1608 begann Domingo Chimalpahin, die Vergangenheit verschiedener Nahua-Gemeinschaften in größerem Umfang zusammenzutragen. Er lebte in Mexiko-Stadt und verfügte über Verbindungen zu Familien aus dem Raum Chalco, aus dem er selbst stammte. Für seine Arbeit suchte er ältere Aufzeichnungen und verglich Überlieferungen, deren Verfasser unterschiedliche örtliche Ansprüche vertraten.
Ein Buch aus einem Herrschaftsstreit
Ein besonders aufschlussreicher Zugang führte ihn zu Aufzeichnungen über Amaquemecan. Dort hatten Angehörige verschiedener Teilgemeinden nach der Eroberung darüber gestritten, wer den Herrscher stellen durfte. 1547 sollte ein indigener Richter aus Xochimilco den Konflikt im Auftrag des Vizekönigs untersuchen.

Die örtlichen Ältesten trugen ihre Erinnerungen an frühere Regelungen vor. Der Schreiber Rodrigo de Rosas Huecatzin hielt diese Aussagen fest. Was zuvor bei einer Zusammenkunft vorgetragen wurde, erhielt damit eine alphabetische Form, die spätere Leser erneut heranziehen konnten.
Don Vicente de la Anunciación, ein Verwandter Chimalpahins, hatte einen Teil des Buches seines Schwiegervaters Rodrigo abgeschrieben. Nachdem Chimalpahin den Wert der Aufzeichnungen erkannt hatte, suchte Vicente noch einmal nach dem Original. Es war inzwischen wegen seines schlechten Zustands weggeworfen worden. Nur der abgeschriebene Teil stand noch zur Verfügung. Chimalpahins Zugang zu der Versammlung von 1547 hing somit an einer unvollständigen Kopie, die ursprünglich innerhalb einer Familie aufbewahrt worden war.
Mehrere Vergangenheiten vergleichen
Chimalpahin behandelte die Geschichte Tenochtitlans nicht als einzig mögliche Mitte aller Erzählungen. Die Überlieferungen Chalcos und anderer Orte besaßen eigenes Gewicht. Das war auch sachlich notwendig: Eine Eroberung, die in einer Herrscherliste Tenochtitlans als Erfolg erschien, konnte in den Aufzeichnungen einer unterworfenen Gemeinde einen Verlust von Ansprüchen bezeichnen.
Seine Arbeit setzte deshalb Kenntnisse darüber voraus, wer sprach und aus welcher örtlichen Beziehung heraus eine Geschichte entstanden war. Eine Jahresangabe allein löste Widersprüche nicht. Familien und Gemeinden konnten unterschiedliche Ereignisse hervorheben, weil sie damit ihre Stellung erklärten.
Chimalpahin las außerdem gedruckte Werke europäischer Autoren. Deren große Ansprüche auf Wissen über Neuspanien standen für ihn neben Lücken in der Kenntnis indigener Geschichte. Er schrieb als Christ und als Nahua-Gelehrter innerhalb derselben kolonialen Welt. Zwischen diesen Zugehörigkeiten bestand für seine historische Arbeit keine einfache Entweder-oder-Entscheidung.
Die Gegenwart wird ebenfalls Geschichte
Auch Vorgänge in Mexiko-Stadt fanden Eingang in seine Aufzeichnungen. Hier lebten Menschen afrikanischer Herkunft neben Spaniern und Angehörigen unterschiedlicher indigener Gemeinden. 1607 beschrieb er eine schwere Überschwemmung: An den Rändern der Stadt saugten sich Lehmhäuser voll Wasser und brachen ein. Die Bewohner verloren ihre Unterkünfte. Für das anschließend begonnene Entwässerungsprojekt bei Huehuetoca beanspruchte die spanische Regierung Arbeitskräfte und Versorgung aus indigenen Gemeinden. Chimalpahin hielt so auch fest, wie ein Bauvorhaben der kolonialen Gegenwart in deren Leben eingriff.
Den Verlust von Rodrigos Buch konnte auch Chimalpahins Sorgfalt nicht rückgängig machen. Er hielt jedoch fest, woher die erhaltene Abschrift stammte und wer sie angefertigt hatte. Spätere Leser konnten dadurch erkennen, welchen Weg die Aussagen von der Versammlung bis in seine Darstellung genommen hatten. Die Herkunft einer Nachricht wurde selbst zu einem Teil der Geschichte, die er bewahrte.
Zum Weiterlesen
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Riese, B. (2011): Das Reich der Azteken: Geschichte und Kultur.*
Prem, Hanns, J. (2011): Die Azteken: Geschichte, Kultur, Religion.*
Bildnachweis
Titel: Heutiges Kulturzentrum mit dem Namen Chimalpahins. Wikimedia Commons, FedeAV. CC BY-SA 4.0.
Gedenktafel: Heutige Gedenktafel für Chimalpahin. Wikimedia Commons, FedeAV. CC BY-SA 4.0.




