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Nestors Becher auf Ischia – Ein griechischer Scherz im Westen

Zwischen den verbrannten Gefäßresten eines Grabes auf Ischia lagen die Scherben einer kleinen Trinkschale. Auf ihrer Außenseite standen drei Zeilen Griechisch. Sie nannten Nestor, einen Helden des Trojanischen Krieges, und versprachen jedem, der daraus trank, eine überraschende Wirkung.

Das Gefäß gelangte in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. ins Grab. Es zeigt, wie Menschen an der Küste vor Neapel mit Geschichten aus der griechischen Welt spielten.

Griechen auf Ischia

Die Siedlung hieß Pithekoussai. Griechen von der Insel Euböa hatten sich im 8. Jahrhundert v. Chr. auf Ischia niedergelassen. Von dort erreichten sie die Küsten Kampaniens, wo sie mit den ansässigen Gemeinschaften in Kontakt standen. Später entstand auf dem Festland die griechische Stadt Kyme.

Die Bewohner von Pithekoussai fertigten Metallgegenstände und Keramik. Unter den Beigaben ihrer Verstorbenen fanden sich außerdem Dinge, die von weit her gekommen waren: Gefäße aus verschiedenen Teilen der griechischen Welt und Gegenstände aus dem östlichen Mittelmeerraum. Zwischen ihnen lag auch Nestors Becher. Die Schale selbst stammte wahrscheinlich aus Nordionien an der kleinasiatischen Küste. Die eingeritzten Buchstaben folgen dagegen der Schrift der euböischen Siedler. Das Gefäß hatte also bereits einen Weg zurückgelegt, bevor jemand ihm auf Ischia die Verse einschrieb.

Ein Held auf einer kleinen Schale

Der Text lautet sinngemäß: „Nestors Becher bin ich, gut zum Trinken. Wer aber aus diesem Becher trinkt, den ergreift sogleich die Sehnsucht nach der schön bekränzten Aphrodite.“

Nestor besaß in den Erzählungen vom Trojanischen Krieg einen außergewöhnlichen Becher. Auch die Ilias beschreibt ein prächtig gearbeitetes Gefäß des alten Königs. Die Schale aus Ischia war dagegen ein bescheidener Becher aus Ton. Gerade dieser Abstand dürfte den Scherz ausgemacht haben: Ein gewöhnliches Trinkgefäß gibt sich als Besitz eines Helden aus und verspricht dann eine Wirkung, die besser zu einem Trinkgelage passt als zum Schlachtfeld.

Ob der Verfasser eine bereits feststehende Fassung der Ilias kannte oder eine mündlich erzählte Geschichte von Nestor aufgriff, lässt sich nicht entscheiden. Die Anspielung musste jedenfalls für andere verständlich sein, wenn der Witz funktionieren sollte. Wer die Zeilen einritzte und wer die Schale benutzte, wissen wir nicht.

Wem gehörte das Grab?

Lange ging man davon aus, dass hier ein Kind von zehn bis vierzehn Jahren bestattet worden war. Daraus entstand die Vorstellung, ein Erwachsener habe ihm den Becher mitgegeben – als Hinweis auf die Trinkgelage, die zum Leben erwachsener Männer gehörten.

Eine erneute Untersuchung der verbrannten Knochen hat diese Geschichte verändert. Die Forschenden fanden menschliche und tierische Reste; die menschlichen Knochen stammen wahrscheinlich von mindestens drei Personen unterschiedlichen Alters. Ein Kind ließ sich unter den erhaltenen Fragmenten nicht nachweisen. Schon bei der Ausgrabung waren die Befunde schwer zu beurteilen, weil spätere Bestattungen den ursprünglichen Zusammenhang gestört hatten. Wer den Becher ins Feuer oder zu den Brandresten gab, bleibt offen.

Die Verse auf Nestors Becher gehören zu den ältesten erhaltenen Zeugnissen griechischer Schrift. Sie blieb nicht alleine bei den Griechen: Um siebenhundert vor Christus verwendeten Etrusker auf dem nahen Festland bereits ein Alphabet, das sie von euböischen Siedlern übernommen und für ihre eigene Sprache angepasst hatten.


Blick auf Ischia

Zum Weiterlesen

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Lane Fox, R. (2010): Travelling Heroes: Greeks and Their Myths in the Epic Age of Homer.* Zur griechischen Siedlung auf Ischia und den Verbindungen über das Mittelmeer.

Bildnachweis

Titel: Nestorbecher. Wikimedia Commons, Marcus Cyron. CC BY-SA 4.0.

Ischia: Wikimedia Commons, Retaggio. CC BY-SA 3.0.

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