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Zwischen Thron und Tributzahlung – Der Iran unter den Qajaren

Wie regiert man ein Land ohne funktionierenden Staat? Der Iran des 19. Jahrhunderts bot auf diese Frage eine erstaunlich stabile, aber zugleich tief ineffiziente Antwort. Unter der Qajar-Dynastie blieb das Reich über weite Strecken formal geeint, tatsächlich aber war es ein loses Geflecht aus lokalen Machtzentren, in dem der Monarch oft weniger herrschte als vermittelte. Verwaltung, Steuern, Justiz und Gewalt lagen nur auf dem Papier beim Schah. In der Praxis teilten sich Geistliche, Stammesführer, Großgrundbesitzer und Händler die Macht.

Schahs der Qajaren-Dynastie
von 1789 bis 1925

  • Agha Mohammad Khan (regierte 1789–1797)
  • Fath Ali Shah (regierte 1797–1834)
  • Mohammad Shah (regierte 1834–1848)
  • Naser al-Din Shah (regierte 1848–1896)
  • Mozaffar al-Din Shah (regierte 1896–1907)
  • Mohammad Ali Shah (regierte 1907–1909)
  • Ahmad Shah (regierte 1909–1925)

Die Qajaren stellten sieben Schahs, bis Reza Khan 1925 die Macht übernahm und die Pahlavi-Dynastie begründete.

Ein Hof ohne Hebel

Wappen der Qajaren

Europäische Beobachter schilderten die Qajaren gern als klassische Despoten. Der Schah, so hieß es, vereinte alle Gewalten in seiner Person. Doch der Anschein trog. Zwar beanspruchte der Hof das Recht, Beamte zu ernennen, Provinzen zu verwalten und Steuern einzuziehen, doch es fehlte an einem Apparat, der diesen Anspruch hätte durchsetzen können. Es gab kaum Beamte, kaum eine Armee und nur ein loses Netzwerk von Ministern, die oft bloß als Titelträger ohne Stab und Budget agierten.

Insbesondere das Steuerwesen offenbarte die strukturelle Schwäche des Staates. Steuerpachten wurden jedes Jahr neu versteigert. Wer am meisten bot, durfte in der Provinz Einnahmen eintreiben – was praktisch bedeutete: Willkür auf lokaler Ebene. Die zentralen Kassen füllten sich langsam, das Vertrauen der Bevölkerung kaum.

Militär in Zahlen – nicht in Wirkung

Ähnlich schwach war das Militär. Auf dem Papier verfügte der Schah über 200.000 Mann. In Wirklichkeit bestand die kampffähige Truppe aus wenigen Tausend Soldaten, vor allem der von russischen Offizieren geführten Kosakenbrigade. Der Rest war nur im Notfall mobilisierbar – und ebenso schnell wieder unauffindbar. Für größere Operationen war der Hof auf loyale Stämme angewiesen, deren Unterstützung teuer erkauft werden musste.

Zugleich wuchs die militärische Macht der Stämme. Durch Schmuggel gelangten moderne Gewehre in ihre Hände. In vielen Regionen war die zentrale Armee den Stammeskämpfern militärisch unterlegen. Der Schah, so klagte ein Berater, könne sein Reich nicht verteidigen – und schon gar nicht kontrollieren.

Gesellschaftliche Ordnung jenseits des Staates

Dass das System dennoch nicht kollabierte, lag an den lokalen Strukturen. In den Städten sorgten Handwerksgilden, Geistliche und wohlhabende Familien für eine gewisse Ordnung. Auf dem Land entschieden Dorfälteste, Großgrundbesitzer oder Stammesführer über Konflikte. Die staatliche Justiz existierte, aber sie hatte kaum Reichweite. Selbst die Hauptstadt verfügte über eine Polizei von nur wenigen Hundert Mann.

Justiz wurde vor allem in zwei Formen gesprochen: religiös und lokal. Die Geistlichen urteilten nach islamischem Recht, auf dem Land galt die Autorität der Notabeln und Ältesten. Staatliche Gerichte, sofern vorhanden, kamen bei Fragen des Strafrechts oder der öffentlichen Ordnung zum Einsatz, aber sie standen meist im Schatten anderer Instanzen.

Die Macht der Geistlichkeit

Bau der Sipahsalar-Moschee in Teheran, zwischen 1879 und 1884

Besonders groß war der Einfluss der Geistlichen. Anders als in vielen sunnitischen Ländern waren sie im Iran wirtschaftlich unabhängig. Religiöse Steuern, Stiftungen und Pilgerwesen machten sie zu einer Art Gegenmacht zum Hof. Die obersten Rechtsgelehrten, die maraje-e taqlid, waren überregional anerkannt und genossen große Autorität – auch in politischen Fragen.

Die Qajaren suchten die Nähe zur Geistlichkeit, um ihre Herrschaft religiös zu legitimieren. Sie finanzierten Moscheen, zeigten sich als fromme Pilger und inszenierten sich als Beschützer des schiitischen Glaubens. Gleichzeitig waren sie auf eine Geistlichkeit angewiesen, die sich nicht kontrollieren ließ.

Ein Land der vielen Sprachen

Die Stadt Isfahan während der Qajar-Zeit. Malerei von Eugène Flandin, 19. Jhdt.

Neben diesen sozialen Gegensätzen war der Iran auch ein Mosaik ethnischer, sprachlicher und religiöser Vielfalt. Die Mehrheit sprach Persisch, doch große Gruppen kommunizierten in Aserbaidschanisch, Kurdisch, Arabisch, Belutschisch oder Turkmenisch. Manche Gebiete waren de facto von Stämmen kontrolliert, die wenig Interesse an der Hauptstadt zeigten.

Auch religiös war der Iran kein homogener Staat. Schiiten stellten zwar die Mehrheit, doch im Osten lebten sunnitische Balutschen, im Westen Kurden, im Norden Turkmenen. Hinzu kamen alteingesessene jüdische, christliche und zoroastrische Gemeinden. Besonders die junge Bahai-Gemeinschaft wurde heftig verfolgt – nicht zuletzt, weil sie vom schiitischen Klerus als Bedrohung wahrgenommen wurde.

Zwischen Pragmatismus und Stillstand

Dass der Qajar-Staat trotzdem über ein Jahrhundert bestand, lag an seiner Fähigkeit zur Balance. Er lebte von Patronage, Kompromissen und gezielter Inaktivität. Wo der Schah nicht durchsetzen konnte, schützte er das eigene Prestige durch symbolische Macht: Titel, Ehren, Vermittlungspositionen. In politischen Krisen agierte der Hof eher als Schiedsrichter denn als aktiver Gestalter.

Diese Struktur hatte eine doppelte Konsequenz: Einerseits war sie erstaunlich stabil. Andererseits blockierte sie tiefgreifende Reformen. Wer den Iran modernisieren wollte, mit einer funktionierenden Armee, einem verlässlichen Steuersystem oder einem einheitlichen Recht, musste zuerst den Staat selbst neu aufbauen. Diese Erkenntnis sollte spätere Bewegungen prägen, von den Konstitutionalisten über Reza Schah bis zur Islamischen Republik.


Zum Weiterlesen

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Ervand Abrahamian: A History of Modern Iran – Sozialgeschichtlich fundierte Gesamtdarstellung, besonders stark in der Analyse von Staatsstruktur und Klassen.
Homa Katouzian: State and Society in Iran – Begründet die These von der strukturellen Schwäche des iranischen Staates im historischen Längsschnitt.

Bildnachweis

Titel: Teheran, 1885.

Karte: Wikimedia Commons, Fabienkhan.

Alles andere gemeinfrei.

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