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Adenauer in Moskau – Botschafteraustausch und Heimkehr der Gefangenen

Die Mutter eines Kriegsgefangenen dankt Adenauer nach seiner Rückkehr aus Moskau, 14. September 1955.

Am 8. September 1955 reiste Konrad Adenauer mit einer großen Delegation nach Moskau. Die Sowjetunion hatte den Bundeskanzler zu Gesprächen über die Normalisierung der Beziehungen eingeladen. In der Bundesrepublik richteten sich die Erwartungen vor allem auf eine andere Frage: Würden die Deutschen heimkehren dürfen, die zehn Jahre nach Kriegsende noch in sowjetischem Gewahrsam lebten?

Konrad Adenauer während seines Moskau-Besuchs im September 1955.
Konrad Adenauer während seines Moskau-Besuchs im September 1955.

Für Adenauer waren beide Anliegen miteinander verbunden. Er wollte die Gefangenen zurückholen und zugleich vermeiden, durch einen Botschafteraustausch die deutsche Teilung diplomatisch zu befestigen. Die sowjetische Führung hatte dagegen bereits Beziehungen zur DDR. Sie erwartete, dass auch die Bundesrepublik als zweiter deutscher Staat eine eigene Vertretung in Moskau eröffnete.

Ein neuer Gesprächspartner

Die Reise wurde durch die veränderte Stellung der Bundesrepublik möglich. Seit Mai 1955 war das westliche Besatzungsstatut aufgehoben; die Bundesrepublik gehörte der NATO an. Adenauer hatte die Westbindung damit weitgehend vertraglich gesichert. Direkte Gespräche mit Moskau konnten nun nicht mehr ohne Weiteres als Vorbereitung eines deutschen Alleingangs außerhalb des westlichen Bündnisses verstanden werden.

Die neue sowjetische Führung suchte nach Stalins Tod ihrerseits nach Möglichkeiten, außenpolitische Spannungen zu verringern. Im Juli 1955 hatten sich die Regierungschefs der vier Siegermächte in Genf getroffen. Eine Lösung der deutschen Frage kam dabei nicht zustande. Für die Bundesregierung lag darin eine Warnung: Die Großmächte konnten sich über Sicherheitsfragen verständigen, während die Wiedervereinigung in den Hintergrund trat.

Ein eigener Gesprächskanal nach Moskau bot Adenauer deshalb auch einen praktischen Vorteil. Er musste sowjetische Absichten nicht mehr ausschließlich über seine westlichen Verbündeten erfahren. Wie weit dieser Vorteil reichte, hing allerdings davon ab, welche politischen Zugeständnisse die Sowjetunion verlangte.

Die Gefangenen als Verhandlungsgegenstand

Die meisten deutschen Kriegsgefangenen waren bereits aus der Sowjetunion zurückgekehrt. Unter den weiterhin Festgehaltenen befanden sich Menschen, die sowjetische Gerichte verurteilt hatten. Außerdem suchte die Bundesregierung nach verschleppten oder inhaftierten Zivilpersonen. Ihre Schicksale ließen sich nicht vollständig aus den verfügbaren westdeutschen Unterlagen klären.

Die sowjetischen Gesprächspartner bestritten, noch gewöhnliche Kriegsgefangene zurückzuhalten. Sie sprachen von verurteilten Kriegsverbrechern. Damit verbanden sie die Debatte ausdrücklich mit dem deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Die Bundesregierung drängte auf Freilassung und wollte sich nicht auf eine Anerkennung sämtlicher sowjetischer Urteile festlegen.

Die Bezeichnungen „Kriegsgefangene“ und „Kriegsverbrecher“ verdeckten jeweils unterschiedliche Lebensgeschichten. Sowjetische Gerichte hatten tatsächlich an deutschen Verbrechen Beteiligte verurteilt. Daneben standen Verfahren, die rechtsstaatlichen Anforderungen nicht genügten, etwa wegen unzureichender Beweise oder erzwungener Geständnisse. Ob ein Einzelner schuldig war, ließ sich aus diesen politischen Sammelbezeichnungen und den westdeutschen Erwartungen an die Heimkehr nicht ableiten.

Für die Angehörigen war der weitere Verbleib in Haft jedoch eine unmittelbare Belastung. Eine Nachricht konnte die Hoffnung auf Rückkehr erneuern, ihr Ausbleiben die Unsicherheit verlängern. Die sowjetische Führung verfügte damit über ein Thema von großer innenpolitischer Bedeutung für Adenauer. Eine Heimreise ohne erkennbaren Fortschritt hätte in der Bundesrepublik schwere Enttäuschung ausgelöst.

Einigung ohne Fortschritt bei der Einheit

In Moskau verhandelte die deutsche Delegation unter anderem mit Ministerpräsident Nikolai Bulganin und dem Parteichef Nikita Chruschtschow. Die Gespräche verliefen zeitweise scharf. Die sowjetischen Vertreter hielten der Bundesrepublik ihre westliche Aufrüstung vor. Adenauer wiederum drängte darauf, die Freilassung nicht hinter allgemeinen Erklärungen über eine Normalisierung verschwinden zu lassen.

Bei der Wiedervereinigung kam er nicht weiter. Die Sowjetunion war nicht bereit, die DDR zugunsten freier gesamtdeutscher Wahlen preiszugeben. Ein Botschafteraustausch sollte aus ihrer Sicht gerade von der Existenz zweier deutscher Staaten ausgehen. Die Bundesregierung hielt dagegen an ihrem Anspruch fest, für Deutschland als Ganzes zu sprechen, weil sie aus freien Wahlen hervorgegangen war.

