In Hamadan teilte Avicenna seine Tage zwischen Krankenbesuchen, Audienzen und politischen Verpflichtungen. Er gehörte zum engsten Umfeld des Herrschers und übernahm zeitweise hohe Aufgaben in der Regierung. Geschrieben wurde nachts. Schüler versammelten sich in seinem Haus, hörten Abschnitte aus dem Buch der Genesung oder dem Kanon der Medizin, diktiert und erläutert von einem Mann, der am nächsten Morgen wieder am Hof erscheinen musste. Viele seiner wichtigsten Texte entstanden unter diesem Rhythmus, zwischen Verwaltung, Medizin und Gelehrsamkeit.
Frühe Jahre und Bildung

Doch zunächst zu den Anfängen: Avicenna wurde um 980 in Afschana bei Buchara geboren, im Herrschaftsgebiet der Samaniden, einer persischen Dynastie in Zentralasien. Seine Muttersprache war Persisch, doch schon früh lernte er Arabisch, die Sprache von Wissenschaft, Verwaltung und Religion. Bereits als Kind zeigte sich seine außergewöhnliche Begabung. Mit etwa zehn Jahren beherrschte er den Koran, wenig später beschäftigte er sich intensiv mit Literatur, Logik und Mathematik.
Prägend war der Unterricht bei dem Wandergelehrten Abu Abdallah an-Natili. Unter seiner Anleitung studierte Avicenna grundlegende Texte der antiken Wissenschaft, darunter Aristoteles, Euklid und den Almagest des Ptolemäus. Als sein Lehrer weiterzog, setzte Avicenna das Studium eigenständig fort. In dieser Zeit wandte er sich intensiver der Medizin zu. Er selbst beschrieb sie später als ein Fach, das ihm im Vergleich zur Metaphysik leichter zugänglich gewesen sei.
Um das siebzehnte Lebensjahr begann er, Patienten systematisch zu behandeln. Wenig später gelang ihm die Heilung eines samanidischen Herrschers. Diese Episode verschaffte ihm Zugang zur königlichen Bibliothek von Buchara, deren Bestände er intensiv nutzte. Hier legte er den Grundstein für sein enzyklopädisches Wissen, das Medizin, Philosophie und Naturkunde umfasste.
Der Beginn der Wanderjahre

Der politische Niedergang der Samaniden beendete diese frühe Phase relativer Stabilität. Mit der Eroberung Bucharas durch die turkstämmigen Karachaniden im Jahr 999 verlor Avicenna seinen wichtigsten Rückhalt. Es begann ein jahrzehntelanges Leben in Bewegung. Er hielt sich unter anderem in Gurgandsch, Gorgan, Rey, Hamadan und später in Isfahan auf. Arbeit fand er meist als Arzt, gelegentlich auch in verantwortlichen Verwaltungsfunktionen.
Diese Nähe zur Macht war riskant. Sie eröffnete Zugang zu Schutz und Ressourcen, brachte ihn aber auch immer wieder in Konflikte. In Hamadan stand Avicenna als Leibarzt im Dienst des Emirs und übernahm zeitweise das Amt des Wesirs, des ranghöchsten Regierungsbeamten. Nach einer Meuterei von Soldaten wurde er abgesetzt und in einer Festung festgehalten. Schreiben durfte er dennoch. Mehrere philosophische und medizinische Texte entstanden unter diesen Bedingungen.
Leben und Arbeit in Hamadan
Nach seiner Freilassung kehrte Avicenna zunächst in den Dienst des Herrschers zurück. Zugleich war diese Phase außerordentlich produktiv. Tagsüber erfüllte er seine Verpflichtungen am Hof, nachts diktierte er Texte, kommentierte eigene Werke und unterrichtete Schüler. Zeitgenössische Berichte schildern lange Sitzungen, bei denen Passagen aus dem Kanon der Medizin oder dem Buch der Genesung vorgelesen und ausführlich erläutert wurden.
Avicennas Arbeitsweise war stark mündlich geprägt. Schreiben, Diktieren und Lehren gingen ineinander über. Wissen entstand im Austausch. Diese Praxis erklärt die klare Gliederung vieler seiner Werke, die didaktisch angelegt sind und auf systematische Vermittlung zielen.
Der Kanon der Medizin

