Am 6. Mai 1097 erreichten die ersten Heere der Kreuzfahrer eine Stadt, an der jeder Vorwärtsdrang zu enden drohte. Nikaia, die Hauptstadt des Seldschukensultans Qilij Arslan I., lag hinter hohen Mauern, deren Türme Wurfmaschinen trugen; an der Westseite reichte sie an den See Askania heran, über den die Verteidiger Getreide und Feuerholz in die Stadt holen konnten. Der Chronist Robert der Mönch nannte sie später den bedeutendsten Ort Anatoliens, dem kein anderer gleichkomme. Ihr Herr war abwesend: Qilij Arslan führte im Osten Krieg gegen die rivalisierenden Danischmendiden, denn nach dem Untergang von Peters Zug im Vorjahr hielt er die Franken für keine ernste Gefahr mehr.
Die Heere vor der Stadt

Die Streitmacht, die sich nun vor Nikaia sammelte, traf in Etappen ein. Zuerst schlugen Gottfried von Bouillon und Robert von Flandern ihr Lager auf, gefolgt von den Normannen Süditaliens unter Bohemund von Tarent und seinem Neffen Tankred. Bohemund war zunächst bei Kaiser Alexios I. Komnenos geblieben, um den Nachschub zu regeln, und stieß erst gut eine Woche später zu seinen Leuten. Raimund von Toulouse und der päpstliche Legat Adhémar von Le Puy erreichten die Stadt am 16. Mai, Robert Kurzhose, Herzog der Normandie, und Stephan von Blois erst Anfang Juni. Fast alle Fürsten hatten Alexios in Konstantinopel einen Eid geleistet und zugesagt, ihm zurückgewonnene byzantinische Städte zu übergeben; Nikaia, erst um 1081 an die Seldschuken verloren, war die erste davon.
Die Fürsten verteilten ihre Truppen um die Landseiten der Stadt, Bohemund im Norden, Gottfried im Osten, und ließen ihre Zimmerleute Rammböcke und Steinschleudern bauen. Die Sappeure, die den Mauerfuß aufbrechen sollten, schützten bewegliche Holzdächer, die die Kreuzfahrer „Säue“ oder „Katzen“ nannten. Von den Zinnen antworteten die Verteidiger mit Pfeilen, die nach Robert dem Mönch vergiftet waren, sodass selbst leicht Verwundete elend starben.
Der Sultan kehrt zurück
Qilij Arslan hatte inzwischen begriffen, dass dieses Heer ein anderes war, und eilte mit seinen Reitern zurück. Am 16. Mai brachen sie aus den bewaldeten Hängen südlich der Stadt hervor, nach der anonymen Chronik Gesta Francorum mit Stricken im Gepäck, um die Gefangenen als Sklaven nach Chorasan zu führen. Sie trafen genau dort auf das Heer Raimunds von Toulouse, das am selben Tag eintraf. Raimunds Ritter und die Truppen Adhémars schlugen den Angriff in einem langen, verlustreichen Gefecht zurück. Danach schleuderten die Kreuzfahrer abgeschlagene Köpfe gefallener Türken über die Mauern; die Verteidiger ließen Haken von den Zinnen herab, zogen tote Lateiner hinauf und hängten sie zum Spott an den Türmen auf. Der Sultan zog sich ins Hochland zurück und überließ Nikaia sich selbst.
Der Turm, der nicht fiel
In den ersten Junitagen gruben Raimunds Sappeure einen Stollen unter einen Turm an der Südseite, stützten ihn mit Holzbalken und setzten diese in Brand. Ein Teil der Mauer stürzte ein, doch die Verteidiger schlossen die Lücke über Nacht mit Schutt und neuem Mauerwerk. Tag für Tag rannten die Angreifer gegen die Bresche an. Ein lateinischer Augenzeuge meinte, so viele tapfere Ritter habe wohl noch niemand versammelt gesehen. Solange aber Boote vom Westufer des Sees Nachschub brachten, hielt Nikaia jedem Sturm stand.
