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Das Hinterhaus an der Prinsengracht – Anne Franks Leben im Versteck

Ein rot-weiß kariertes Notizbuch liegt auf dem Gabentisch zum 13. Geburtstag. „Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können“, schreibt Anneliese Marie Frank am 12. Juni 1942 in ihr neues Tagebuch. Es ist eine der letzten Handlungen in Freiheit. Nur wenige Wochen später endet das öffentliche Leben der jüdischen Familie; sie tauchen unter, um der drohenden Verhaftung und Ermordung zu entkommen.

Der Aufruf für Margot: Die Entscheidung für den Untergrund

Der Plan zur Flucht besteht bereits seit Monaten, doch ein Ereignis am 5. Juli 1942 erzwingt den sofortigen Aufbruch. An diesem Sonntag erhält die 16-jährige Margot Frank einen Aufruf zur „Arbeitserziehung“ in Deutschland – ein behördlicher Euphemismus, hinter dem sich für die jüdische Bevölkerung die Deportation in die Lager verbirgt. Otto und Edith Frank wissen, dass Margot dieser Befehl das Leben kosten würde.

Am nächsten Morgen lassen sie die Wohnung in Unordnung zurück, um eine überstürzte Flucht vorzutäuschen. In mehreren Schichten Kleidung übereinander – um keine auffälligen Koffer tragen zu müssen – laufen sie durch den Amsterdamer Regen zur Prinsengracht 263. Im hinteren Teil seines Firmengebäudes hat Otto Frank über Monate ein Quartier eingerichtet, das nun zum Lebensmittelpunkt der Familie wird.

Alltag auf engstem Raum: Die Gemeinschaft im Achterhuis

Achterhuis heute

Das Versteck, bekannt als das „Achterhuis“, umfasst drei Stockwerke1 und wird durch ein bewegliches Aktenregal vor den Augen der Außenwelt verborgen. Ab dem 13. Juli 1942 teilt sich die Familie Frank den Raum mit Hermann und Auguste van Pels sowie deren Sohn Peter. Am 16. November 1942 folgt der Zahnarzt Fritz Pfeffer als achter Bewohner.

Das Leben wird durch strenge Disziplin bestimmt. Während der Arbeitsstunden im Lagerhaus unter ihnen müssen die Untergetauchten absolute Stille bewahren. Jedes Knacken der Dielen oder Spülen der Toilette bedeutet Lebensgefahr. In dieser Isolation dokumentiert Anne Frank die Spannungen zwischen den Bewohnern mit analytischer Schärfe. Sie schreibt mit dem Blick auf eine spätere Leserschaft; motiviert durch einen Radioaufruf des niederländischen Erziehungsministers im Exil, überarbeitet sie ihre Notizen systematisch für eine Veröffentlichung nach dem Krieg.

Helfer unter Lebensgefahr: Die Verbindung zur Außenwelt

Anne Frank, Schulfoto 1941

Das Überleben der acht Menschen hängt vollständig von einer kleinen Gruppe vertrauter Mitarbeiter Otto Franks ab. Miep Gies, Bep Voskuijl, Victor Kugler und Johannes Kleiman organisieren Kleidung, Nachrichten und die tägliche Verpflegung. Sie besorgen gefälschte Bezugsscheine auf dem Schwarzmarkt und verbergen die Anwesenheit der Flüchtlinge vor den übrigen Angestellten und der deutschen Besatzungsmacht.

Trotz der zunehmenden Knappheit halten sie die Versorgung über 25 Monate hinweg aufrecht. Anne entwickelt eine besonders enge Bindung zu Bep Voskuijl, der jüngsten Helferin. Doch mit der Dauer des Verstecks wächst die psychische Belastung; kleine Alltagsgeräusche lösen Panikattacken aus, und die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende wird durch die schleppenden militärischen Fortschritte der Alliierten immer wieder gedämpft.

