In Gewaltmärschen jagte Gaius Iulius Caesar im März 58 v. Chr. von Rom nach Norden; nach moderner Schätzung legte er dabei annähernd neunzig Meilen am Tag zurück. In gut einer Woche stand er an der Rhône. Der Anlass wartete am anderen Ufer. Bei Genf hatte sich ein ganzes Volk in Bewegung gesetzt, die Helvetier, und ihr Weg führte mitten durch die Provinz, die Caesar gerade erst als Statthalter übernommen hatte.

Das Kommando war ein Wagnis gewesen. Für fünf Jahre hatte er sich die Statthalterschaft über das oberitalische Gallien und Illyrien sichern lassen; als der für das transalpine Gallien vorgesehene Statthalter starb, fiel auch diese Provinz an ihn. Seine Gegner im Senat warteten nur darauf, ihn nach Ablauf des Kommandos vor Gericht zu ziehen. Erfolge im Feld waren seine Lebensversicherung – ohne sie war er in Rom verloren. Militärisch stand ihm zunächst wenig zur Verfügung: In der Provinz lag nur eine einzige Legion. Drei weitere holte er aus den Winterquartieren bei Aquileia, zwei ganz neue – die XI. und XII. – hob er aus eigener Vollmacht aus. Erst im Lauf des Sommers führte er so sechs Legionen zusammen, etwa 25.000 bis 30.000 Legionäre; hinzu kamen Reiterei und weitere Hilfstruppen. Zwei dieser Legionen hatten noch nie in einer Schlacht gestanden.
Ein Volk auf Wanderschaft
Auf den 28. März 58 v. Chr. hatten die Helvetier den Tag festgesetzt, an dem alle am Ufer der Rhône versammelt sein sollten. Nach Caesars eigener Zählung brachen rund 368.000 Menschen auf – 263.000 Helvetier und dazu gut hunderttausend Angehörige verbündeter Stämme; gut ein Viertel waffenfähige Männer, der Rest ihre Familien. Ihre Heimat im Schweizer Mittelland, nach Caesars Angabe begrenzt von Rhein und Jura, vom Genfersee und der Rhône, war ihnen zu eng geworden; sie wollten sich an der Westküste Galliens niederlassen.

Der Plan reichte Jahre zurück. Vorbereitet hatte ihn ein helvetischer Adliger namens Orgetorix – doch er starb noch vor dem Aufbruch, Gerüchten zufolge durch eigene Hand.
Caesar verweigerte den Durchzug und ließ die Rhône-Übergänge sperren. Das zwang die Helvetier auf einen Umweg, zunächst durch das Land der Sequaner, dann der Häduer – eines mit Rom verbündeten Stammes, der Caesar prompt um Hilfe bat. Damit hatte er den Vorwand, den er brauchte, und folgte dem Zug über die Provinzgrenze hinaus. Die Entscheidung fiel bei Bibracte, der Hauptstadt der Häduer. In den erbeuteten Lagerlisten fanden sich die 368.000, die aufgebrochen waren; wie viele am Ende zurückkehrten, ließ Caesar später gesondert zählen – es waren nur noch rund 110.000.
Ariovist, der „Freund des römischen Volkes“
Kaum war das erledigt, wartete der nächste Gegner – und mit ihm eine heikle Ironie. Ariovist war ein germanischer König, den die Arverner und Sequaner Jahre zuvor über den Rhein geholt hatten, um im Dauerstreit mit den Häduern die Oberhand zu gewinnen. Inzwischen saß er fest im Land und ließ immer neue Germanen nachrücken. Das Pikante daran: Den Titel „Freund des römischen Volkes“ hatte ihm der Senat erst im Jahr zuvor verliehen – in Caesars eigenem Konsulat, mit dessen ausdrücklicher Billigung. Nun rückte Caesar gegen einen Mann vor, dessen römischen Rang er selbst mit auf den Weg gebracht hatte.

Wieder lieferte ein Hilferuf den Anlass: Bei einer Versammlung gallischer Fürsten klagte der Häduer Diviciacus über Ariovists wachsende Macht. Caesars Boten überbrachten klare Forderungen – keine weiteren Germanen über den Rhein, keine Übergriffe auf die Häduer. Ariovist wies sie ebenso klar zurück.
In Vesontio, dem heutigen Besançon, das er besetzte, ehe die Germanen es erreichten, gönnte Caesar dem Heer einige Tage Rast – und gerade in dieser Ruhe drohte der Feldzug zu entgleiten. In der Stadt kursierten Schauergeschichten über Größe und Wildheit der Germanen. Offiziere und junge Herren, die Caesar aus Rom gefolgt waren, machten ihr Testament oder suchten unter Vorwänden das Lager zu verlassen; die Panik griff auf das ganze Heer über. Caesar rief sie zusammen und erklärte, notfalls ziehe er eben allein mit der Zehnten weiter – jener Legion, der er am meisten vertraute. Die Beschämung wirkte, der Marsch ging weiter.
Die Schlacht fiel wohl im Elsass, nahe dem Rhein. Ariovists Heer wurde geschlagen, er selbst entkam über den Fluss; seine Macht in Gallien war gebrochen. Innerhalb eines einzigen Sommers hatte Caesar zwei Kriege gewonnen.
Warum das erst der Anfang war
Zwei Siege in einer Saison – in Rom klang das nach einem abgeschlossenen Feldzug. Caesar sah es anders. Statt seine Legionen in die Provinz zurückzuführen, ließ er sie mitten in Gallien überwintern, weit jenseits seiner eigentlichen Amtsgrenze. Das Signal war unmissverständlich: Er gedachte zu bleiben.
Gallien blieb dabei ein Flickenteppich verfeindeter Stämme, von denen kaum einer dauerhaft bezwungen war. Aber Caesar hatte sich einen Platz darin erobert, von dem aus er in den kommenden Jahren nach eigenem Gutdünken schalten konnte.
Was dann folgte, füllt Jahre: die Feldzüge gegen die Belger und Nervier, der Seekrieg gegen die Veneter, zwei Vorstöße nach Britannien, die Brücken über den Rhein. Doch der eigentliche Prüfstein lag noch fern – im Jahr 52 v. Chr., als sich fast ganz Gallien unter einem einzigen Anführer gegen ihn erhob.
Zum Weiterlesen
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Marieluise Deißmann, Gaius Iulius Caesar (2023): De bello Gallico / Der Gallische Krieg: Lateinisch/Deutsch.*
Christian Meier (2018): Caesar. – zentrale Grundlage für Caesars politischen Aufstieg.*
Luciano Canfora (2001): Caesar – Der demokratische Diktator – Eine Biographie .*
Bildnachweis
Titel: Caesar’s Gallic War (Allen and Greenough’s Edition, 1898)
Karte: Wikimedia Commons, Feitscherg.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.