Die Wende kam am Abend des 12. September bei einem Empfang im Kreml. Nach Adenauers Erinnerungen hatte er bereits Vorbereitungen für eine vorzeitige Abreise angeordnet. Nun stellte Bulganin die Freilassung der festgehaltenen Deutschen in Aussicht, wenn Bonn dem Botschafteraustausch zustimme. Dafür boten er und Chruschtschow ihr Ehrenwort an, ohne eine schriftliche Garantie zu geben.

Adenauer fragte ausdrücklich nach den Zivilpersonen. Wie weit die Zusage auch für sie galt, blieb zunächst unklar; die sowjetische Seite verlangte später Listen zur Prüfung der Einzelfälle. Der Kanzler musste entscheiden, ob er das mündliche Versprechen annahm oder die Gespräche ohne Einigung abbrach.

Die Entscheidung war auch innerhalb der deutschen Delegation umstritten. Nach Adenauers Darstellung hielten Außenminister Heinrich von Brentano und Staatssekretär Walter Hallstein die Zusagen für unzureichend. Sie fürchteten, dass die Bundesregierung eine dauerhafte diplomatische Veränderung akzeptierte, ohne die erwartete Gegenleistung sicher in der Hand zu haben. Adenauer setzte sich über diese Einwände hinweg. Er musste die Verlässlichkeit des gegebenen Wortes gegen das Risiko eines Abbruchs abwägen.

Am 13. September wurde die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vereinbart. Adenauer ließ dabei festhalten, dass die Bundesregierung ihre deutschlandpolitischen Rechtspositionen nicht aufgab. Der praktische Widerspruch blieb bestehen: In Moskau würden künftig Botschafter aus Bonn und Ost-Berlin amtieren. Der Vorbehalt konnte diese sichtbare Gleichzeitigkeit nicht beseitigen.

Adenauers Rückkehr aus Moskau, 14. September 1955
Konrad Adenauer nach seiner Rückkehr aus Moskau am Flughafen Köln-Wahn, 14. September 1955. Die Aufnahme zeigt den Abschluss der Reise, bei der Botschafteraustausch und Freilassungen vereinbart worden waren.

Ankunft in Friedland

Im Herbst 1955 begann die Heimkehr der letzten großen Gruppe aus sowjetischer Gefangenschaft. Knapp 10.000 verurteilte Kriegsgefangene konnten zurückkehren. In der Folge verließen außerdem rund 20.000 Zivilpersonen die Sowjetunion. Viele der für die Bundesrepublik bestimmten Heimkehrer kamen über das Grenzdurchgangslager Friedland. Dort wurden sie aufgenommen, bevor sie zu ihren Familien weiterreisen konnten.

Die Bilder der Ankommenden und ihrer Angehörigen verschafften Adenauer einen außerordentlichen persönlichen Erfolg und gaben der politischen Einigung ein sichtbares Ergebnis. Unter der Bezeichnung „Heimkehr der Zehntausend“ rückten die wiedervereinten Familien in den Vordergrund; die unterschiedlichen Haftgeschichten blieben in dieser Erzählung häufig am Rand.

Der Erfolg war zugleich enger begrenzt, als es die großen Erwartungen an die Reise gewesen waren. Die Wiedervereinigung war nicht näher gerückt. Die Sowjetunion hielt an der DDR fest. Die Bundesregierung musste deshalb entscheiden, wie sie verhindern wollte, dass weitere Staaten ebenfalls diplomatische Beziehungen zu Ost-Berlin aufnahmen.

Aus dieser Sorge entwickelte sich die später so genannte Hallstein-Doktrin. Die Anerkennung der DDR durch andere Staaten sollte als unfreundlicher Akt gegenüber der Bundesrepublik gelten und konnte einen Abbruch diplomatischer Beziehungen nach sich ziehen. Für die Sowjetunion beanspruchte Bonn wegen ihrer besonderen Stellung als Siegermacht eine Ausnahme.

Die Botschaft in Moskau blieb von dieser Abgrenzung ausgenommen. Über sie ließen sich laufende Fragen einschließlich ungeklärter Suchanfragen direkt verhandeln. Bonn beanspruchte weiter, für Deutschland als Ganzes zu sprechen, unterhielt nun aber eine dauerhafte Vertretung bei derselben Regierung wie die DDR. Die Freilassungen hatten diese diplomatische Veränderung ermöglicht, ohne den Gegensatz zwischen beiden deutschen Staaten zu lösen.


Zum Weiterlesen

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Morsey, R. (2007): Die Bundesrepublik Deutschland. Entstehung und Entwicklung bis 1969*. Einordnung der Moskaureise in Adenauers Deutschlandpolitik.

Lappenküper, U. (2008): Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland 1949 bis 1990*. Darstellung der diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion und des Alleinvertretungsanspruchs.

Bildnachweise

Titel: Die Mutter eines Kriegsgefangenen dankt Adenauer nach seiner Rückkehr aus Moskau, 14. September 1955. Bundesarchiv, B 145 Bild-107546 / Fotograf unbekannt. CC BY-SA 3.0 de. Dateiquelle.

Rückkehr: Adenauers Rückkehr aus Moskau, 14. September 1955. Bundesarchiv, Bild 146-2005-0141 / Helmut J. Wolf. CC BY-SA 3.0 de.

Moskauer Gespräche: Adenauers Besuch, September 1955. Bundesarchiv, Bild 146-1989-101-01A / Fotograf unbekannt. CC BY-SA 3.0 de.

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