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Die erfundene Urgeschichte

In der Mitte des 19. Jahrhunderts glaubte man, in den Erdschichten nicht nur Fossilien, sondern die Wahrheit über das Wesen des Menschen gefunden zu haben. Doch die Geschichte der Urgeschichtsforschung ist vor allem eine Geschichte der Umdeutungen. Wie Stefanos Geroulanos in The Invention of Prehistory zeigt, wurde das Bild unserer Vorfahren immer wieder radikal neu gezeichnet – mal als friedfertige Genossen, mal als mörderische Bestien, je nachdem, welche Vision der Gegenwart gerade legitimiert werden sollte.

Der „Naturzustand“ als politische Waffe: Rousseau gegen Hobbes

Der erste große Deutungskonflikt entbrannte lange vor den ersten Knochenfunden am Schreibtisch. Jean-Jacques Rousseau entwarf das Bild des „edlen Wilden“, der in einer Art harmonischer Kindheit der Menschheit lebte. Für ihn war die Urgeschichte der Beweis, dass soziale Ungleichheit kein Naturgesetz, sondern ein Fehler der Zivilisation sei.

Ganz anders der Zugriff im kolonialen Kontext: Hier wurde die Urgeschichte zur Rechtfertigung von Herrschaft. Wenn man indigene Völker in Afrika oder Amerika als „lebende Fossilien“ definierte, die noch in der Steinzeit verharrten, konnte man ihre Unterwerfung als notwendigen „Fortschritt“ tarnen. Die Urgeschichte war hier kein verlorenes Paradies, sondern ein dunkler Zustand, den es zu überwinden galt.

Die Nationalisierung der Ahnen: Germanen und Indogermanen

Im 19. Jahrhundert, als Europa nach nationaler Identität suchte, wurde die Urgeschichte ethnisiert. Archäologen und Sprachwissenschaftler erfanden das Konzept der „Indogermanen“ (oder Arier). Plötzlich ging es nicht mehr um die Menschheit als Ganzes, sondern um eine vermeintliche Überlegenheit des Nordens.

Ein konkretes Beispiel für diese Umdeutung ist die Figur des „barbarischen Vorfahren“. War dieser bei den Römern noch das Symbol für Kulturlosigkeit, wurde er im deutschen Kaiserreich zum Ideal des freien, unverdorbenen Kriegers umgedeutet. Diese Erzählung diente dazu, eine ungebrochene Linie von der Steinzeit bis zur modernen Nation zu ziehen und territoriale Ansprüche historisch zu untermauern.

Der Sündenfall der Gewalt: Vom Sammler zum Killer-Affen

Nach den Verheerungen der Weltkriege änderte sich der Blickwinkel erneut. Man suchte in der Urgeschichte nach einer Erklärung für die menschliche Zerstörungswut. Die Entdeckung des Australopithecus durch Raymond Dart in Südafrika wurde zum Anlass für eine düstere Umdeutung: Der Mensch sei kein „Zoon Politikon“, sondern ein „Killer-Affe“.

Dart behauptete, der entscheidende Schritt in der Evolution sei nicht der aufrechte Gang oder das große Gehirn gewesen, sondern die Erfindung der Waffe. Diese „Killer-Affen-Theorie“ wurde in der Nachkriegszeit populär (und prägte berühmte Bilder wie den Knochen-Wurf in Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum). Sie diente als bequeme Entschuldigung: Wenn Gewalt biologisch in unserer Urgeschichte verankert ist, trägt das Individuum weniger Schuld an den Gräueln der Moderne.

Die Sehnsucht nach dem Wir: Der Ur-Kommunismus

Parallel dazu existierte eine linke Umdeutung der Urgeschichte. Denker wie Friedrich Engels sahen in den frühen Stammesgesellschaften einen „Ur-Kommunismus“. Da es damals angeblich kein Privateigentum an Boden gab, wurde die Urgeschichte zum Beweis dafür, dass der Kapitalismus nicht das Ende der Geschichte sein muss. In dieser Lesart war die Urgeschichte keine Warnung, sondern ein Versprechen: eine Erinnerung daran, dass der Mensch von Natur aus zur Kooperation und zum Teilen fähig ist.

Fazit: Eine Erfindung für die Zukunft

Diese ständigen Umdeutungen zeigen: Die Urgeschichte ist ein „leeres Feld“, das wir mit unseren eigenen Werten füllen. Ob wir in ihr das friedliche Paradies oder die gewaltsame Bestialität suchen, sagt mehr über unsere aktuellen Ängste und Hoffnungen aus als über das tatsächliche Leben vor 40.000 Jahren. Wir erfinden unsere Anfänge immer wieder neu, um zu rechtfertigen, wer wir heute sein wollen.


Neanderthaler im Neanderthaler-Museum Rösrath, 2015

Zum Weiterlesen

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Geroulanos, S. (2024): The Invention of Prehistory: Empire, Violence, and Our Obsession with Human Origins.*

Bildnachweis

Titel: The Man of La Chapelle-aux-Saints, František Kupka, 1905.

Alle Bilder gemeinfrei.

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