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Die Pioniere am See – Der weite Weg nach Ubeidiya

Es ist ein heißer Maitag im Jahr 1959 im Jordantal. Ein Mitglied des Kibbuz Afikim steuert seine Planierraupe über das Gelände südlich des Wadi Yavne’el, um den Boden für die Landwirtschaft zu ebnen. Plötzlich stößt die Schaufel auf ungewöhnliche Formationen. Was der Arbeiter dort freilegt, ist kein gewöhnliches Gestein, sondern eine Zeitkapsel, die eine Geschichte von über 1,5 Millionen Jahren umschließt.

Diese zufällige Entdeckung markiert den Beginn der Erforschung von Ubeidiya, einer der weltweit bedeutendsten Fundstellen des frühen Pleistozäns. Hier, nur 3 km südlich des Sees Genezareth, finden sich die Spuren einer der ersten großen Wanderungsbewegungen von Homo erectus aus Afrika hinaus. Das Jordantal fungierte dabei als entscheidender Korridor – eine natürliche Landbrücke, die den Frühmenschen den Weg nach Eurasien wies.

Eine Welt im Wandel: Das Ufer des Ursees

Israel

Wer heute auf die trockene Landschaft von Ubeidiya blickt, braucht Phantasie, um die Welt vor 1,5 Millionen Jahren zu sehen. Geologische Verwerfungen haben die damaligen Erdschichten im Laufe der Zeit in einem Winkel von bis zu 70 Grad aufgesteilt. Doch zur Zeit der ersten Besiedlung lag hier ein riesiger Süßwassersee.

Die Ausgrabungen brachten eine Tierwelt ans Licht, die an die afrikanische Savanne erinnert. Die Ufer des Sees teilte sich der Homo erectus mit Flusspferden, Elefanten, Warzenschweinen und großen, pantherartigen Raubkatzen. Sogar die Knochen ausgestorbener Säbelzahntiger und riesiger Wildrinder lagen in den rund 60 untersuchten Sedimentschichten.

Für die wandernden Gruppen war dieser Ort ideal: Er bot nicht nur verlässliches Wasser und reiche Beute, sondern auch das nötige Rohmaterial für ihre Werkzeuge. In der Levante – dem Küstengebiet des östlichen Mittelmeers – war Ubeidiya ein Ort, an dem die Menschen für lange Zeit Wurzeln schlugen.

Das Handwerk der Faustkeile: Eine Frage der Planung

Ubeidiya nimmt in der Archäologie eine Schlüsselrolle ein, wenn es um die Verbreitung menschlicher Fertigkeiten geht. Die Funde gehören zur Kultur des sogenannten Acheuléen. Ihr markantestes Erkennungsmerkmal – die archäologische Leitform – ist der Faustkeil.

Die Movius-Linie trennt in Ost- und Südasien die Bereiche mit der Faustkeil-Tradition des Acheuléen (braungrün) von denen ohne Faustkeile (hellgrün)

Diese sorgfältig bearbeiteten, zweiseitig symmetrischen Steinwerkzeuge zeigen, dass der Homo erectus bereits über ein enormes Vorstellungsvermögen verfügte. Er musste die fertige Form bereits im rohen Steinblock sehen können, bevor er den ersten Schlag tat. Diese Fähigkeit zur Planung war ein gewaltiger Schritt nach vorn gegenüber den bloßen scharfen Steinsplittern früherer Zeiten.

In der Fachwelt markiert die „Movius-Linie“ eine unsichtbare Grenze, die Nordindien durchschneidet. Westlich dieser Linie beherrschten die Menschen die Kunst der Faustkeil-Herstellung. Östlich davon finden sich vorwiegend einfachere Hackwerkzeuge. Ubeidiya liegt auf der westlichen Seite dieser Grenze. Die Qualität der dort gefundenen Werkzeuge belegt, dass die Gruppen ihr Handwerk über Generationen hinweg bewahrten und ihre Techniken erfolgreich in die neue Heimat mitbrachten.

Das Kind von Ubeidiya: Ein Wirbel schreibt Geschichte

Doch wer waren die Menschen, die diese Steine so präzise bearbeiteten? Lange Zeit blieben die Schöpfer der Werkzeuge in Ubeidiya anonym, da eindeutige Knochenfunde fehlten. Erst im Februar 2022 verkündeten Forscher einen sensationellen Fund: einen vollständigen Lendenwirbel eines Frühmenschen.

Die Analyse ergab, dass der Knochen zu einem Kind im Alter zwischen 6 und 12 Jahren gehörte. Mit einer für sein Alter ungewöhnlich großen Körperhöhe stach dieses Individuum deutlich hervor; Rekonstruktionen lassen vermuten, dass es als Erwachsener eine Größe von über 1,80 m erreicht hätte.

Dieser Fund ist das älteste Zeugnis eines Frühmenschen in dieser Region. Besonders spannend ist der Vergleich mit Funden aus Dmanisi in Georgien, die noch älter sind, wobei die dortigen Menschen jedoch deutlich kleiner und zierlicher waren. Dies legt nahe, dass der Weg aus Afrika in mehreren Wellen und von unterschiedlichen Menschengruppen bestritten wurde.

Ein Ort für die Ewigkeit

Ubeidiya blieb auch nach der Steinzeit ein wichtiger Anziehungspunkt. Nur wenige hundert Meter entfernt liegt der Tell Ubeidiya – ein typischer Siedlungshügel, der durch die jahrtausendelange Überlagerung von Städten und Dörfern entstanden ist. Von der Bronzezeit bis ins Osmanische Reich hinterließen Menschen hier ihre Spuren. Die Funde, die heute im Israel Museum in Jerusalem aufbewahrt werden, lassen erahnen, wie viel die Geschichte unserer Vorfahren noch im Boden des Jordantals verborgen hält.


Große Hörner einer ausgestorbenen Rinderart (Israelisches Museum)

Zum Weiterlesen

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Jürgen Richter (2017): Altsteinzeit: Der Weg der frühen Menschen von Afrika bis in die Mitte Europas.*

Hermann Parzinger (2018): Abenteuer Archäologie: Eine Reise durch die Menschheitsgeschichte.*

Bildnachweis

Titel: Tell von Ubeidiya, Wikimedia Commons, Hanay, CC SA-BY 3.0.

Rinderhörner: Wikimedia Commons, Davidbena, CC SA-BY 4.0.

Karten: Wikimedia Commons.

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