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Der Ministerpräsident und der General – Die Krise der Republik

Februarrevolution 1917 – Folge 3

Alexander Kerenski (1881-1970)

Im Sommer 1917 glich Russland einem Schiff ohne Steuerrad. Alexander Kerenski, der charismatische Ministerpräsident, bezog die privaten Gemächer des Zaren im Winterpalais und arbeitete an dessen Schreibtisch. Doch während er versuchte, die junge Republik durch flammende Reden zusammenzuhalten, zerfiel an der Front die Disziplin. Soldaten desertierten zu Tausenden, getrieben von Hunger und der Hoffnung auf die von den Bolschewiki versprochene Landverteilung.

Um das Chaos zu bändigen, ernannte Kerenski einen Mann zum Oberbefehlshaber, der als Inbegriff militärischer Härte galt: Lawr Kornilow. Der General verachtete die politischen Debatten in Petrograd. Für ihn war die Lösung einfach: Das Land brauchte eine starke Hand, um die „Verräter“ im Hinterland – allen voran die Bolschewiki – auszuschalten.

Ein fatales Missverständnis

Zwischen dem Ministerpräsidenten im Palast und dem General im Hauptquartier entspann sich im September 1917 ein gefährliches Spiel, befeuert durch die dilettantische Vermittlung des ehemaligen Ministers Wladimir Lwow. Lwow trat gegenüber Kornilow als Abgesandter Kerenskis auf und fragte den General nach seinen Bedingungen für eine starke Regierung. Kornilow forderte daraufhin die Verhängung des Kriegsrechts und bot Kerenski einen Ministerposten unter seiner Führung an.

Als Lwow nach Petrograd zurückkehrte, stellte er Kerenski dieses Angebot jedoch als Ultimatum und Putschdrohung dar. Anstatt die Lage direkt mit Kornilow zu klären, stellte Kerenski dem General am Telegrafen eine Falle: Er gab sich als Lwow aus und ließ sich Kornilows Forderungen bestätigen. Während der General glaubte, mit Kerenski über die Rettung der Republik zu verhandeln, sah der Ministerpräsident seine Befürchtungen eines Militärputsches bestätigt. Er erklärte Kornilow zum Verräter und entließ ihn telegraphisch. Doch Kerenski hatte ein Problem: Er besaß keine zuverlässigen Truppen, um einen entschlossenen General aufzuhalten.

Die Stunde der Roten Garden

Lavr Kornilow (1870-1918)

In seiner Not beging Kerenski den Fehler, der den Bolschewiki den Weg ebnete. Er rief die Arbeiter und die sowjetischen Organisationen zur Verteidigung der Hauptstadt auf. Er ließ Waffen an die „Roten Garden“ ausgeben – jene paramilitärischen Verbände, die Lenin und Trotzki treu ergeben waren. Die Bolschewiki, die nach einem gescheiterten Aufstandsversuch im Juli noch im Untergrund oder im Gefängnis saßen, kehrten nun als bewaffnete „Retter der Revolution“ auf die Bühne zurück.

Der Putsch Kornilows scheiterte jedoch nicht an der Waffe, sondern an der Sabotage. Eisenbahner leiteten die Züge des Generals auf tote Gleise um, Telegrafisten hielten seine Befehle zurück, und Agitatoren der Bolschewiki mischten sich unter die Soldaten Kornilows. Sie überzeugten die Truppen, dass sie gegen ihre eigenen Brüder kämpfen sollten. Ohne einen Schuss abzugeben, löste sich die Armee des Generals einfach auf.

Der Pyrrhussieg des Alexander Kerenski

Kornilow landete unter Arrest, doch der wahre Verlierer hieß Kerenski. Er hatte das Vertrauen der Rechten und des Militärs verloren, die ihn für den Verrat an Kornilow hassten. Gleichzeitig hatte er seine schärfsten Feinde, die Bolschewiki, bewaffnet und rehabilitiert.

Während Kerenski im Winterpalais immer isolierter agierte, übernahm Leo Trotzki den Vorsitz im Petrograder Sowjet. Die Bolschewiki verfügten nun über die moralische Autorität und die Gewehre. In seinem Versteck in Finnland erkannte Lenin, dass die Zeit des Wartens vorbei war. Er drängte seine Partei nun unerbittlich zum bewaffneten Aufstand. Die Brücke zur legalen Macht war eingestürzt; es blieb nur noch die Konfrontation.


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Bildnachweis

Titel: Rote Garden Petrowgrad, 1917.

Alle Bilder gemeinfrei.

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