Im Juni 1941 werden Familien aus den baltischen Staaten in das Innere der Sowjetunion deportiert. Unter den Betroffenen sind Kinder, deren Eltern zu vermeintlichen Gegnern der neuen Herrschaft erklärt worden sind. Wenige Tage später beginnt der deutsche Angriff. Die sowjetische Besatzung hat bis dahin bereits tief in das Leben der erst kürzlich eingegliederten Gebiete eingegriffen.
Die Verschiebung einer Grenze ist für die Bewohner deshalb nicht nur ein Wechsel auf der Landkarte. Andere Behörden entscheiden nun über ihren Wohnort und ihre Arbeit. Wer bisher ein Amt ausgeübt hat, kann gerade deshalb als gefährlich gelten. Auch eine Verwandtschaft kann zum Grund werden, jemanden aus seiner bisherigen Umgebung zu entfernen.
Die Rote Armee schafft die Voraussetzung
Am 17. September 1939 marschiert die Rote Armee in den östlichen Teil Polens ein. Deutschland hat den polnischen Staat bereits angegriffen. Die sowjetische Führung erklärt ihr Vorgehen zum Schutz der ukrainischen und belarussischen Bevölkerung. Tatsächlich setzt sie eine mit Hitler vereinbarte Aufteilung von Einflussgebieten militärisch um.

Die Bewohner erleben den Einmarsch unterschiedlich. Unter Ukrainern und Belarussen gibt es Menschen, die ein Ende polnischer Benachteiligung erhoffen. Andere fürchten die bolschewistische Herrschaft aus eigener Erfahrung oder aufgrund der Nachrichten aus der benachbarten Sowjetunion. Auch innerhalb derselben Bevölkerungsgruppe besteht kein einheitliches Urteil.
Die neue Führung macht aus diesen unterschiedlichen Erwartungen keine freie politische Entscheidung. Unter Besatzungsbedingungen organisierte Versammlungen sollen den Anschluss an die sowjetischen Republiken legitimieren. Die Ergebnisse stehen politisch fest. Aus dem militärisch besetzten Gebiet wird ein Teil der sowjetischen Ordnung.
Die Übernahme des Eigentums
Banken und größere Unternehmen werden verstaatlicht. Auf dem Land wird bisheriger Großgrundbesitz aufgeteilt; später wächst auch der Druck zur Eingliederung in die sowjetische Landwirtschaft. Einzelne Bewohner können zunächst Land oder berufliche Möglichkeiten gewinnen. Doch sie können über die Richtung dieser Umgestaltung nicht selbst bestimmen.
Mit dem Eigentum wechseln die Entscheidungswege. Ein Betrieb ist nun auf übergeordnete sowjetische Stellen angewiesen. Seine Leitung und die Zusammensetzung seiner Belegschaft werden politisch geprüft. Vorhandene Kenntnisse bleiben nötig, aber eine frühere Stellung kann zugleich Misstrauen hervorrufen.
Die Behörden erfassen die Bevölkerung nach Kategorien. Ehemalige Amtsträger und Angehörige der Polizei geraten besonders leicht in Verdacht. Auch ohne nachgewiesene Tat kann der frühere Beruf oder eine politische Zugehörigkeit für die Einstufung genügen. Über die Familienbeziehungen erfasst der Verdacht zudem Angehörige.
Gefangene und Familien im Zugriff des NKWD
Viele polnische Militärangehörige geraten in sowjetische Gefangenschaft. Im Frühjahr 1940 lässt die Führung einen großen Teil der festgehaltenen Offiziere und weitere Gefangene erschießen. Katyn ist einer von mehreren Tatorten dieses Massenmords. Nicht alle unter diesem Namen zusammengefassten Opfer werden im Wald von Katyn getötet.

Daneben organisiert das NKWD Deportationen. Familien werden aus ihren Wohnorten entfernt und in weit entfernte Gebiete der Sowjetunion gebracht. Für die Behörden besteht der Zweck darin, als unzuverlässig eingestufte Bevölkerungsgruppen zu zerstreuen und ihre bisherigen Verbindungen zu unterbrechen. Für die Deportierten bedeutet es den Verlust von Unterkunft und bisheriger Existenz.
Die Unterbringung am Ziel ist häufig unzureichend. Menschen sollen arbeiten, obwohl Nahrung und Schutz nicht gesichert sind. Besonders gefährdet sind diejenigen, die sich weder selbst versorgen noch einer verlangten Arbeit nachgehen können. Die Maßnahme trifft damit nicht nur den vermeintlichen politischen Gegner, sondern gerade auch seine abhängigen Angehörigen.
Der Druck auf weitere Nachbarstaaten
Im Sommer 1940 besetzt die Sowjetunion auch Estland, Lettland und Litauen. Zuvor hat sie dort unter massivem Druck militärische Stützpunkte durchgesetzt. Nun folgen erzwungene Regierungswechsel und unfreie Wahlen. Die neuen Vertretungen beantragen den Anschluss an die Sowjetunion, der im August vollzogen wird.
Rumänien muss nach einem sowjetischen Ultimatum Bessarabien und die Nordbukowina räumen. Die Gebiete werden unterschiedlichen sowjetischen Republiken zugeteilt. In allen diesen Fällen geht die militärische Überlegenheit der politischen Neuordnung voraus. Die nachträglichen Beschlüsse machen daraus keinen freien Beitritt der Bevölkerung.
Bis zum deutschen Angriff vom Juni 1941 haben die neuen Verwaltungen erst einen Teil ihrer Vorhaben umgesetzt. Gefängnisse sind gefüllt, und weitere Deportationen laufen. Beim sowjetischen Rückzug werden mancherorts Gefangene vom NKWD ermordet. Andere Gefangene und Deportierte sind zu diesem Zeitpunkt bereits weit vom nun erneut wechselnden Grenzgebiet entfernt.
Zum Weiterlesen
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- Altrichter, H. (2019): Die Russische Revolution: Vom Zarenreich zum Sowjetimperium*. Ein kompakter Überblick über die Ereignisse des Jahres 1917.
- Koenen, G. (2017): Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus*.
Bildnachweis
Titel: Deutscher und sowjetischer Offizier mit Dolmetscher, September 1939. Wikimedia Commons, unknown war correspondent of TASS. Gemeinfrei.
Text 1: Geheimes deutsch-sowjetisches Zusatzprotokoll, 1939. Wikimedia Commons, Unknown author Unknown author. Gemeinfrei.
Text 2: Exhumierte Opfer von Katyn, 1943. Wikimedia Commons, German official photographer. Gemeinfrei.



