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Peter der Einsiedler und der Zug der Unbewaffneten

Menschen in der Picardie und im Rheinland reißen einem Maultier Haare aus und bewahren sie wie Reliquien auf. Der Mann, dem das Tier gehört, ist ein hagerer, barfüßiger Wanderprediger aus Amiens, der in einem knöchellangen Wollgewand durch die Dörfer zieht und erzählt, Christus sei ihm einst in der Grabeskirche zu Jerusalem im Traum erschienen und habe ihm befohlen, sich vom Patriarchen Symeon ein Schreiben geben zu lassen und im Westen zur Befreiung der heiligen Stätten aufzurufen. Während Papst Urban II. auf seiner Predigtreise durch den Süden und Westen Frankreichs zieht, zieht Peter der Einsiedler durch Nordfrankreich, das Rheinland und Westdeutschland, also durch Gegenden, die die päpstlichen Prediger kaum erreichen. Noch bevor Urbans offizieller Aufbruchstermin – das Marienfest am 15. August 1096 – überhaupt näher rückt, sind Peters Anhänger längst unterwegs.

Ein Prediger, kein Feldherr

Der Chronist Guibert von Nogent hat Peter mit eigenen Augen gesehen und beschreibt ihn mit Distanz: ein knöchellanges Wollgewand, darüber eine Kapuze, ein Mantel, der Oberkörper und Teile der Arme bedeckt, die Füße bloß. Zugleich räumt Guibert ein, Peter sei den Armen gegenüber sehr freigebig gewesen und habe „Frieden und Verträge dort wiederhergestellt, wo zuvor Streit geherrscht hatte“. Ein anderer Zeitgenosse zählt auf, wen seine Predigten anzogen: Bischöfe, Äbte, Kleriker und Mönche, dazu einfache Leute jeden Standes, unter ihnen Ehebrecher, Mörder, Diebe und Meineidige.

Ob Peter tatsächlich, wie er selbst erzählte, schon vor Clermont für einen Zug nach Jerusalem geworben hatte oder ob er sich lediglich geschickt an die Stimmung des Frühjahrs 1096 anhängte, lässt sich nicht mehr entscheiden. Für die Ereignisse spielt es keine Rolle. Entscheidend war seine Wirkung: Wo Urban und seine Bischöfe im Süden und Westen mit erfahrenen Anführern verhandelten, taugliche Soldaten auswählten, Eide abnahmen und über Finanzierung und Verpflegung berieten, warb Peter für einen spontaneren, volkstümlichen Aufbruch. Er lud jeden ein, der sich berufen fühlte. So folgten ihm neben kampferfahrenen Rittern auch Kleriker, Greise, Frauen, Kinder und Mittellose. Urban hatte nach der Fassung des Chronisten Robert von Reims Alte und Waffenuntaugliche zurückhalten wollen und die Teilnahme anderer an Bedingungen geknüpft: Geistliche brauchten die Erlaubnis ihres Bischofs, Frauen sollten nur mit Ehemann, Bruder oder einem rechtmäßigen Beschützer reisen, und die Wohlhabenden sollten den Bedürftigen beistehen. Peters Anhänger scherten sich um keine dieser Auflagen.

Ein Zug ohne einheitliches Kommando

Peter der Einsiedler, Darstellung um 1500

Peters Gefolgschaft zog in getrennten, zeitversetzten Trupps los anstatt als geschlossenes Heer. Der französische Kleinadlige Walter Sans-Avoir führte nach dem Chronisten Albert von Aachen etwa acht Ritter und eine große Schar Fußvolk an – nach modernen Schätzungen mehrere tausend Menschen – und erreichte Ungarn zuerst. Zwei Wochen später folgte Peter selbst mit fünfzehn- bis zwanzigtausend Menschen, unter denen sich zwar bewaffnete und kriegserfahrene Männer befanden, aber ebenso viele besitzlose Pilger. Eine Gruppe von Bauern zog sogar hinter einer Gans und einer Ziege her, in denen sie den Heiligen Geist wohnend glaubte. Es war ein Zug, den kein Feldherr in der Hand hielt – und der auf Herrscher traf, die mit einer derart unkontrollierbaren Menschenmenge nichts anzufangen wussten.

Durch Ungarn und den Balkan

König Koloman von Ungarn ließ Walter Sans-Avoirs vorausziehende Truppe passieren, ebenso zunächst Peters Hauptzug. Doch die nachfolgenden Gruppen randalierten. Im Juli spießte eine Bande deutscher Kreuzfahrer auf dem Marktplatz einen jungen Ungarn mit einem Pfahl auf, worauf Koloman seine Truppen gegen die Unruhestifter schickte. Als Anfang August die deutlich größere und gewalttätigere Streitmacht des Grafen Emicho von Flonheim, die zuvor in den Städten am Rhein die jüdischen Gemeinden überfallen hatte, an der Grenze erschien, verriegelte Koloman das Land vollständig. Emicho belagerte daraufhin drei Wochen lang die Grenzfeste Wieselburg, ehe die Ungarn sein Heer in alle Winde zerstreuten.

