Das Testament lag im Heiligtum der Vestalinnen, und wer es öffnete, solange sein Verfasser noch lebte, beging einen Rechtsbruch. Octavian öffnete es dennoch, im Sommer 32 v. Chr., allein und ohne Zeugen. Was er anschließend im Senat vortrug, hätte er sich kaum passender wünschen können: Marcus Antonius wolle in Alexandria bestattet werden und erkenne Caesarion, den Sohn Kleopatras, als leiblichen Sohn des vergöttlichten Iulius Caesar an. Dazu kamen ausgedehnte Zuwendungen an die Kinder, die ihm die ägyptische Königin geboren hatte.
Ob diese Bestimmungen jemals in dem Dokument standen, lässt sich nicht klären. Die Vestalinnen kannten den Inhalt nicht, und Octavian konnte behaupten, was ihm nützte; ein Teil der modernen Forschung hält zumindest einzelne Klauseln für seine eigene Erfindung. Sicher ist nur, dass er Vorwürfe wählte, die Antonius nur schwer bestreiten konnte, ohne seine östlichen Verbündeten zu verprellen. Der Hinweis kam übrigens von zwei Überläufern: Munatius Plancus, der ranghöchste Konsular im Lager des Antonius, und dessen Neffe Titius hatten kurz zuvor die Seiten gewechselt und verrieten Octavian den Aufbewahrungsort sowie den Inhalt, da sie das Dokument selbst als Zeugen gesiegelt hatten.
Ein Eid und eine Kriegserklärung

Octavian brauchte für den kommenden Krieg eine Rechtfertigung, die über die abgelaufenen Vollmachten des Triumvirats hinausging – jener außerordentlichen Dreierherrschaft, mit der er sich seit 43 v. Chr. gemeinsam mit Antonius und Lepidus die römische Welt aufgeteilt hatte. Er organisierte deshalb im Sommer 32 einen Treueid, der ihm persönlich geleistet wurde, nacheinander in den italischen Gemeinden und in den westlichen Provinzen. Rechtlich änderte dieser Eid nichts an seiner Stellung, doch die nächstliegende Parallele war der Fahneneid der Soldaten auf ihren Feldherrn, und genau diese Lesart betonte Octavian später: Ganz Italien habe ihn aus freien Stücken zum Führer im Krieg von Actium verlangt, schreibt er im Tatenbericht, den er am Ende seines Lebens vor seinem Mausoleum aufstellen ließ.
Freiwillig war der Vorgang nur bedingt. Italien murrte über Sonderabgaben, die selbst nach den Maßstäben der vorangegangenen zwei Jahrzehnte drückend ausfielen, und einzelne Gemeinden wurden vom Eid ausdrücklich befreit, darunter die Veteranenkolonie Bononia, in der Antonius als Patron galt. Trotzdem hielt dieses Zweckbündnis. Anders als 40 v. Chr., wo die Veteranen beider Seiten sich schlicht geweigert hatten, gegeneinander zu marschieren, stand Italien nun geschlossen genug hinter einem Mann.
Im Spätsommer erklärte Octavian den Krieg – und zwar Kleopatra allein, nicht Antonius. Für die Zeremonie grub er einen altertümlichen Ritus der Fetialen aus, jener Priesterschaft, die im republikanischen Rom für die Förmlichkeiten des Kriegsrechts zuständig war: Man schleuderte einen Speer in ein Stück Boden, das symbolisch als feindliches Gebiet galt. Antonius verlor das für das Folgejahr vorgesehene Konsulat und seine übrigen Befugnisse, blieb aber vorerst formal kein Staatsfeind. Erklärte er sich zu Kleopatra, machte er sich selbst dazu.
Die Bucht von Actium
Über den Winter 32/31 stand das Heer des Antonius in Griechenland. Seine Hauptflotte ankerte in der Bucht von Actium, weitere Geschwader verteilten sich auf die zahlreichen Naturhäfen der Westküste, während er selbst in Patrai überwinterte. Die Rechnung war die des Pompeius von 48 v. Chr.: den Gegner zur Überfahrt zwingen, ihn auf See abfangen und aushungern. Die Truppenzahlen sprachen dafür, denn Antonius verfügte über vielleicht 100.000 Mann Fußvolk gegen Octavians 80.000, und seine Schiffe waren die größeren.

