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Die Erfindung der Germanen

Julius Caesar blickt über das graue Band des Rheins nach Osten. Für den Feldherrn markiert dieser Strom eine klare machtpolitische Grenze. Er nennt die Menschen dort „Germani“ – ein Etikett, das er auf eine Welt klebt, die er kaum kennt. Was für Caesar eine praktische Unterscheidung war, entwickelte sich später zur festen ethnischen Kategorie und noch viel später zum Mythos.

Heute ordnet die Forschung jene Stämme, die in Mittel- und Nordeuropa lebten, vor allem über ihre Sprache ein. Sie nutzen die „Erste Lautverschiebung“ gegenüber der indoeuropäischen Ursprache als wissenschaftlichen Kompass. Die Römer hingegen blickten mit anderen Augen auf das Land: Für sie erstreckte sich jenseits des Rheins ein kaum erkundetes Territorium, bevölkert von Völkern mit fremdartigen Namen.

Die Erfindung der Grenze

Caesar zog eine klare Demarkationslinie. Der Rhein sollte Gallien von Germanien trennen, wobei diese Teilung primär seinem politischen Kalkül entsprach. In seinem Bericht über den Gallischen Krieg zeichnet er das Bild der germanischen Gegner, die nur den Kampf und die harte Entbehrung kennen. Solche Zuschreibungen folgten einer militärischen Logik: Ein Feldherr musste den Feind als ernsthafte Bedrohung stilisieren, um seine eigenen Feldzüge vor dem Senat zu rechtfertigen.

Ein Jahrhundert später versuchte Tacitus, dieses Bild zu erweitern. In seiner Schrift Germania entwarf er eine Welt nördlich der Donau und des Rheins, in der eisige Kälte über weite Sumpflandschaften zog. Er beschrieb Stämme, die ohne Städte lebten und durch ein gewaltiges Hochgebirge vom Rest der Welt getrennt blieben. Seine Darstellung war detaillierter als alles zuvor Geschriebene – sie verfolgte eine moralische Absicht.

Ein Spiegel für Rom

Karte nach Strabon (63 v. Chr. – 23 n. Chr.)

Tacitus schrieb weniger über die Germanen als über Rom selbst. Er nutzte die Fremden als Inbegriff von Tapferkeit und Sittenreinheit, um der im Luxus versinkenden römischen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Dabei stützte er seine Berichte auf Erzählungen von Reisenden und Soldaten; er selbst betrat den Boden jenseits der Grenze wohl nie. Dennoch prägte seine Germania über Generationen das Bild jener Völker.

Auch die Herkunft der Bezeichnung selbst bleibt ein Rätsel. Wahrscheinlich entstand das Wort im Umfeld keltischer Nachbarn, die im 1. Jahrhundert v. Chr. erstmals Kontakt zu Gruppen jenseits des Rheins hatten. Die alte Deutung, germanus bedeute „echt“ und bezeichne damit „echte Gallier“, gilt heute als unhaltbar. Ebenso unsicher bleiben die Versuche, den Namen auf Wurzeln wie gair (Nachbar) oder gairm (Schrei) zurückzuführen.

Projektion einer Einheit

Damit war das Wort von Anfang an ein römisches Konstrukt. Es fasste unterschiedliche Stämme zu einer Einheit zusammen, die in der Realität fehlte. Wie schon die Griechen zwischen sich und den „Barbaren“ unterschieden, so schufen auch die Römer mit den „Germanen“ eine Kontrastwelt zur eigenen Kultur.

Antike Autoren bewerteten die fremden Völker meist nach ihrem eigenen Verständnis von Zivilisation. So erschienen die Germanen zwar als tapfer, aber zugleich als ungebildet. In Wirklichkeit lebten im Norden zahlreiche, lose verbundene Stammesgemeinschaften. Ihre Gebräuche und ihr Selbstbild unterschieden sich deutlich voneinander. Erst durch den dauerhaften Kontakt mit dem Imperium entstand allmählich eine gemeinsame Wahrnehmung – von außen wie von innen. Dieser Sammelbegriff entwickelte sich zu einer politischen Kategorie, die sich wandelte, je nachdem, wer sie für seine Zwecke nutzte.

Der Name überdauerte das Imperium. Das geschlossene Volk, das er zu beschreiben vorgab, bleibt jedoch ein literarisches Erzeugnis der römischen Antike.


Zum Weiterlesen

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Bleckmann, B. (2009): Die Germanen: Von Ariovist bis zu den Wikingern.*

Simek, R. (2014): Religion und Mythologie der Germanen.*

Bildnachweis

Titel: Germanische Ratsversammlung, Zeichnung eines Reliefabschnitts der Mark-Aurel-Säule zu Rom.

Alle Bilder gemeinfrei.

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