Es ist der 14. August 1872. Im Festsaal in Leipzig spricht der Berliner Physiologe Emil du Bois-Reymond die Worte aus, die das wissenschaftliche Selbstvertrauen des Kaiserreichs erschüttern: „Ignoramus et ignorabimus“ – wir wissen es nicht und wir werden es niemals wissen. Doch erst acht Jahre später, vor der Preußischen Akademie der Wissenschaften, ordnet er seine Zweifel systematisch. Er präsentiert eine Liste von sieben „Welträtseln“, von denen er drei für endgültig unlösbar erklärt.
Vor der großen Sphinx des Daseins
Du Bois-Reymond tritt in eine lange Tradition der Ratlosigkeit. Schon Arthur Schopenhauer beschrieb den Menschen als Wesen, das verwundert vor der „großen Sphinx“ des Daseins stehen bleibt. Während Philosophen wie Friedrich Nietzsche im „Willen zur Macht“ die Lösung aller Rätsel zu finden glaubten, zieht du Bois-Reymond 1880 eine nüchterne, naturwissenschaftliche Grenze.
Er unterscheidet zwischen lösbaren Problemen – etwa der Entstehung des Lebens oder der Herkunft der Sprache – und drei „transzendenten“ Hürden, die dem menschlichen Verstand prinzipiell verschlossen bleiben:
Der Kampf um die Welterklärung

Die Reaktion auf dieses „Ignorabimus“ löst einen der erbittertsten Gelehrtenstreite des 19. Jahrhunderts aus. Sein größter Widersacher ist der Zoologe Ernst Haeckel. In seinem Bestseller „Die Welträtsel“ (1899) fegt Haeckel alle Zweifel beiseite. Für ihn gibt es keine unlösbaren Geheimnisse. Er verspottet du Bois-Reymonds Skepsis als „Ignoratis“ – ein böswilliges Nicht-wissen-Wollen, das nur der Kirche in die Hände spiele.
„Wir müssen wissen – wir werden wissen“

Der Konflikt erreicht seinen Höhepunkt im September 1930. In Königsberg tritt der Mathematiker David Hilbert vor die Fachwelt. Er nennt das „Ignorabimus“ ein lähmendes Gift für den Forschergeist und greift du Bois-Reymond direkt an. Er setzt dem Pessimismus sein berühmtes Credo entgegen: „Wir müssen wissen – wir werden wissen.“
Ironischerweise wird Hilberts optimistisches Vorhaben nur ein Jahr später durch Kurt Gödel erschüttert. Dessen Unvollständigkeitssätze zeigen, dass es selbst in der Logik der Mathematik Grenzen des Beweisbaren gibt – eine späte, abstrakte Bestätigung für die Existenz prinzipieller Schranken.
Ein Erbe der Skepsis
Das „Ignorabimus“ markiert den Moment, in dem die moderne Wissenschaft ihre eigene Endlichkeit entdeckte. Ob die Schranken, die du Bois-Reymond 1880 definierte, tatsächlich unüberwindbar sind, bleibt umstritten. Der Blick auf die moderne Quantenphysik oder die Bewusstseinsforschung zeigt jedoch, dass wir oft an denselben Rätseln scheitern, die der Berliner Professor vor über 140 Jahren benannte. Die Sphinx schweigt noch immer.
Zum Weiterlesen
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Finkelstein, G. (2013): Emil du Bois-Reymond: Neuroscience, Self, and Society in Nineteenth-Century Germany. Biographische Studie zum Vordenker der Elektrophysiologie. *
Bildnachweis
Titel: Emil du Bois-Reymond, vor 1896.
Alle Bilder gemeinfrei.

