Am Abend des 18. Februar 1943 stand Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast vor einem sorgfältig ausgewählten Publikum. Hinter ihm hing ein riesiges Transparent. Vor ihm saßen Parteifunktionäre und verwundete Soldaten, dazu Beschäftigte aus Rüstungsbetrieben. Wenige Wochen zuvor war die 6. Armee in Stalingrad untergegangen.
Goebbels fragte die Menge: „Wollt ihr den totalen Krieg?“
Der Saal antwortete mit Jubel.
Die Inszenierung sollte Entschlossenheit zeigen. Tatsächlich verriet sie, wie sehr sich die Lage verändert hatte. Der schnelle Sieg, auf den Hitler 1941 gesetzt hatte, war ausgeblieben. Immer mehr Männer fehlten in den Betrieben, alliierte Bomber erreichten deutsche Städte, und Millionen Familien warteten auf Nachrichten von der Front.
Der Krieg, den das Regime jahrelang weitgehend außerhalb der deutschen Grenzen geführt hatte, griff nun immer tiefer in den Alltag ein.

Stalingrad verändert die Stimmung
Die Kapitulation der deutschen Truppen in Stalingrad Anfang Februar 1943 ließ sich propagandistisch kaum verbergen.
Monatelang hatte die Führung die Schlacht als heroischen Kampf dargestellt. Nun war eine ganze Armee verloren. Zehntausende deutsche Soldaten gingen in sowjetische Gefangenschaft. Nur wenige von ihnen sollten Jahre später zurückkehren.
Für viele Familien schlug die Katastrophe von Stalingrad unmittelbar in den eigenen Alltag ein. Briefe blieben aus, Todesmeldungen trafen ein.
Goebbels versuchte, aus der Niederlage eine neue Mobilisierung zu machen. Seine Sportpalastrede forderte größere Opferbereitschaft. Geschäfte und Betriebe, die für den Krieg als entbehrlich galten, sollten schließen. Arbeitskräfte sollten dorthin gelangen, wo Rüstung und Wehrmacht sie benötigten.
Der Begriff vom totalen Krieg war dabei Propaganda und Arbeitsprogramm zugleich.
Die Bevölkerung sollte sich dem Krieg stärker unterordnen.
Speer steigert die Rüstungsproduktion
Bereits im Februar 1942 hatte Hitler Albert Speer zum Reichsminister für Bewaffnung und Munition ernannt.
Speer versuchte, die Rüstungswirtschaft stärker zu koordinieren. Produktionsverfahren wurden vereinheitlicht, Aufträge konzentriert. Betriebe sollten vorhandene Maschinen besser auslasten.
Das Ergebnis war bemerkenswert.
Obwohl immer mehr Männer zur Wehrmacht eingezogen wurden und alliierte Luftangriffe die Industrie trafen, stieg die Produktion wichtiger Waffen bis 1944 erheblich an.
Dieser Erfolg beruhte jedoch auf einer Wirtschaft, die immer größere Teile Europas für den deutschen Krieg einspannte.
Rohstoffe kamen aus besetzten Ländern. Fabriken arbeiteten für deutsche Aufträge. Vor allem aber fehlten Arbeitskräfte.
Diese Lücke schloss das Regime zunehmend mit Arbeitskräften aus den besetzten Gebieten.
Sauckel beschafft Arbeitskräfte