Marcus Vipsanius Agrippa, Octavians Flottenkommandeur, machte diese Rechnung zunichte, indem er ungewöhnlich früh im Jahr 31 zuschlug. Er nahm Methone im Süden, führte Überraschungsangriffe entlang der Küste bis hinauf nach Korkyra und band damit die verstreuten Verbände. Octavian setzte fast ungehindert über, erreichte binnen weniger Tage die Gegend von Actium und besetzte den taktisch entscheidenden Hügel Mikalitzi. Von Widerstand berichten die Quellen nichts, was erstaunlich genug ist und sich vielleicht damit erklärt, dass die Landtruppen bei Actium gerade anderswo gegen Agrippa gebunden waren.
Antonius zog aus Patrai heran und schlug südlich der Meerenge bei Punta ein Lager auf, später ein zweites bei Preveza im Norden. Zwischen den Heeren lag nur noch die Ebene von Nikopolis, doch nun war es Octavian, der die Feldschlacht verweigerte. Die Reitergefechte um den Fluss Louros, an dem Octavians Wasserversorgung hing, gewann überwiegend die Gegenseite, das schwerste davon unter Statilius Taurus und jenem übergelaufenen Titius, der inzwischen für Octavian kommandierte. Entscheidend wurde erneut Agrippa: Er nahm die Insel Leukas vor der Hafeneinfahrt, was Octavian einen sicheren Ankerplatz verschaffte und den Zulauf weiterer antonianischer Schiffe unterband. Wenig später fielen auch Patrai und Korinth. Antonius saß in einer faktischen Blockade.
Was folgte, entschied den Feldzug ohne Schlacht. Der Nachschub versiegte, im Lager grassierten Krankheiten, unter denen Malaria und Ruhr die Reihen lichteten, und die Verbündeten begannen zu wechseln. Der Galaterkönig Amyntas ging zu Octavian über, ebenso, schwerer wiegend, der bereits todkranke Domitius Ahenobarbus, der bis dahin so etwas wie eine römische Partei im Lager des Antonius angeführt hatte. Dellius, dem die Zeitgenossen ein sicheres Gespür für den richtigen Moment des Seitenwechsels nachsagten, nahm die Schlachtpläne gleich mit.
Der 2. September 31 v. Chr.
Ein Ausbruch ins Landesinnere hätte die Flotte geopfert, und das ausgezehrte Heer wäre in Thessalien kaum noch schlagfähig gewesen. Erst im Spätsommer entschied Antonius sich deshalb für die Seeschlacht – nicht, wie die spätere Ausschmückung wollte, im Wahn und auf Betreiben Kleopatras, sondern weil ihm zu Lande nichts mehr blieb. Die Schiffe, für die ihm nach Tod und Desertion die Mannschaften fehlten, ließ er verbrennen; mit etwa 200 bis 250 Einheiten lief er gegen Octavians etwa 250 bis 400 aus.
Zwei Details verraten, was er vorhatte. Er nahm die Kriegskasse an Bord, und er befahl, die Segel mitzuführen, was für eine antike Seeschlacht höchst ungewöhnlich war, weil man vor dem Gefecht üblicherweise abtakelte. Antonius plante den Durchbruch, nicht den Sieg.
Am Morgen des 2. September nahm seine Flotte vor der Hafeneinfahrt Aufstellung, Kleopatras Geschwader von sechzig Schiffen hinter dem Zentrum. Dann geschah stundenlang nichts. Antonius wartete auf den Nachmittag, wenn der Wind erfahrungsgemäß von West auf Westnordwest dreht und die Umfahrung der vorspringenden Insel Leukas möglich wird; Octavian hatte es ohnehin nicht eilig. Erst gegen Mittag schoben sich beide Linien seewärts, am frühen Nachmittag begannen die nördlichen Flügel abzudriften, und in den Linien öffneten sich Lücken. Kleopatra setzte Segel und stieß hindurch. Antonius wechselte von seinem schweren Flaggschiff auf ein wendigeres Schiff und folgte ihr.
