Serie: Am Anfang war kein Staat – Das alte Israel
Wie sah das Leben jener Menschen aus, die später als Israeliten bezeichnet wurden, bevor es Könige, Verwaltung oder gar einen Tempel gab? Die Spuren sind dünn, doch sie lassen ein Bild von kleinen, selbstständigen Dorfgemeinschaften entstehen, in denen das tägliche Überleben wichtiger war als große Politik.
Dörfer ohne Monumente
Die archäologischen Funde aus dem Bergland Kanaans um 1200 vor unserer Zeitrechnung zeigen eine ländliche Welt. Kleine Siedlungen mit nur wenigen Häusern bildeten den Rahmen. Oft handelte es sich um sogenannte Vier-Raum-Häuser mit Wohnräumen, Stallflächen und Lagerräumen. Menschen und Tiere lebten eng zusammen. Schafe und Ziegen lieferten Milch, Wolle und Fleisch, auf steinigen Feldern wuchsen Getreide, Hülsenfrüchte und Wein.
Gemeinschaft ohne zentrale Macht
Diese frühen Siedlungen hatten keine Stadtmauern, keine Paläste, keine prunkvollen Gräber. Hinweise auf ausgeprägte soziale Unterschiede fehlen. Vieles spricht dafür, dass Entscheidungen im Familienverband oder auf Dorfebene getroffen wurden. Von einer übergeordneten Autorität ist in dieser Zeit nichts zu erkennen.
Richter als Führungsfiguren
Die biblischen Texte beschreiben für diese Epoche die sogenannten Richter. Sie erscheinen als charismatische Persönlichkeiten, die in Krisen Verantwortung übernahmen. Sie hatten weder ein Amt noch eine Dynastie. Historisch sind sie schwer zu greifen, doch sie passen zu einer Gesellschaft, die nur punktuell Führungsrollen kannte.
Religiöse Vielfalt

Auch die Religion war nicht fest organisiert. Archäologische Spuren deuten auf eine Vielzahl kleiner Kultorte: Hausaltäre, Opferstellen auf Felsen, Figuren von Tieren oder Menschen. Die Verehrung eines einzigen Gottes ist in dieser Zeit nicht nachweisbar. Vieles verweist auf kanaanäische Traditionen, darunter den Gott El als Vatergestalt.
Leben im Dorf
Das soziale Leben blieb auf die eigene Siedlung beschränkt. Fernhandel spielte kaum eine Rolle. Die Dorfgemeinschaft versorgte sich selbst mit Nahrung und Gebrauchsgegenständen. Männer und Frauen teilten die Arbeit zwischen Ackerbau, Herd und Viehhaltung. Kinder erhielten schon früh feste Aufgaben.
Die Funde dieser Zeit wirken unspektakulär: Keramikscherben, Mauerwerk, Reste von Vorratsgefäßen. Doch gerade diese Bescheidenheit erzählt eine Geschichte jenseits von Königen und Monumenten. Aus diesem Netzwerk eigenständiger Dörfer, ohne zentrale Macht und ohne geschriebene Gesetze, formte sich über Generationen hinweg jene Gemeinschaft, die später den Namen Israel tragen sollte.
Zum Weiterlesen
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Manfred Clauss (2009): Geschichte des alten Israel.*
Bildnachweis
Titelbild: Negev. Wikimedia Commons, yandud , Hamal Photography.
Esel: Wikimedia Commons, Gideon Pisanty (Gidip) גדעון פיזנטי.