Im März 1942 ernannte Hitler den Thüringer Gauleiter Fritz Sauckel zum Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz.
Sauckels Aufgabe war eindeutig: Er sollte Millionen Arbeitskräfte für die deutsche Wirtschaft beschaffen.
In den besetzten Gebieten wurden Männer und Frauen angeworben, unter Druck gesetzt oder zwangsweise nach Deutschland gebracht. Besonders brutal verlief die Rekrutierung in Polen und in den besetzten sowjetischen Gebieten.
Züge brachten die Menschen ins Reich. Dort arbeiteten sie in Fabriken oder in der Landwirtschaft.
Bis 1944 befanden sich Millionen ausländische Zivilarbeiter und Kriegsgefangene in Deutschland. In manchen Betrieben waren deutsche Arbeiter inzwischen eine Minderheit.
Die Lebensbedingungen unterschieden sich stark nach Herkunft. Menschen aus Westeuropa wurden meist besser behandelt als Arbeiter aus Polen oder der Sowjetunion. Für sogenannte Ostarbeiter galten besonders scharfe Vorschriften. Ihre Bewegungsfreiheit war eingeschränkt, ihre Unterkünfte waren häufig schlecht.
Damit wurde Zwangsarbeit für Millionen Deutsche sichtbar.
Ausländische Arbeiter standen an Werkbänken und arbeiteten auf Bauernhöfen. Die rassistische Hierarchie des Besatzungskrieges reichte bis in deutsche Städte und Dörfer.
Frauen werden stärker herangezogen
Der zunehmende Arbeitskräftemangel erhöhte auch den Druck auf deutsche Frauen.
Das Regime hatte jahrelang die Mutterrolle propagiert. Gleichzeitig waren schon vor dem Krieg Millionen Frauen berufstätig gewesen. Nun wurden ihre Arbeitskraft und ihre Zeit noch dringender benötigt.
Nach Stalingrad mussten sich weitere Frauen für einen möglichen Arbeitseinsatz registrieren lassen. Viele wechselten in kriegswichtige Betriebe oder übernahmen Aufgaben, die zuvor Männer erledigt hatten.
Bei der Heranziehung von Frauen hielt die Führung zugleich an Teilen ihres traditionellen Frauenbildes fest. Mütter mit kleineren Kindern erhielten häufig Ausnahmen. Zugleich konnte sich eine Wirtschaft im langen Krieg solche Beschränkungen immer weniger leisten.
Der größere Teil der zusätzlichen Arbeitskräfte kam deshalb weiterhin aus den besetzten Ländern.
Für deutsche Frauen wuchs die Belastung dennoch. Sie arbeiteten und versorgten ihre Familien. Mit jedem weiteren Einberufungsjahr mussten sie mehr Aufgaben allein übernehmen.
Der Krieg veränderte damit den Alltag stärker, als es die nationalsozialistische Propaganda vom geordneten Familienleben erkennen ließ.
Die Bomber kommen nachts
Seit 1942 erreichten britische Bomber deutsche Städte in immer größerer Zahl.
Die Angriffe hatten zunächst vor allem Industriegebiete im Westen getroffen. Köln erlebte Ende Mai 1942 den ersten britischen Angriff mit mehr als tausend Bombern.
Im Sommer 1943 traf es Hamburg.
Mehrere britische und amerikanische Angriffe verwüsteten Ende Juli große Teile der Stadt. In dicht bebauten Vierteln entwickelte sich ein Feuersturm. Die Hitze entzündete ganze Straßenzüge und erzeugte einen gewaltigen Sog.
Rund 34.000 Menschen kamen während der Angriffsserie ums Leben.
Hunderttausende verließen anschließend die Stadt.
Hamburg zeigte, was der Luftkrieg für die deutsche Zivilbevölkerung bedeutete. Schutzräume und Luftschutzkeller konnten gegen direkte Treffer wenig ausrichten. Nach einem Angriff standen Menschen vor ausgebrannten Häusern und suchten nach Angehörigen.
Die Front war nun nachts über den Städten.

Kinder verlassen die Städte
Das Regime versuchte, besonders gefährdete Kinder aus den großen Städten zu bringen.
Die sogenannte Kinderlandverschickung hatte bereits früher bestanden, wurde während des Luftkriegs aber erheblich ausgeweitet. Schulklassen kamen in Lager oder wurden bei Familien in weniger gefährdeten Regionen untergebracht.
Für manche Kinder bedeutete dies Monate oder Jahre fern von ihren Eltern.
Die Hitlerjugend erhielt großen Einfluss auf viele Lager. Der Tagesablauf verband Unterricht mit nationalsozialistischer Erziehung.
Eltern standen dabei vor schwierigen Entscheidungen. Wer sein Kind in der Stadt behielt, setzte es den Luftangriffen aus. Wer es fortschickte, gab einen Teil der Kontrolle über dessen Alltag ab.
Der Bombenkrieg griff damit unmittelbar in Familien ein.
Auch Menschen, die das Regime weiterhin unterstützten, konnten sich seiner Forderung nach Opferbereitschaft kaum noch entziehen.
Der Alltag wird knapper
Lebensmittel waren seit Kriegsbeginn rationiert worden. Mit Lebensmittelkarten versuchte die Regierung, die Versorgung zu steuern.
Lange gelang es dem Regime besser als im Ersten Weltkrieg, eine katastrophale Versorgungskrise im Reich zu verhindern. Das lag auch daran, dass Deutschland Lebensmittel aus den besetzten Gebieten abzog.
Je länger der Krieg dauerte, desto schwieriger wurde die Lage dennoch.
Viele Waren verschwanden aus dem normalen Handel. Kleidung und Brennstoffe waren knapp. Wer Beziehungen zu Bauern besaß oder etwas zum Tauschen hatte, konnte sich Vorteile verschaffen.
Der Schwarzmarkt gewann an Bedeutung.
Auch die Luftangriffe verschärften die Probleme. Eine Familie konnte ihre Wohnung und ihre Vorräte in einer einzigen Nacht verlieren.
Die Behörden mussten ausgebombte Menschen unterbringen und mit dem Nötigsten versorgen. Wohnungen wurden geteilt, fremde Familien zusammengelegt.
Der Krieg drängte Menschen auf immer engeren Raum.

