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Emicho von Flonheim und die Pogrome am Rhein

Im Bischofshof von Mainz drängen sich Ende Mai 1096 Hunderte Juden, ganze Familien der Gemeinde, denen Erzbischof Rothard gegen Geld seinen Schutz zugesagt hat. Vor den Stadtmauern lagert seit dem 25. Mai ein Heer, das nach Jerusalem ziehen will, angeführt von Graf Emicho von Flonheim. Zwei Tage später öffnen Mainzer Bürger ihm die Tore. Was dann im Hof und in der Halle des Erzbischofs geschieht, gehört zu den am dichtesten überlieferten Gewalttaten des ganzen Unternehmens: Christliche Chronisten haben es ebenso festgehalten wie jüdische, und es trifft Menschen, die mit dem Krieg gegen die Türken nichts zu tun haben.

Ein Graf mit schlechtem Ruf

Emicho war ein begüterter Graf aus Rheinhessen, dessen Ruf schon vor dem Aufbruch litt. Der Chronist Ekkehard von Aura, der wenige Jahre später selbst nach Jerusalem zog, nennt ihn wegen seiner tyrannischen Lebensführung berüchtigt. Im Frühjahr 1096 hatte Peter der Einsiedler im Rheinland gepredigt und das Osterfest in Köln verbracht. In der aufgeheizten Stimmung, die er hinterließ, sammelte Emicho eine eigene Schar, der sich weitere Anführer anschlossen, darunter der schwäbische Graf Hartmann von Dillingen und französische Herren wie Thomas von Marle und Wilhelm der Zimmermann, Vizegraf von Melun. Sie handelten aus eigenem Antrieb, ohne päpstlichen Legaten an ihrer Seite.

Kaufleute unter dem Schutz der Bischöfe

Die jüdischen Gemeinden von Speyer, Worms, Mainz und Köln gehörten zu den ältesten und wohlhabendsten im Reich. Ihre Mitglieder handelten über weite Entfernungen, etwa mit Wein und Tuchen, und lebten unter dem Schutz der Bischöfe, die sie als Steuerzahler und Händler schätzten. Bischof Rüdiger von Speyer hatte Juden 1084 eigens in seine Stadt geholt und ihr Viertel mit einer Mauer umgeben; Kaiser Heinrich IV. bestätigte den Gemeinden von Speyer und Worms 1090 ihre Rechte.

Was die Kreuzfahrer gegen diese Nachbarn aufbrachte, legt der jüdische Chronist Salomo bar Simson ihnen selbst in den Mund. Sie zögen weit fort, um sich an den Ungläubigen im Osten zu rächen, während doch die Juden, deren Vorfahren Christus gekreuzigt hätten, mitten unter ihnen lebten; mit ihnen müsse man beginnen. Hinzu kam die Aussicht auf Beute, die einen weiten und teuren Weg finanzieren konnte. Ekkehard von Aura, der Emichos Charakter verachtete, schrieb über das Vorgehen der Rheinländer dennoch billigend, sie hätten die Juden entweder vernichtet oder in den Schoß der Kirche gezwungen.

Speyer und Worms

Den ersten Schlag führten Kreuzfahrer und Bürger am 3. Mai in Speyer, einem Sabbat, gegen die Synagoge. Die Gemeinde war gewarnt und hatte ihr Gebet vorgezogen; elf Menschen kamen um. Bischof Johann nahm die Überlebenden in seinen Schutz und ließ einigen der Mörder die Hände abschlagen.

In Worms gelang ein solcher Schutz nicht. Am 18. Mai fielen Kreuzfahrer und Bürger über jene her, die in ihren Häusern geblieben waren; eine Woche später, am 25. Mai, stürmten sie auch den Bischofshof, in den sich die übrigen geflüchtet hatten. Der sogenannte Mainzer Anonymus, eine der hebräischen Chroniken, nennt als Auslöser ein Gerücht, die Juden hätten einen toten Christen gekocht und mit dem Wasser die Brunnen vergiftet. Ob diese Passage auf das Jahr 1096 zurückgeht oder erst im 14. Jahrhundert eingefügt wurde, ist in der Forschung umstritten. Die hebräischen Chroniken zählen rund achthundert Tote. Unter ihnen war Isaak, der Sohn des Daniel, den die Angreifer mit einem Strick um den Hals durch den Straßenschlamm schleiften und vor die Wahl zwischen Taufe und Tod stellten. Als er mit herausgepresster Zunge nicht mehr sprechen konnte, fuhr er sich mit dem Finger über die Kehle. Seine Peiniger verstanden die Geste und schlugen ihm den Kopf ab.