Schiffe auf dem See
Den Ausweg fand Alexios, der die Belagerung von Pelekanon am Golf von Nikomedia aus verfolgte und den Fürsten seinen Vertrauten Tatikios beigegeben hatte, den Sohn eines Arabers in byzantinischen Diensten, der seine Nase im Krieg verloren hatte und eine goldene Prothese trug. Auf Bitten der Fürsten ließ der Kaiser kleine Schiffe auf Wagen von der Küste des Marmarameers bei Kios über Land zum See schaffen. Ihr Befehlshaber war Manuel Butumites, ein Offizier, der bereits heimlich mit der Besatzung verhandelte.
Am Morgen des 18. Juni glitten die Schiffe, bemannt mit Turkopolen, byzantinischen Söldnern türkischer Herkunft, unter Trommeln und Trompeten über den See, während die Kreuzfahrer an Land zum Sturm antraten. Robert der Mönch schildert, wie in der Stadt Mütter mit ihren Töchtern, Junge mit Alten in Wehklagen ausbrachen, weil ihnen jeder Fluchtweg genommen war. Die Besatzung zog die Übergabe an den Kaiser einem Sturm der Lateiner vor. Am 19. Juni ließ sie Butumites ein, und als die Kreuzfahrer zum Angriff ansetzten, wehten bereits die kaiserlichen Banner über den Mauern.
Beute für den Kaiser
Für die Fürsten erfüllte sich damit ihr Eid, für viele ihrer Leute aber platzte die Hoffnung auf Beute. Butumites ließ nur kleine Gruppen von Lateinern in die Stadt und schützte Häuser wie Bewohner vor Plünderung. Die türkischen Befehlshaber und Qilij Arslans Frau samt Kindern brachte er nach Konstantinopel; die Sultansgattin kehrte später ohne Lösegeld zu ihrem Mann zurück. Alexios versuchte, den Unmut mit Geld zu besänftigen. In Pelekanon beschenkte er die Fürsten mit Gold und Seide und ließ unter den einfachen Kreuzfahrern Almosen verteilen. Der Chronist Ralph von Caen fasste die Einnahme dennoch als gemeinsames Werk auf: Gallien habe sie gesichert, Griechenland geholfen und Gott sie bewirkt.
Nicht jeder ließ sich so leicht gewinnen. Tankred, der in Konstantinopel den Eid verweigert hatte, sollte ihn nun in Pelekanon leisten. Nach der byzantinischen Prinzessin Anna Komnene verlangte er dafür das kaiserliche Zelt, bis oben mit Gold gefüllt, dazu alles, was die übrigen Fürsten erhalten hatten. Erst nach einem Handgemenge mit einem Verwandten des Kaisers und auf Drängen Bohemunds schwor er.
Am 26. Juni brachen die Heere nach Osten auf. Stephan von Blois schrieb seiner Frau Adela noch aus dem Lager vor Nikaia, in fünf Wochen werde man in Jerusalem sein, sofern Antiochia keinen Widerstand leiste. Bis vor die Mauern Jerusalems sollten es fast zwei Jahre werden.

Zum Weiterlesen
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Jones, D. (2025): Kreuzfahrer. Der Kampf um das Heilige Land.* Erzählerische Gesamtdarstellung der Kreuzzüge, auf der diese Serie beruht.
Rubenstein, J. (2011): Armies of Heaven. The First Crusade and the Quest for Apocalypse.* Untersuchung der apokalyptischen Erwartungen, die den Aufbruch nach Clermont befeuerten.
Bildnachweis
Titel: Festung Nikaia : Wikimedia Commons, Carole Raddato. CC BY-SA 2.0.
Lefke-Tor: Wikimedia Commons, QuartierLatin1968. CC BY-SA 3.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.