Der 4. August 1944: Das Ende der Sicherheit

Karl Silberbauer (1911-1972)

Die Hoffnung zerschlägt sich am Vormittag des 4. August 1944. Ein Wagen hält vor dem Gebäude an der Prinsengracht. SS-Oberscharführer Karl Silberbauer und drei Beamte der „Grünen Polizei“ – der niederländischen Ordnungspolizei im Dienst der Besatzer – stürmen das Haus. Die genaue Ursache der Entdeckung beschäftigt die Forschung bis heute: Während lange Zeit ein gezielter Verrat als sicher galt, diskutiert die Fachwelt heute auch die Möglichkeit einer Zufallsentdeckung während einer Razzia wegen Verstößen gegen die strengen Rationierungsvorschriften. Andere Thesen, wie die 2022 veröffentlichte Untersuchung über eine mögliche Beteiligung des jüdischen Notars Arnold van den Bergh, bleiben aufgrund mangelnder Beweise in der Geschichtswissenschaft stark umstritten.

Die Polizisten leeren Otto Franks Aktentasche auf den Boden, um darin Wertsachen zu verstauen. Dabei fallen Annes lose beschriebene Blätter und ihr Tagebuch unter die Tische. Die Bewohner werden verhaftet und über das Transitlager Westerbork nach Auschwitz deportiert.

Bergen-Belsen und das Schicksal der Schwestern

Britischer Panzer, Bergen-Belsen, 15. April 1945

In Auschwitz wird die Gruppe endgültig auseinandergerissen. Otto Frank sieht seine Frau und die Töchter ein letztes Mal bei der Ankunft im Lager, unmittelbar bevor die Familie getrennt wird. Edith Frank bleibt im Frauenlager zurück und stirbt dort im Januar 1945 an Entkräftung. Anne und Margot werden im Oktober 1944 in das Konzentrationslager Bergen-Belsen verlegt.

Die Bedingungen dort sind geprägt von tödlicher Überbelegung und Hunger. Anne ist in ihren letzten Wochen überzeugt, dass beide Eltern bereits umgekommen sind – eine Annahme, durch die sie jeden Halt verliert. Margot Frank stirbt nach neueren Erkenntnissen wahrscheinlich bereits im Februar 1945. Kurze Zeit später erliegt auch die 15-jährige Anne einer Typhus-Epidemie – Wochen vor der Befreiung des Lagers durch britische Truppen am 15. April.

Die Entstehung einer Weltchronik

Von den acht Bewohnern des Hinterhauses überlebt nur Otto Frank. Er blieb als Kranker im Lager Auschwitz-Birkenau zurück und erlebte dort am 27. Januar 1945 die Befreiung durch sowjetische Truppen. Nach seiner Rückkehr nach Amsterdam übergibt ihm Miep Gies die geretteten Papiere seiner Tochter. Sie hatte die Blätter nach der Verhaftung vom Boden des Verstecks aufgesammelt und aus Respekt vor Annes Privatsphäre die gesamte Zeit über ungelesen verwahrt.

Otto Frank erfüllt den Wunsch seiner Tochter und macht ihre Stimme der Welt zugänglich. 1947 erscheint die erste Auflage des Tagebuchs unter dem Titel „Het Achterhuis“. Obwohl Anne Frank in einem Massengrab in Bergen-Belsen liegt, bleibt ihre Persönlichkeit durch das rot-weiß karierte Buch präsent. Die Forschung zeigt heute, dass sie ihre Texte bewusst als literarisches Zeugnis gestaltete – die Aufzeichnungen einer Autorin, die der drohenden Stille ihr bleibendes Wort entgegensetzte.


Anne Frank Tagebuch, Wanderausstellung, Kiel

Zum Weiterlesen

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Anne Frank, Otto H. Frank (2001): Tagebuch.*

Melissa Müller (2005): Das Mädchen Anne Frank: Die Biografie. Audiobook.*

Bildnachweis

Titel: Passfoto Anne Frank, 1942.

Achterhuis: Wikimedia Commons, Lệ Xuân. CC BY-SA 4.0.

Tagebuch: Wikimedia Commons, Diego Delso. CC BY-SA 4.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.


  1. Zwei normale Stockwerke und der Dachboden. Die Aufteilung des Hauses kann auf der Seite des Anne-Frank-Hauses angesehen werden. ↩︎

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