Mainz, 27. Mai 1096

Die Mainzer Gemeinde hatte von Speyer und Worms gehört, bevor Emicho vor ihrer Stadt erschien. Sie zahlte dem Erzbischof und dem Burggrafen Geld für ihren Schutz und bot auch Emicho Gold, damit er weiterziehe. Rothard nahm, so berichtet der christliche Chronist Albert von Aachen, etwa siebenhundert Menschen in die geräumige Halle seines eigenen Hauses auf, fern vom Blick des Grafen und seiner Leute. Doch als die Bürger am 27. Mai die Tore öffneten und Emichos Männer den Bischofshof bei Tagesanbruch angriffen, flohen die Bewaffneten des Erzbischofs, und Rothard selbst brachte sich in Sicherheit.

Albert, der die Juden als Ungläubige betrachtete, schildert das Folgende ohne jede Beschönigung. Die Angreifer erschlugen die Frauen und durchbohrten Kinder jeden Alters; die Eingeschlossenen töteten daraufhin einander, und Mütter schnitten ihren Säuglingen die Kehle durch, um sie nicht den Waffen der Angreifer zu überlassen. Salomo bar Simson erzählt dieselben Stunden als Heiligung des göttlichen Namens, als Martyrium, und bewahrt die Namen der Toten. Er berichtet von Rachel, der Tochter Isaaks, die ihre vier Kinder tötete, bevor die Angreifer die Kammer erreichten. Seine Chronik zählt in Mainz rund elfhundert Tote. Nur wenige überlebten, mehrere von ihnen, weil sie sich taufen ließen.

Köln und die Dörfer am Niederrhein

Emicho zog mit reicher Beute nach Osten weiter, doch die Gewalt im Rheinland endete damit nicht. In Köln verteilte Erzbischof Hermann III. die Juden der Stadt Anfang Juni auf umliegende Orte, darunter Neuss und Wevelinghofen an der Erft. Ende Juni spürten Kreuzfahrerscharen sie dort auf. Ob Emichos Leute daran beteiligt waren, lässt sich nicht klären, denn die hebräischen Chronisten sprechen nur allgemein von den „Irrenden“. In Wevelinghofen suchten viele den Tod im Wasser, und Väter töteten ihre Kinder, bevor die Angreifer sie erreichten.

Vor Wieselburg

Emichos Heer folgte unterdessen Main und Donau bis an die Grenze Ungarns. König Koloman, den frühere Kreuzfahrerscharen bereits mit Plünderungen herausgefordert hatten, verweigerte ihm den Durchzug. Emicho belagerte daraufhin im August die Grenzfeste Wieselburg, und seine Leute hatten schon eine Bresche in die Mauer geschlagen, als unter ihnen plötzlich Panik ausbrach. Das Heer floh, die Ungarn setzten nach und erschlugen viele. Emicho selbst kehrte in seine Heimat zurück.

Albert von Aachen, Kloster Knechtsteden, 1160

Albert von Aachen deutete die Katastrophe als Strafgericht: Die Hand des Herrn habe sich gegen die Pilger gewandt, weil sie gesündigt und die vertriebenen Juden grausam abgeschlachtet hätten. Kaiser Heinrich IV. zog 1097, aus Italien zurückgekehrt, eigene Folgerungen. Er erlaubte den Zwangsgetauften, zu ihrem Glauben zurückzukehren, gegen den Protest seines Papstes Clemens III. Im Mai 1098 ließ er in Mainz untersuchen, wohin der Besitz der Toten gelangt war. Erzbischof Rothard, dem man vorwarf, an diesem Besitz beteiligt gewesen zu sein, entzog sich der Untersuchung durch die Flucht nach Thüringen.


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Jones, D. (2025): Kreuzfahrer. Der Kampf um das Heilige Land.* Erzählerische Gesamtdarstellung der Kreuzzüge, auf der diese Serie beruht.

Rubenstein, J. (2011): Armies of Heaven. The First Crusade and the Quest for Apocalypse.* Untersuchung der apokalyptischen Erwartungen, die den Aufbruch nach Clermont befeuerten.

Bildnachweis

Titel: Verfolgung der Mainzer Juden durch die Kreuzfahrer, 1096. Druck von 1873.

Albert von Aachen: Wikimedia Commons, Michael Witwer. CC BY-SA 4.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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