Zweifel wachsen, offene Kritik bleibt gefährlich
Mit den Niederlagen veränderte sich die Stimmung.
Die Berichte des Sicherheitsdienstes zeigen zunehmende Sorgen über den Kriegsverlauf. Nach Stalingrad fiel es schwerer, an einen schnellen Sieg zu glauben. Die Luftangriffe und immer längeren Verlustlisten verstärkten die Zweifel.
Hitlers Ansehen begann zu leiden.
Die Kritik richtete sich jedoch häufig weiterhin stärker gegen die Parteiführung oder einzelne Funktionäre. Viele Menschen hofften noch immer auf neue Waffen oder eine politische Wendung.
Offene Äußerungen konnten zudem gefährlich sein.
Wer eine Niederlage vorhersagte oder Hitlers Führung öffentlich angriff, riskierte eine Anzeige. Gerichte gingen zunehmend härter gegen sogenannte Wehrkraftzersetzung vor.
Damit verband sich sinkende Zustimmung mit wachsendem Zwang.
Das Regime konnte Begeisterung immer weniger voraussetzen. Umso wichtiger wurde die Drohung mit Strafe.
Nach dem 20. Juli wird der Druck größer
Am 20. Juli 1944 explodierte im Führerhauptquartier Wolfsschanze eine Bombe. Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg hatte sie während einer Besprechung in Hitlers Nähe abgestellt.
Hitler überlebte.
Der anschließende Umsturzversuch scheiterte innerhalb weniger Stunden. In den folgenden Wochen ließ das Regime tatsächliche und vermeintliche Beteiligte verhaften. Zahlreiche Menschen wurden hingerichtet.
Für die Bevölkerung war das Attentat ein weiteres Zeichen dafür, wie tief die Krise inzwischen reichte. Selbst Offiziere aus dem inneren Bereich des Staates hatten versucht, Hitler zu töten.
Die Führung reagierte mit noch stärkerer Kontrolle.
Goebbels erhielt im Juli 1944 weitreichende Vollmachten für den totalen Kriegseinsatz. Weitere Beschäftigte sollten für Rüstung und Wehrmacht freigemacht werden. Behörden mussten Personal abgeben, entbehrliche Tätigkeiten wurden eingeschränkt.
Die Grenzen zwischen Front und Heimat lösten sich weiter auf.
Alte Männer und Jugendliche bekommen Waffen
Im Herbst 1944 standen alliierte Truppen an den Grenzen des Reiches.
Hitler ordnete nun die Bildung des Volkssturms an.
Alle noch nicht zur Wehrmacht gehörenden wehrfähigen Männer zwischen 16 und 60 Jahren sollten herangezogen werden. Viele hatten kaum militärische Ausbildung. Ihre Bewaffnung war oft unzureichend.
Parteifunktionäre organisierten die Einheiten vor Ort.
Damit erreichte die Mobilisierung Gruppen, die wenige Jahre zuvor kaum für einen Fronteinsatz vorgesehen gewesen wären. Jugendliche standen neben älteren Familienvätern.
Der Volkssturm blieb militärisch weitgehend wirkungslos. Seine Aufstellung zeigte vor allem, wie weit die deutschen Reserven bereits erschöpft waren.
Der totale Krieg hatte inzwischen eine ganz andere Bedeutung als im Sportpalast von 1943.
Damals hatte Goebbels noch versprochen, durch zusätzliche Anstrengungen den Sieg zu erzwingen. Ende 1944 ging es zunehmend darum, eine Niederlage hinauszuschieben.
Im Osten erreichte die Rote Armee die Grenzen des Reiches. Im Westen standen amerikanische und britische Truppen ebenfalls auf deutschem Boden. Deutsche Städte lagen unter immer schwereren Luftangriffen.

Zum Weiterlesen
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- Ian Kershaw (2009): Hitler 1889–1945 – Standardwerk zur frühen Biographie und zur ideologischen Formierung Hitlers.*
- Volker Ullrich (2013): Hitler. Aufstieg 1889–1939 – gut lesbare Gesamtdarstellung mit starkem biographischem Zugriff.*
- Sebastian Haffner (1981): Anmerkungen zu Hitler – Klassiker.*
Bildnachweis
Titel: Großkundgebung im Sportpalast, 18. Februar 1943. Bundesarchiv, Bild 183-J05235 / Schwahn / CC-BY-SA 3.0.
Stalingrad: Bundesarchiv, Bild 183-P0613-308 / CC-BY-SA 3.0.
Volkssturm: Bundesarchiv, Bild 146-1978-087-24 / CC-BY-SA 3.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.




