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Die Geburt der Technik – Die ersten menschlichen Werkzeuge

Die Sonne brannte gnadenlos auf das weite Becken von Nyayanga im heutigen Kenia, als vor etwa drei Millionen Jahren eine Gruppe von Homininen am Ufer eines Sees stand. Sie suchten nicht nach Wurzeln oder Früchten, sondern nach Fleisch. Ein massives Flusspferd war verendet, doch seine dicke Haut war für die Zähne und Fingernägel der Primaten unüberwindbar. Einer von ihnen griff nach einem rundlichen Stein, führte einen präzisen Hieb gegen einen anderen aus und brach eine scharfkantige Abschlagscherbe ab. Mit diesem schlichten Hilfsmittel schnitt er die erste Sehne durch. Es war der Moment, in dem die biologische Evolution durch die technologische ergänzt wurde – der Beginn des Oldowan.

Die Geburt einer neuen Technik

Das Oldowan markiert eine einschneidende Veränderung in der Menschheitsgeschichte. Über den Zeitraum von etwa drei Millionen bis mindestens 1,7 Millionen Jahren vor heute blieb dieses Set aus Steinutensilien der Standard in weiten Teilen Afrikas. Das Handwerk besticht durch seine durchschlagende Wirkung bei minimalem Aufwand: Gestein wird durch eine bewusste Zertrümmerung mit einem harten Schlagstein bearbeitet. Ein einziger Treffer auf einen Kernstein reicht aus, um scharfe Splitter zu lösen, die als universelle Instrumente für verschiedenste Aufgaben dienten.

Zwischen Choppern und Abschlägen

Chopper aus Guelmim-Es Semara

In der Forschung unterscheidet man innerhalb dieser Tradition vor allem zwischen zwei Kategorien: den schweren Geräten wie Choppern und den feineren Abschlägen. Während Chopper – Geröllsteine, die an einer oder zwei Seiten bearbeitet wurden – oft als Kerne für die weitere Produktion dienten, waren die rasiermesserscharfen Abschläge häufig das eigentlich gesuchte Resultat für präzise Arbeiten. Die Entdeckungen aus Nyayanga belegen ein Geschick, das bereits mit deutlich jüngeren Werkzeugsätzen vergleichbar ist.

Die Frühmenschen gingen dabei systematisch vor. Sie wählten Materialien wie Rhyolith, Quarzit oder Quarz aus, da diese Steine besonders berechenbar brachen. Auch in der Kharga-Oase in Ägypten lässt sich diese bewusste Wahl beobachten: Dort nutzten die Bewohner feinkörnigen Flint aus lokalen Vorkommen, um langlebige Schneiden zu schaffen. Solche Fertigkeiten führen zu der Frage, welche Vorfahren bereits über das nötige Feingefühl für diese Arbeiten verfügten.

Die frühen Handwerker

Die Frage nach den Urhebern dieser Technik ist eines der spannendsten Rätsel der Wissenschaft. Lange Zeit galt der geschickte Mensch, Homo habilis, als einziger Kandidat, da er als erster Vorfahre mit Steinbearbeitung verknüpft wurde. Doch Untersuchungen der letzten Jahre haben dieses Bild deutlich verkompliziert. In Nyayanga wurden die Steingeräte in unmittelbarer Verbindung mit Fossilien von Paranthropus entdeckt.

Analyseergebnisse der chemischen Signatur im Zahnschmelz – sogenannte Isotopenanalysen – belegen bei diesen Individuen eine Ernährung, die reich an Gräsern und Kräutern war. Es scheint, als sei die Steinbearbeitung eine breitere Anpassung verschiedener Frühmenschen-Arten an eine sich wandelnde Umwelt gewesen. Die Anatomie der Hände war zu diesem Zeitpunkt bereits so weit entwickelt, dass ein präziser Kraftgriff möglich war. Diese körperliche Voraussetzung erlaubte es den Homininen, neue ökologische Nischen zu erschließen.

Musées Royaux d’Art et d’Histoire, 2023

Jagdglück oder Aasfresserei?

Die eigentliche Revolution des Oldowan zeigt sich im konkreten Einsatz der scharfen Kanten. In Nyayanga konnten Forscher nachweisen, dass diese Instrumente bereits vor knapp drei Millionen Jahren zur Zerlegung von Großtieren wie Flusspferden genutzt wurden. Mikroskopische Abnutzungsspuren an den Steinen bestätigen, dass sie sowohl zum Schneiden von Fleisch als auch zum Pochen von harten Pflanzenteilen wie Knollen dienten.

Unter Experten ist jedoch umstritten, wie aktiv die Homininen bei der Beschaffung der tierischen Nahrung vorgingen. Während einige Modelle sie als Jäger sehen, deutet vieles darauf hin, dass sie vor allem als geschickte Aasfresser fungierten. Besonders das nahrhafte Knochenmark, das in den dicken Röhrenknochen vor Raubtieren geschützt war, konnte erst mit schweren Schlagsteinen erschlossen werden. Dieser regelmäßige Zugang zu Fett und Protein lieferte vermutlich den energetischen Treibstoff für das über Generationen hinweg beobachtete Hirnwachstum.

Überleben in einer wechselhaften Welt

Oldowan-Fundplätze

Die Technik breitete sich vermutlich entlang wasserreicher Korridore über den gesamten Kontinent aus. In Ägypten war die Zeit des Oldowan zwischen zwei Millionen sechshundert tausend und eine Million vierhundert tausend Jahren vor heute von langen Trockenperioden geprägt. Dennoch gab es feuchtere Zeitabschnitte, sogenannte Pluviale, in denen es weit mehr regnete als heute. In diesen Phasen führten lokale Flüsse wie der Proto-Nil Wasser und schufen lebensfreundliche Wege für Mensch und Tier.

In der Kharga-Oase wurden Steingeräte in Verbindung mit Kalktuff-Ablagerungen gesichert – poröse Gesteinskrusten, die sich durch Kalkausfällungen an einstigen Quellen bildeten. Diese Belege werden auf ein Alter von etwa zwei Millionen Jahren datiert. Sie dokumentieren, dass frühe Homininen in der Lage waren, auch in Grenzregionen entlang saisonaler Wasserläufe zu bestehen.

Lückenhafte Überlieferung

Trotz der beeindruckenden Zeugnisse bleibt unser Bild dieser Epoche lückenhaft. Dies liegt vor allem an der schwierigen Erhaltungslage in Afrika. Hilfsmittel aus Holz, Knochen oder Horn wurden mit hoher Wahrscheinlichkeit schon lange genutzt, zersetzen sich aber in den meisten Böden extrem schnell. Nur unter außergewöhnlichen Bedingungen überdauern solche organischen Materialien Jahrmillionen. Zudem sind viele Fundstellen durch starke Erosion oder tektonische Verschiebungen gezeichnet, wodurch die Artefakte oft umgelagert wurden. Die Steine, die wir heute finden, stellen vermutlich nur die Spitze des Eisbergs einer viel umfassenderen technologischen Intelligenz dar.


Zum Weiterlesen

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Jürgen Richter (2017): Altsteinzeit: Der Weg der frühen Menschen von Afrika bis in die Mitte Europas.*

Hermann Parzinger (2018): Abenteuer Archäologie: Eine Reise durch die Menschheitsgeschichte.*

Bildnachweis

Titel: Olduvai-Schlucht, farbige Fähnchen markieren die Fundstellen von Fossilien. Wikimedia Commons, Gerbil. CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder eigene Aufnahmen oder gemeinfrei.

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