Die Schlacht, die auf den Münzen und in der augusteischen Dichtung zum weltgeschichtlichen Ringen wuchs, kostete auf antonianischer Seite rund 5.000 Menschen das Leben – nach den Maßstäben antiker Seegefechte eine geringe Zahl. Der Rest der antonianischen Flotte kämpfte noch bis zum späten Nachmittag weiter und ergab sich schließlich. Octavian ließ einige Schiffe in Brand setzen und verbrachte demonstrativ die Nacht an Bord, doch das Ereignis blieb, was es war: Taktisch erreichte Antonius, was er realistisch erhoffen konnte, strategisch hatte er den Feldzug längst verloren. Actium verschob das Ende um ein Jahr.
Alexandria, 1. August 30 v. Chr.
Die vier Legionen des Pinarius Scarpus in der Kyrenaika, Antonius‘ letzte unversehrte Reserve, erklärten sich für Octavian. Über den Winter folgten die Klientelkönige, unter ihnen Herodes von Judäa. Octavian selbst blieb zunächst im Osten, kehrte nur für einen Monat nach Brundisium zurück, wo aufsässige Veteranen sofortige Entlassung und Land verlangten. Er kaufte das Land, statt es wie nach Philippi zu konfiszieren – bezahlen konnte er es vorerst nur mit Versprechungen auf den Schatz Ägyptens.

Im Juli 30 stand sein Heer vor Pelusium, das rasch fiel, möglicherweise durch Verrat. Am 31. Juli gewann Antonius vor Alexandria noch ein Reitergefecht. In der Nacht darauf, so erzählten es die Quellen später, zog eine unsichtbare Prozession unter Musik aus der Stadt: Dionysos verließ seinen Schützling. Dahinter steckt vermutlich kein Wunder, sondern die evocatio, ein römischer Ritus, mit dem ein Feldherr die Götter einer belagerten Stadt aufforderte, sich eine neue, römische Heimat zu suchen. Octavian, der schon den Speer der Fetialen ausgegraben hatte, dürfte diese Gelegenheit kaum ausgelassen haben – und Antonius hatte lange genug den Dionysos gegeben.
Am 1. August lief die antonianische Flotte im Hafen geschlossen zum Gegner über, danach entschied Octavian auch das Infanteriegefecht. Antonius nahm sich im Palast das Leben, offenbar im Glauben, Kleopatra sei ihm zuvorgekommen. Tatsächlich fiel sie lebend in römische Hand und starb erst neun Tage später, wahrscheinlich am 10. August. Ob Octavian sie für seinen Triumphzug am Leben halten wollte, wie Plutarch und Cassius Dio annahmen, oder ob ihm ihr Tod gelegener kam, ist bis heute umstritten; für die erste Version spricht immerhin, dass er zwei frühere Selbstmordversuche vereitelt haben soll.
Caesarion wurde aufgespürt und getötet, ebenso Antyllus, der älteste Sohn des Antonius. Ägypten wurde römische Provinz, erhielt aber keinen Senator als Statthalter, sondern den Ritter Cornelius Gallus, der den Feldzug im Westen des Landes geführt hatte. Was später zum eisernen Grundsatz wurde, war zunächst wohl schlicht die Belohnung des Mannes vor Ort.
Die Rückgabe der Macht (27 v. Chr.)

Der Senat schloss am 11. Januar 29 v. Chr. die Tore des Ianustempels zum Zeichen, dass Rom nirgends mehr Krieg führe – während in Spanien und Gallien weitergekämpft wurde. Octavian ließ sich Zeit mit der Heimkehr und feierte erst im August 29 drei Triumphzüge an drei aufeinanderfolgenden Tagen; der letzte galt Ägypten. Im August weihte er den Tempel des vergöttlichten Caesar am Forum ein, vor dem er die erbeuteten Schiffsschnäbel von Actium anbringen ließ, und kurz darauf die neue Kurie.