Das bekannteste Werk Avicennas ist der Kanon der Medizin, eine fünfbändige Zusammenstellung des medizinischen Wissens seiner Zeit. Der Text verbindet griechische Traditionen, vor allem Galen, mit eigenen Beobachtungen und einer sorgfältigen Ordnung des Stoffes. Krankheiten erscheinen als natürliche Vorgänge, erklärbar durch körperliche Prozesse, Umweltbedingungen und Lebensweise.
Der Kanon behandelt Anatomie, Arzneimittellehre, spezielle und allgemeine Krankheiten sowie die Zubereitung von Heilmitteln. Avicenna beschreibt ansteckende Krankheiten, erkennt den Einfluss von Wasser und Boden auf die Gesundheit und formuliert Regeln zur Prüfung neuer Medikamente. Auch psychische Zustände finden Beachtung. Gefühle und körperliche Reaktionen stehen für ihn in enger Beziehung.
Ab dem 12. Jahrhundert wurde das Werk ins Lateinische übersetzt und blieb bis in das 17. Jahrhundert hinein ein zentrales Lehrbuch an europäischen Universitäten.
Philosophie und Naturerklärung

Parallel zur medizinischen Arbeit widmete sich Avicenna intensiv der Philosophie. Sein Buch der Genesung ist eine umfangreiche Enzyklopädie, die Logik, Naturwissenschaften, Mathematik und Metaphysik umfasst. Ziel war die Ordnung des Wissens und die Klärung grundlegender Begriffe.
Zentral ist seine Unterscheidung von Wesen und Existenz. Dinge besitzen ein bestimmtes Wesen, ihre Existenz verdanken sie einer Ursache außerhalb ihrer selbst. Nur Gott gilt als notwendig aus sich selbst heraus. Diese Überlegungen wirkten weit über den islamischen Raum hinaus und beeinflussten später die mittelalterliche Philosophie in Europa.
Auch in den Naturwissenschaften zeigte Avicenna Eigenständigkeit. Er äußerte sich zur Entstehung von Bergen, zur Bewegung von Körpern und zur Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit. Astrologische Deutungen lehnte er ab, da sie sich nicht empirisch überprüfen ließen.
Isfahan und die letzten Jahre
In Isfahan fand Avicenna ab 1024 eine Phase größerer Sicherheit. Am Hof von Ala ad-Daula konnte er mehrere Hauptwerke vollenden. Zugleich blieb sein Leben anstrengend. Er begleitete seinen Gönner auf Feldzügen und litt an wiederkehrenden Koliken. Nach modernen medizinhistorischen Analysen handelte es sich dabei höchstwahrscheinlich um eine chronische Bleivergiftung, verursacht durch verunreinigten Wein, bleihaltige Gefäße oder belastetes Wasser während der Feldzüge. Freunde rieten ihm zu einem ruhigeren Leben, doch Avicenna folgte diesem Rat nicht.
1037 starb er in Hamadan im Alter von etwa 57 Jahren, wahrscheinlich an den Folgen der langjährigen Vergiftung. Begraben wurde er zunächst an der Stadtmauer, später errichtete man ihm ein Mausoleum im Stadtzentrum.
Nachwirkung
Avicennas Schriften wurden schon bald nach seinem Tod gesammelt, kommentiert und übersetzt. In der islamischen Welt ebenso wie im lateinischen Europa galten sie über Jahrhunderte als maßgebliche Autorität. Seine Werke standen in Hörsälen, Klöstern und Hofbibliotheken. Sie entstanden unter Bedingungen, die kaum Ruhe kannten. Wissen erscheint bei Avicenna als etwas, das im Handeln, Lehren und Schreiben zugleich entsteht.

Zum Weiterlesen
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Kontad Goehl (2014): Avicenna und seine Darstellung der Arzneiwirkungen: Mit einer Einführung von Jorit Wintjes.*
Bildnachweis
Titel: Arvicenna und andere persische Gelehrte, Pavillon in Wien. Wikimedia Commons, Yamaha5.
Mausoleum des Arvicenna: Wikimedia Commons, Юрочкин Роман.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.




