Ein leises Rascheln erfüllt die Luft am Fuße der gewaltigen Steinquader, als ein älterer Mann in dunklem Mantel ein kleines, eng beschriebenes Stück Papier zusammenfaltet. Er sucht mit den Fingern nach einer passenden Spalte im porösen Kalkstein, schiebt die Botschaft tief hinein und verharrt einen Moment mit der Stirn gegen den kühlen Fels. Um ihn herum drängen sich Menschen aus aller Welt, doch in diesem Augenblick existiert für ihn nur die Verbindung zu den Generationen, die vor ihm hier standen.
Die Steinquader des Herodes
Die Westmauer, im Volksmund oft Klagemauer genannt, ist kein Überrest des eigentlichen Tempelgebäudes. Sie ist ein Teil der massiven Stützmauer, die das künstlich aufgeschüttete Tempelplateau absicherte. Herodes der Große ließ den Tempelberg zum größten Sakralbau der antiken Welt ausbauen, um seine Herrschaft zu legitimieren. Die untersten sieben Steinlagen aus schwerem Kalkstein zeugen noch heute von diesem Bauvorhaben. Lange glaubte man, die Mauer sei bereits zu Lebzeiten des Königs vollendet worden. Doch Münzfunde unter den Fundamenten belegen, dass Bauleute noch unter seinem Urenkel, Herodes Agrippa II., an den massiven Blöcken arbeiteten – nur wenige Jahre, bevor römische Legionen die Stadt im Jahr 70 nach Christus stürmten.
Nach der Zerstörung des Tempels blieb die Mauer für jüdische Pilger zunächst zweitrangig. Sie suchten in den Ruinen eher den „Gründungsfelsen“ auf, jene markante Erhebung im Zentrum des Plateaus, auf der einst das Allerheiligste gestanden hatte. Erst über die Jahrhunderte verlagerte sich der Ort des Gebets an die Außenwand. Rabbiner begannen im 5. Jahrhundert zu lehren, dass die Schechina – die spürbare Gegenwart Gottes auf Erden – diesen Ort niemals verlassen habe, selbst wenn das Heiligtum darüber in Trümmern liege.
Vom Wohnviertel zum Nationalplatz

Wo heute eine weite, gepflasterte Fläche Tausende Menschen empfängt, drängten sich früher schmale Gassen bis dicht an das Mauerwerk. In osmanischer Zeit durften jüdische Gläubige lediglich einen drei Meter breiten Korridor nutzen. Dieser grenzte unmittelbar an die Häuser des Maghrebinerviertels, in dem seit dem 12. Jahrhundert muslimische Pilger aus Nordafrika lebten.
Diese jahrhundertelange Nachbarschaft endete im Juni 1967. Nur wenige Stunden nachdem israelische Fallschirmjäger die Altstadt im Sechstagekrieg eingenommen hatten, trafen der Bürgermeister Teddy Kollek und General Uzi Narkiss eine radikale Entscheidung für die künftige Nutzung des Ortes. Sie ließen das Maghrebinerviertel innerhalb weniger Tage abreißen. Mehr als 100 Familien mussten ihre Häuser verlassen, oft nur mit dem Nötigsten im Gepäck, während Bulldozer den Platz für die heutige „Western Wall Plaza“ ebneten. Aus dem engen Wohnviertel wurde so ein weitläufiges nationales Heiligtum.
Gebete in den Ritzen
Die Tradition, persönliche Bitten auf Zettel zu schreiben, lässt sich bis in das frühe 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Zweimal im Jahr – vor dem Pessach-Fest und dem Neujahrsfest Rosch ha-Schana – rücken Mitarbeiter der Western Wall Heritage Foundation mit Holzstäben an. Sie kratzen die tausenden Papierchen vorsichtig aus den Fugen, da die Mauer keinen Platz mehr für neue Wünsche bietet. Die Botschaften werden nicht gelesen, sondern in Säcken gesammelt und auf dem jüdischen Friedhof am Ölberg begraben, da sie oft den Namen Gottes enthalten und somit als heilige Objekte gelten.
Heute wird der Ort streng von staatlichen und religiösen Behörden verwaltet. Orthodoxe Aufseher achten darauf, dass Männer und Frauen getrennt voneinander beten, während liberale jüdische Gruppen seit Jahren rechtlich und durch Proteste vor Ort für einen gemeinsamen Zugang kämpfen. Ob der Platz vor der Mauer künftig Raum für alle Strömungen des Judentums bietet oder der aktuellen strengen Ordnung unterworfen bleibt, ist eine der offenen historischen Fragen, die Jerusalem bis heute prägen.

Zum Weiterlesen
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Dockser Marcus, A. (2001): Tempelberg und Klagemauer: Die Rolle der biblischen Stätten im Nahost-Konflikt.*
Bildnachweis
Alles eigene Aufnahmen.




