Am 1. September 1983 stieg eine Boeing 747 der Korean Air Lines mit der Flugnummer 007 von Anchorage in Alaska auf. An Bord befanden sich 269 Menschen, unter ihnen viele Geschäftsreisende, aber auch ein US-Kongressabgeordneter. Ihr Ziel war Seoul. Doch die Maschine erreichte Südkorea nie. Über der sowjetischen Insel Sachalin wurde sie von einem Abfangjäger der Luftstreitkräfte getroffen und stürzte ins Meer. Alle Insassen kamen ums Leben.
Verirrung im Sperrgebiet

Die Route des Flugzeugs führte über den Nordpazifik, wo es durch Navigationsfehler von seiner vorgesehenen Linie abwich. Statt parallel zur sowjetischen Grenze zu fliegen, drang die Maschine immer tiefer in den sowjetischen Luftraum vor. In der angespannten Atmosphäre des Kalten Krieges war dies ein höchst gefährlicher Zwischenfall. In Kamtschatka und Sachalin lagen bedeutende Stützpunkte der sowjetischen Raketenstreitkräfte. Radaranlagen registrierten den Eindringling, der mehrere Stunden lang unbemerkt geblieben war.
Die Gefahr dieser Situation wurde durch einen weiteren Umstand verschärft: Zur gleichen Zeit operierte ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug vom Typ RC-135 in der Region. Diese Maschinen, äußerlich großen Passagierflugzeugen ähnlich, sammelten elektronische Daten über Radaranlagen, Raketenstarts und Funkverkehr. Sie flogen häufig entlang der sowjetischen Grenze, drangen aber gezielt in Radarzonen ein, um Reaktionen der Luftverteidigung zu provozieren und auszuwerten. Für sowjetische Radarsysteme sah die Annäherung von KAL 007 täuschend ähnlich aus wie die eines RC-135 – beide Typen waren in Größe und Silhouette vergleichbar, vor allem im Dunkel der Nacht. Die Präsenz des Aufklärungsflugzeugs verstärkte in Moskau die Vorstellung, das Passagierflugzeug sei Teil einer verdeckten Operation mit ziviler Tarnung.
Befehl zum Abschuss

Als der Jumbojet Sachalin erreichte, starteten sowjetische Abfangjäger. Oberstleutnant Gennadi Ossipowitsch erhielt den Auftrag, das Ziel zu identifizieren und im Zweifel auszuschalten. Die Kommunikation mit der Zentrale war angespannt, die Identität des Flugzeugs blieb unklar. Obwohl Ossipowitsch nach eigenen Angaben Positionslichter sah, hielt er dies für eine amerikanische Täuschung. So sehr hatten die regelmäßigen RC-135-Flüge die Wahrnehmung sowjetischer Piloten geprägt. Er feuerte zwei Luft-Luft-Raketen ab. Die Boeing wurde getroffen, verlor an Höhe und stürzte in das Japanische Meer.
Weltweite Empörung
Die Nachricht löste internationale Bestürzung aus. US-Präsident Ronald Reagan sprach von einem „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. In Washington verband man den Vorfall mit einer breiteren Strategie, die Sowjetunion als aggressiven Gegner darzustellen. Im Westen blieb weitgehend unbeachtet, dass sowjetische Stellen von einem Aufklärungsflug ausgegangen waren. Moskau veröffentlichte die Funksprüche erst Jahre später, nachdem die Sowjetunion zerfallen war.
Für die NATO kam der Zwischenfall zu einem Zeitpunkt verstärkter Militärübungen. Die USA hatten neue Mittelstreckenraketen nach Europa verlegt, und das Manöver „Able Archer“ im Herbst 1983 führte die Spannungen an einen Höhepunkt. In diesem Umfeld wurde der Abschuss des südkoreanischen Flugzeugs als Beleg für die Gefährlichkeit der Sowjetunion interpretiert.
Folgen für den Kalten Krieg

Langfristig hatte die Katastrophe mehrere Wirkungen. Erstens beschleunigte sie die Entscheidung, das US-amerikanische Global Positioning System (GPS) für zivile Zwecke freizugeben, um Navigationsfehler zu vermeiden. Zweitens verschärfte sie die politische Rhetorik zwischen Ost und West, noch bevor ein Jahr später die Stationierung der Pershing-II-Raketen in Mitteleuropa begann. Drittens blieb der Vorfall im Gedächtnis als Symbol für das Risiko, dass Missverständnisse in der Hochphase des Kalten Krieges tödliche Folgen haben konnten.
Der Absturz von KAL 007 macht deutlich, dass die Konfliktlage der frühen 1980er Jahre direkte Auswirkungen auf das Leben von Zivilisten hatte, die zufällig in den geopolitischen Spannungsfeldern gerieten.
Zum Weiterlesen
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Hoffman, D. (2009): The Dead Hand: The Untold Story of the Cold War Arms Race and Its Dangerous Legacy – Überblick über die Eskalationsphase des Kalten Krieges.*
Gaddis, John Lewis (2007): The Cold War: The Deals. The Spies. The Lies. The Truth.*
Bildnachweis
Titel: KAL 007, 1980.
Karte: Wikimedia Commons, Mgarin73.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