Im Jahr 28 übernahm er gemeinsam mit Agrippa das Konsulat und die Amtsgewalt der Zensoren, überprüfte die Senatsliste und zwang zahlreiche Mitglieder zum Rücktritt. Zugleich kündigte er an, die Anordnungen der Triumvirn, seine eigenen eingeschlossen, mit Jahresende außer Kraft zu setzen. Wie planvoll dieser Schritt schon damals als Rückkehr zur Normalität inszeniert wurde, zeigt ein Goldstück dieses Jahres, dessen Rückseite ihn sitzend mit einer Schriftrolle zeigt und die Umschrift leges et iura populi Romani restituit trägt – er habe Gesetze und Rechte des römischen Volkes wiederhergestellt. Diese Münze wurde erst 1999 von John Rich und Jonathan Williams publiziert und hat die Diskussion verschoben: Was die ältere Literatur gern als „Verfassungsregelung von 27“ behandelte, war ein über zwei Jahre gestreckter Vorgang, genau wie Augustus es selbst im Tatenbericht formuliert.
Am 13. Januar 27 v. Chr. hielt Octavian in der Kurie eine sorgfältig vorbereitete Rede und legte den Staat in die Hände von Senat und Volk zurück. Die Antwort war ebenso sorgfältig vorbereitet: Der Senat übertrug ihm, was er von alters her übertragen konnte, nämlich eine provincia, einen Amtsbereich – allerdings einen, der Spanien, Gallien, Syrien und dazu Ägypten umfasste, befristet auf zehn Jahre. Damit lagen die meisten Legionen unter seinem Befehl. Das Konsulat gab er nicht ab; er ließ sich weiterhin jährlich wählen.
Drei Tage später häuften seine Anhänger Ehrungen auf ihn, darunter den Namen Augustus. Erwogen worden war auch Romulus, was auf dasselbe hinauslief, denn jeder Gebildete kannte den Ennius-Vers über die Gründung Roms „unter erhabenem Vogelzeichen“. Dazu kamen der Bürgerkranz aus Eichenlaub für die Rettung von Bürgern, die Lorbeerbäume an seiner Haustür und ein goldener Schild in der Kurie, der ihm Tapferkeit, Milde, Gerechtigkeit und Pflichttreue gegenüber Göttern und Vaterland zuschrieb – eine Aufzählung dessen, was man von einem Herrscher erwartete.
Getäuscht war damit niemand, der zählte. Dieses neue Machtgefüge war experimentell und befristet, und Augustus, der zwischen 28 und 23 v. Chr. immer wieder schwer erkrankte, sein Mausoleum errichten ließ und eine später nicht weitergeführte Autobiographie verfasste, rechnete durchaus damit, dass sie ihn überdauern müsse. Im Juli 23 gab er das Konsulat auf, das er seit 31 ununterbrochen geführt hatte – und der Senat musste ihm Ersatz dafür verschaffen, ohne die Fassung von 27 zu beschädigen.
Zum Weiterlesen
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Eck, W. (2018): Augustus und seine Zeit.*
Dahlheim, W. (2024): Augustus: Aufrührer, Herrscher, Heiland.*
Beard, M. (2024): Die Kaiser von Rom: Herrscher über Volk und Reich.*
Clauss, M. (2011): Die römischen Kaiser: 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian.*
Eich, A. (2019): Die römische Kaiserzeit: Die Legionen und das Imperium.*
Bildnachweis
Titel: Reliefteil eines Grabmals wahrscheinlich mit Octavians Flotte bei Actium 31 v. Chr. Wikimedia Commons, Rabax63. CC BY-SA 4.0.
Octavian: Wikimedia Commons, Gautier Poupeau (Paris). CC BY-SA 2.0.
Karte Actium: Wikimedia Commons, Lencer/Leo2004. CC BY-SA 2.5.
Kleopatra: José Luiz Bernardes Ribeiro. CC BY-SA 4.0.
Münze: Wikimedia Commons, Classical Numismatic Group, Inc. http://www.cngcoins.com. CC BY-SA 2.5.




