Walahfrid Strabo schreibt nicht nur über Pflanzen. Er schreibt auch darüber, was es kostet, sie am Leben zu halten. Wer einen Garten haben wolle, müsse die Hände schmutzig machen und Mist auf die ausgetrocknete Erde bringen. Er selbst, betont der Mönch, habe diese Arbeit nicht nur aus alten Büchern kennengelernt, sondern aus eigener Erfahrung.
Das ist für das frühe Mittelalter ungewöhnlich konkret. Ein gelehrter Mönch beschreibt körperliche Arbeit, die er selbst verrichtet haben will. Sein lateinisches Lehrgedicht De cultura hortorum, später meist Hortulus genannt, umfasst 444 Verse und behandelt 23 Pflanzen.
Vom Bodensee nach Fulda
Walahfrid war auf der Reichenau ausgebildet worden. 827 schickte man ihn zur weiteren Ausbildung nach Fulda zu Hrabanus Maurus. Zwei Jahre später kam er an den Hof Ludwigs des Frommen. 838 erhob ihn der Kaiser zum Abt der Reichenau.
Die Insel war für ihn mehr als ein Amtssitz. Während seiner Zeit in Fulda hatte er in einem Gedicht sein Heimweh nach ihr festgehalten. Immer wieder kehrt darin der Ruf „Augia felix“ zurück: glückliche Reichenau. Er erinnert sich an die blühende Landschaft und das mildere Klima am Bodensee.
Seine Rückkehr war allerdings von Konflikten geprägt. Nach dem Tod Ludwigs des Frommen stellte sich der Abt im Streit seiner Söhne auf die Seite Lothars I. Ludwig der Deutsche verdrängte ihn aus dem Abbatiat. Er musste nach Speyer ausweichen und konnte erst 842 auf die Reichenau zurückkehren.
Salbei am Gartenweg
Wann genau Walahfrid den Hortulus vollendete, lässt sich nicht sicher bestimmen. Wahrscheinlich entstand das Gedicht auf der Reichenau, in den Jahren um 840.
Der Gelehrte verzichtet auf eine abstrakte Abhandlung und widmet sich direkt den Pflanzen eines Gartens. Gleich zu Beginn steht der Salbei. Danach behandelt er die Raute. Später folgen etwa Fenchel und Liebstöckel. Auch Kürbis und Melone haben ihren Platz. Den Abschluss bildet die Rose.
Dabei verbindet er Beobachtungen mit überliefertem Wissen über die Wirkung der Pflanzen. Sein Garten ist Nutzfläche. Kräuter können als Heilmittel dienen, andere Pflanzen gehören zur Ernährung.
Doch der Text verrät zugleich, wie viel Mühe zwischen Aussaat und Ernte lag. Gartenarbeit zeigt sich hier als fordernde körperliche Tätigkeit.
Ein Kloster braucht Gärten
Walahfrids kleiner Garten war Teil einer verbreiteten klösterlichen Praxis. Klöster planten Flächen für Heilpflanzen und Küchenkräuter ein. Der um 820 auf der Reichenau entstandene St. Galler Klosterplan zeigt solche Bereiche ausdrücklich. Neben Nutzgärten sah der Entwurf auch einen Ort für Ruhe und Besinnung vor.
Der Plan zeigt ein Ideal. Der Hortulus kommt dem tatsächlichen Arbeiten näher. Dennoch ist er ein kunstvoll geformtes Lehrgedicht und kein reines Tagebuch. Der Abt verband eigene Erfahrungen mit dem Wissen antiker Autoren.
849 verließ Walahfrid die Reichenau noch einmal. Ludwig der Deutsche schickte ihn als Gesandten zu Karl dem Kahlen. Auf der Reise ertrank der Abt beim Übergang über die Loire. Sein kleiner Garten blieb durch ein Gedicht bekannt, in dem ein karolingischer Gelehrter festhielt, dass Wissen über Pflanzen auch mit schmutzigen Händen begann.

Zum Weiterlesen
Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.
Walahfrid Strabo / Schönberger, O. (Hrsg.) (2015): De cultura hortorum (Hortulus). Das Gedicht vom Gartenbau.* Lateinischer Text mit deutscher Übersetzung und Erläuterungen.
Schubert, E. (2025): Alltag im Mittelalter*. Quellennaher Überblick zu Naturerfahrung und Lebensbedingungen im Mittelalter.
Bildnachweis
Titel: Kloster Reichenau, Wikimedia Commons, Hilarmont. CC BY-SA 3.0.
Klosterwiese: Wikimedia Commons, Schlampi. CC BY-SA 3.0.



