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Die Toten in den Schiffen von Salme

Schwert aus einem Schiffsgrab von Salme.

Auf der estnischen Insel Saaremaa kamen bei Bauarbeiten die Reste eines Bootes mit menschlichen Knochen zum Vorschein. Ein zweiter Fund machte aus der Entdeckung von Salme einen außergewöhnlichen Bestattungsplatz. In den beiden Fahrzeugen lagen insgesamt 41 Männer. Die Gräber stammen ungefähr aus der Mitte des 8. Jahrhunderts, Jahrzehnte vor dem berühmten Angriff auf Lindisfarne.

Die Toten waren bewaffnet gewesen. Verletzungen an mehreren Skeletten sprechen für gewaltsame Auseinandersetzungen. Die Schiffe brachten Männer über die Ostsee, deren letzte Reise an dieser Küste endete. Wer ihre Gegner waren und weshalb es zum Kampf kam, lässt sich aus dem Boden nicht ablesen.

Eine Mannschaft wird bestattet

Das kleinere Boot enthielt sieben Männer, im größeren lagen 34. Dort waren die Körper dicht beieinander angeordnet, stellenweise übereinander. Waffen und persönliche Ausrüstung blieben bei den Toten. Die Beigaben umfassen auch Spielsteine und Überreste von Tieren. Sie zeigen, dass die Bestattenden Aufwand betrieben und über Gegenstände aus dem Besitz der Gruppe verfügten.

Eine solche Beisetzung brauchte Zeit und Arbeitskräfte. Die Anordnung lässt sich schwer mit der Vorstellung vereinbaren, die Männer seien nach ihrem Tod einfach in den Booten liegen geblieben. Andere Menschen sammelten die Körper und richteten die Gräber her. Ob überlebende Gefährten allein diese Arbeit übernahmen oder mit Bewohnern der Insel zusammenwirkten, bleibt offen.

Untersuchungen der menschlichen Überreste und der Ausrüstung weisen auf Verbindungen nach Mittelschweden. Daraus entsteht noch keine Namensliste einer königlichen Flotte. Die Herkunft klärt noch nicht die politische Zugehörigkeit eines Mannes. Auch der Anlass der gemeinsamen Fahrt muss gesondert erschlossen werden. Die Verbindung nach Mittelschweden setzt keinen damaligen Staat mit den Grenzen des heutigen Schweden voraus.

Die Waffen verweisen auf eine Gruppe mit beträchtlicher Ausstattung. Ihre Herstellung verlangte Material und erfahrene Handwerker. Besonders ein aufwendig gearbeitetes Schwert konnte einen langen Gebrauch hinter sich haben, bevor es ins Grab kam. Es bleibt daher offen, ob alle Beigaben eigens für die Fahrt beschafft worden waren. Ererbter Besitz und neu erworbene Dinge konnten gemeinsam an Bord gelangen.

Auch die Spielsteine sind mehr als ein Hinweis auf Zeitvertreib. Ein Spielset konnte unter Gefährten verwendet werden und im Grab Rang darstellen. Sein Vorhandensein macht einen bestimmten Mann allerdings noch nicht zum sicher identifizierten Anführer. Die Verteilung der Gegenstände muss mit der Anordnung der Körper zusammengedacht werden. Gerade die ungewöhnliche Sammelbestattung begrenzt einfache Gleichungen zwischen einem Gegenstand und einer einzelnen Person.

Fundstelle eines Schiffsgrabs in Salme.
Fundstelle eines Schiffsgrabs in Salme.

Rudern und Segeln

Das kleinere Boot war ungefähr elfeinhalb Meter lang, das größere etwa siebzehn Meter. Die Fahrzeuge erfüllten vermutlich verschiedene Aufgaben. Das größere gehört zu den frühen Belegen für skandinavische Schiffe, bei denen mit Segelantrieb gerechnet wird. Die schlecht erhaltenen Holzteile verlangen dabei eine Rekonstruktion aus Spuren im Boden. Ein vollständig erhaltenes Segel liegt in Salme nicht vor.

Ein Segel veränderte die Möglichkeiten einer bewaffneten Gruppe. Während einer längeren Überfahrt mussten die Männer nicht ständig rudern. Für die Anlandung und Fahrten bei ungeeignetem Wind blieben Ruder dennoch wichtig. Seetüchtige Fahrzeuge verlangten außerdem Holz und spezialisierte Arbeit. Ein Schiff war deshalb eine erhebliche Investition, bevor seine Besatzung überhaupt Beute erreichen konnte.

Wer ein größeres Schiff bereitstellte, konnte eine Mannschaft zusammenbringen, deren Mitglieder gemeinsam kämpften. Die Boote von Salme belegen solche Gruppen schon vor den Berichten westlicher Geistlicher.

Was vor 793 geschah

Die übliche Jahreszahl 793 bezeichnet einen besonders gut erinnerten Überfall. Für die Ostsee setzt sie keinen wirklichen Anfang. Die Gräber von Salme belegen bewaffnete Mobilität in einem Raum, in dem Austausch und Gewalt längst zusammengehörten. Eine Fahrt konnte Handelskontakte nutzen und trotzdem in einen Kampf münden. Welche Absicht hier am Beginn stand, ist unbekannt.

Auch die Zahl der Bestatteten misst nicht ohne Weiteres die Stärke einer Expedition. Einige Menschen könnten überlebt haben, andere andernorts gestorben sein. Die Boote bilden den erhaltenen Ausschnitt eines Geschehens, dessen Verlauf sich nicht vollständig zurückgewinnen lässt.

Nach der Beisetzung lagen die Schiffe nahe einer damaligen Küstenverbindung, rund vierzig Meter voneinander entfernt. Die Bestattenden machten aus Fahrzeugen Grabstätten und ließen ihre Toten an einem fremden Ufer zurück. Der Ort war von vorbeifahrenden Schiffen aus wahrnehmbar. Schriftliche Nachrichten, die wie bei Lindisfarne Beteiligte oder ein Angriffsziel benennen, fehlen für Salme.


Zum Weiterlesen

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Michael Engelbrecht: Eine kurze Geschichte der nordischen Welt: von der Eiszeit bis heute*. Regionalgeschichte im GMEINER-Verlag.

Rudolf Simek: Die Wikinger*. C.H.Beck Wissen.

Anders Winroth: Die Wikinger: Das Zeitalter des Nordens.* Übersetzt von Susanne Held.

Bildnachweis

Titel: Schwert aus einem Schiffsgrab von Salme. Wikimedia Commons, Rsaage. CC BY-SA 3.0.

Abbildung: Fundstelle eines Schiffsgrabs in Salme. Wikimedia Commons, Ave Maria Mõistlik. CC BY-SA 4.0.

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