Jenseits Belgrads, auf byzantinischem Gebiet, wuchsen die Spannungen weiter. Zwar hatten die kaiserlichen Behörden die ersten kleinen Gruppen versorgt und die Märkte durch sprachkundige Beamte überwachen lassen. Doch je mehr die Zahl der Westler von Hunderten auf Zehntausende anschwoll, desto häufiger kam es zu Gefechten mit griechischen Milizen, etwa bei Niš und auf dem Weg nach Sofia. Die Prinzessin Anna Komnene erinnerte sich später, wie in Konstantinopel die Nachricht vom Anmarsch dieser ersten „fränkischen Heere“ Beunruhigung auslöste. Man spottete über den Anführer, der „Koukoupetros“ genannt wurde – Peter der Kuckuck –, und Anna schrieb, eine Heuschreckenplage habe seine Ankunft angekündigt.

Vor den Toren Konstantinopels

Am 1. August 1096 erreichte Peters Zug die byzantinische Hauptstadt und sorgte dort sofort für Aufruhr. Nach dem Bericht der anonymen Chronik Gesta Francorum rissen die Ankömmlinge das Blei von den Kirchendächern und verkauften es an die Griechen. Kaiser Alexios I. Komnenos, der auf eine disziplinierte Streitmacht gehofft hatte, ließ die plündernde Menge rasch über den Bosporus nach Kibotos übersetzen, wo sie auf Verstärkung warten sollten. Doch auch dort blieb Zurückhaltung aus. Anna berichtet von Gräueltaten an der einheimischen Bevölkerung Kleinasiens, verübt von Kreuzfahrern, die sich in einem Gebiet bewegten, das zwischen Byzantinern und den Seldschuken von Rum umkämpft war und in dem sie für ihre Versorgung von den Lieferungen des Kaisers und von dem abhingen, was sie sich zusammenraubten.

Xerigordo und Kibotos

Eine Gruppe deutscher und italienischer Ritter besetzte die verlassene Burg Xerigordo bei Nikaia und wurde dort von Truppen des Sultans Qilij Arslan I. eingeschlossen. Vom Wasser abgeschnitten, tranken die Belagerten schließlich Pferdeblut und eigenen Urin, ehe die türkischen Reiter die Festung stürmten. Einige der jüngsten Gefangenen wurden verschleppt, die übrigen getötet, manche als Zielscheiben mit Pfeilen erschossen.

Im Hauptlager von Kibotos forderten die Zurückgebliebenen daraufhin Rache. Am Morgen des 21. Oktober zog das Heer in Richtung Nikaia aus und geriet wenige Meilen vom Lager entfernt, in einem bewaldeten Tal nahe dem Ort Drakon, in einen Hinterhalt von Qilij Arslans Reitern. Walter Sans-Avoir fiel, die Kolonne löste sich in wilde Flucht auf, und die Verfolger drangen bis ins Lager vor, wo sie die Zurückgebliebenen niedermachten. Ein Teil der Überlebenden verschanzte sich in einer verlassenen Festung am Meer, bis byzantinische Schiffe sie aufnahmen. Anna Komnene beschreibt den gewaltigen Knochenhaufen, den die Gefallenen hinterließen. Peter der Einsiedler war zu diesem Zeitpunkt in Konstantinopel und entging so dem Untergang seiner eigenen Bewegung. Er blieb als Randfigur bis zum Ende des Kreuzzugs präsent, doch seine Anhänger waren größtenteils tot.

Alexios Komnenos hatte in den Westen um Gottes Heere gebeten. Im Herbst 1096 musste ihm scheinen, er habe stattdessen die Hintertür seines Reiches für eine Schar von Unheilstiftern geöffnet. Peter selbst überdauerte die Katastrophe; er schloss sich später den Fürstenheeren an und stand 1099 noch vor den Mauern Jerusalems, wo er eine Bittprozession anführte. Doch die Bewegung, die seinen Namen trug, hatte da längst aufgehört zu bestehen – ihre Zehntausende lagen in den Wäldern Anatoliens, ehe der Krieg, für den sie aufgebrochen waren, überhaupt begonnen hatte.


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Jones, D. (2025): Kreuzfahrer. Der Kampf um das Heilige Land.* Erzählerische Gesamtdarstellung der Kreuzzüge, auf der diese Serie beruht.

Rubenstein, J. (2011): Armies of Heaven. The First Crusade and the Quest for Apocalypse.* Untersuchung der apokalyptischen Erwartungen, die den Aufbruch nach Clermont befeuerten.

Bildnachweis

Titel: Peter der Einsiedler weist den Kreuzrittern den Weg nach Jerusalem. Französische Darstellung um 1270.

Alle Bilder gemeinfrei.

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