
Im Jahr 1922 steht Arthur Ponsonby im Sheffielder Wahlbezirk Brightside vor seinen Wählern. Der ehemalige Page der Königin Victoria und erfahrene Diplomat hat kurz zuvor mit der Liberalen Partei gebrochen und kandidiert nun für die Labour Party. Ponsonby hat seine bürgerliche Karriere hinter sich gelassen, um gegen ein System zu kämpfen, das er für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verantwortlich macht: die Geheimdiplomatie. In seinen Reden beschreibt er detailliert, wie Entscheidungen in geschlossenen Räumen des Foreign Office getroffen wurden, ohne dass das Parlament oder die Öffentlichkeit Einfluss darauf hatten.
Der Bruch mit der Tradition
Ponsonbys Weg in den politischen Widerstand beginnt mit seinen Erfahrungen im diplomatischen Dienst in Konstantinopel und Kopenhagen. Dort beobachtet er die bürokratischen Abläufe und die exklusive soziale Struktur des diplomatischen Korps, das fast ausschließlich aus Mitgliedern der Aristokratie besteht. Als 1914 der Krieg ausbricht, lehnt er den allgemeinen Kriegstaumel ab. Gemeinsam mit Mitstreitern wie Ramsay MacDonald gründet er die Union of Democratic Control. Die Gruppe fordert, dass internationale Verträge künftig nur noch mit Zustimmung des Parlaments geschlossen werden dürfen. Ponsonby argumentiert in dieser Zeit sachlich gegen die Behauptung, der Krieg sei ein alternativloser Kreuzzug, und konzentriert sich stattdessen auf die Verflechtungen der europäischen Mächte.
Die Dokumentation der Falschmeldungen
1928 veröffentlicht Ponsonby sein bekanntestes Werk: „Falsehood in War-time“. In dieser Sammlung untersucht er systematisch die Propaganda der Kriegsjahre. Er greift konkrete Beispiele auf, wie die weit verbreitete Geschichte über eine von deutschen Soldaten verstümmelte Krankenschwester oder die Behauptung, die deutsche Armee betreibe eine Fabrik zur Gewinnung von Fett aus menschlichen Kadavern. Ponsonby weist anhand von Quellen nach, dass diese Erzählungen gezielt gestreut oder ungeprüft übernommen wurden, um die Moral der Zivilbevölkerung zu stärken. Für ihn ist klar: Die Empörung der Öffentlichkeit wurde künstlich durch Lügen erzeugt, da die tatsächlichen Kriegsgründe für die meisten Menschen zu unbedeutend gewesen wären.
Die 10 Prinzipien der Kriegspropaganda
Nach Arthur Ponsonby (systematisiert von Anne Morelli)
Wir wollen keinen Krieg.
Das gegnerische Lager trägt die alleinige Schuld am Krieg.
Der Feind hat das Antlitz des Teufels (oder ist der „Böse“).
Wir verteidigen eine edle Sache, nicht unsere eigenen Interessen.
Der Feind begeht absichtlich Grausamkeiten; unsere Fehler sind versehentlich.
Der Feind verwendet unerlaubte Waffen.
Wir erleiden geringe Verluste, die Verluste des Feindes sind enorm.
Anerkannte Künstler und Intellektuelle unterstützen unsere Sache.
Unsere Sache hat etwas Heiliges.
Wer unsere Propaganda bezweifelt, ist ein Verräter.
Die Grenzen der Kritik

Aus heutiger Sicht zeigt sich jedoch, dass Ponsonbys Analyse eine problematische Kehrseite hatte. Historiker wie David Reynolds oder John Horne weisen darauf hin, dass er in seinem Bemühen, die britische Propaganda zu entlarven, selbst einseitig vorging. Er konzentrierte sich fast ausschließlich auf die Widerlegung alliierter Falschmeldungen, während er die deutsche Propaganda ignorierte. Besonders seine Darstellung der deutschen Invasion in Belgien war historisch falsch: Ponsonby versuchte nachzuweisen, dass Berichte über Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung generell erfunden waren. Dabei ignorierte er die heute belegten Massenhinrichtungen durch deutsche Truppen im Jahr 1914. Seine Methode, von einzelnen erfundenen Geschichten auf die Unwahrheit aller Berichte zu schließen, gilt heute als ungenau.
Konsequenter Pazifismus bis zuletzt
In den 1930er Jahren bleibt Ponsonby seiner pazifistischen Linie treu. Er übernimmt den Vorsitz des Internationalen Rates der Kriegsdienstgegner und nutzt seine Position im House of Lords, um gegen die beginnende britische Aufrüstung zu argumentieren. Als die Labour Party 1935 beschließt, Sanktionen gegen das faschistische Italien wegen des Überfalls auf Abessinien zu unterstützen, tritt Ponsonby von seinem Amt als Fraktionsführer zurück. Er begründet diesen Schritt mit der Überzeugung, dass wirtschaftliche Sanktionen zwangsläufig in einen militärischen Konflikt münden. Seinen letzten politischen Akt vollzieht er im Mai 1940: Er tritt aus der Labour Party aus, da er den Eintritt der Partei in die Kriegskoalition unter Winston Churchill nicht mittragen will.
Das zwiespältige Erbe
Arthur Ponsonbys Kampf gegen Kriegspropaganda blieb wirkungslos. Seine Forderung nach parlamentarischer Kontrolle der Außenpolitik scheiterte; die britische Regierung behielt ihre Handlungsfreiheit. Sein Buch „Falsehood in War-time“ wurde zwar gelesen, änderte aber nichts an der Praxis: Auch im Zweiten Weltkrieg setzte Großbritannien massiv auf Propaganda. Ponsonby hatte gezeigt, wie Regierungen in Kriegen lügen. Doch die Erkenntnis führte nicht dazu, dass sie damit aufhörten. Seine Arbeit bleibt dennoch relevant: Sie dokumentiert, wie schnell sich in Kriegen Gerüchte zu vermeintlichen Fakten verfestigen und wie schwer es ist, diese Mythen später wieder aufzulösen.

Zum Weiterlesen
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Ponsonby, A.; Gundrum, L.; Huckins, C. (2022): Lügen in Kriegszeiten: Kritische Betrachtungen. *
Morelli, A. (2014): Die Prinzipien der Kriegspropaganda. *
Bildnachweis
Titel: Französische Propaganda-Postkarte im 1. Weltkrieg, 1914.
Alle Bilder gemeinfrei.

