nach Revolvern ab, während draußen auf dem Río de la Plata dicker Nebel die Sicht vollständig versperrte. Auf diesem Fluss versuchten zeitgleich tausende argentinische Anhänger, die auf hastig gecharterten Dampfern festsaßen, das Ufer zu erreichen, wobei sie ohrenbetäubende Parolen gegen die Gastgeber über das Wasser riefen. Diese aufgeladene Kulisse bildete den Rahmen für ein Endspiel, das die sportliche Rivalität zweier Nachbarstaaten endgültig in ein politisches Massenphänomen verwandelte.
Rimets riskantes Projekt

Der Weg zu diesem ersten Weltmeisterschaftsfinale beruhte im Wesentlichen auf dem diplomatischen Ehrgeiz des FIFA-Präsidenten Jules Rimet. Dieser setzte das Turnier gegen den erbitterten Widerstand der großen europäischen Fußballverbände durch, deren Funktionäre vor allem die enormen Kosten der dreiwöchigen Seereise scheuten. Rimet überzeugte schließlich nur vier Verbände aus Europa zur beschwerlichen Teilnahme. Neben der rumänischen Auswahl bestiegen auch die Teams aus Frankreich und Belgien gemeinsam mit dem Verbandspräsidenten den Luxusdampfer SS Conte Verde, während die jugoslawische Delegation die Überfahrt separat auf der SS Florida antrat.
Auf der Conte Verde absolvierten die Athleten ihre Trainingseinheiten auf dem hölzernen Promenadendeck zwischen den regulären Passagieren. Sie liefen Runden um die gewaltigen Schornsteine und hielten sich mit Gymnastik im Ballsaal fit. Diese provisorische Vorbereitung verdeutlichte die tiefe Kluft zu den südamerikanischen Teams, die bereits unter professionellen Bedingungen trainierten. Uruguay investierte enorme Summen in den monumentalen Stadionbau, um zum hundertjährigen Jubiläum seiner ersten Verfassung die Modernität des Landes vor den Augen der Welt zu demonstrieren.
Der Streit um die zwei Bälle

Beide Finalisten stammten von diesem Ufer des Río de la Plata, denn die europäischen Gäste und die übrigen amerikanischen Teams schieden allesamt vor dem Endspiel aus, sodass sich erneut die beiden südamerikanischen Rivalen gegenüberstanden. Deren Rivalität hatte sich bereits bei den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam zugespitzt, wo Uruguay das entscheidende Spiel gegen den Nachbarn knapp für sich entschied.
In Montevideo erreichte die Nervosität vor dem Wiedersehen ihren Höhepunkt, als sich die Kapitäne beider Mannschaften, José Nasazzi für Uruguay und Manuel Ferreira für Argentinien, in der Kabine uneins über das Spielgerät zeigten.

Da beide Verbände verbissen auf den eigenen, in der Heimat produzierten Ball beharrten, musste der belgische Schiedsrichter John Langenus vermitteln. Er handelte schließlich den Kompromiss aus, dass jede Mannschaft eine Halbzeit lang mit ihrem eigenen Ball spielen durfte; ein Münzwurf bestimmte lediglich die Reihenfolge, sodass die erste Hälfte dem argentinischen und die zweite dem uruguayischen Ball gehörte.
Der Bruch nach der Pause

Der Spielverlauf sollte diese Aufteilung auf kuriose Weise spiegeln. Die Argentinier kombinierten in der ersten Hälfte mit ihrem eigenen Ball präziser und gingen durch Treffer von Carlos Peucelle und Guillermo Stábile mit einer 2:1-Führung in die Kabine, was auf den Rängen prompte Tumulte auslöste, die nur durch das Eingreifen von Soldaten im Innenraum beruhigt werden konnten. Nach dem Seitenwechsel, nun mit dem uruguayischen Ball, wendete sich das Blatt zugunsten der Gastgeber — sodass am Ende jede Mannschaft die mit ihrem eigenen Ball bestrittene Halbzeit dominierte.
Der uruguayische Stürmer Héctor Castro trieb seine Mannschaft dabei unermüdlich an. Ihm fehlte der rechte Unterarm, den er sich als 13-Jähriger bei einem Unfall mit einer elektrischen Säge abgetrennt hatte. Beflügelt von seinem Einsatz glichen die Gastgeber durch Pedro Cea aus, bevor Santos Iriarte die erlösende Führung erzielte. Kurz vor dem Abpfiff köpfte Castro das entscheidende Tor zum 4:2-Endstand.
Ein politisches Nachspiel
Die Nachricht vom Abpfiff löste in beiden Hauptstädten gegensätzliche Reaktionen aus, die die tiefe gesellschaftliche Verankerung des Sports offenbarten. Während die Regierung in Montevideo den folgenden Tag prompt zum nationalen Feiertag erklärte, entlud sich der Frust in Buenos Aires in Gewalt. Eine aufgebrachte Menge zog vor die uruguayische Botschaft, bewarf das Gebäude mit Steinen und lieferte sich erbitterte Straßenschlachten mit der gerufenen Polizei. Der argentinische Fußballverband brach daraufhin die Beziehungen zum uruguayischen Verband vorübergehend ab.
Jules Rimet hingegen sah sein Projekt bestätigt, da die gefüllten Ränge und die grenzüberschreitende Resonanz bewiesen, dass der Fußball die Kraft besaß, Kontinente trotz enormer logistischer Hürden politisch zu mobilisieren. Die FIFA etablierte damit ein Turniersystem, das in den folgenden Jahrzehnten zunehmend in den Fokus globaler Machtpolitik rücken sollte, wie sich nur vier Jahre später beim Turnier im faschistischen Italien unter Benito Mussolini zeigen sollte.

Zum Weiterlesen
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Schulze-Marmeling, D. (2014): Die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft.*
Bildnachweis
Titel: Centenario Stadion, 1930.
Bälle: Wikimedia Commons, Oldepaso. CC BY-SA 3.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.




