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Der Verstoßene – Shaka Zulus Aufstieg aus dem Abseits

Ein junger Mann steht barfuß auf dem harten, dornigen Boden und starrt auf seine Füße. Er blutet, doch er zeigt keinen Schmerz. Vor ihm steht Inkosi Dingiswayo, das Oberhaupt der Mthethwa – eines mächtigen Zusammenschlusses befreundeter Clans –, und beobachtet den Neuankömmling genau. Es ist die Zeit um 1810 im hügeligen Grasland des heutigen KwaZulu-Natal. Der Ankömmling heißt Shaka, und er ist ein Außenseiter ohne Heimat. Als unehelicher Sohn des Zulu-Häuptlings Senzangakhona und der Prinzessin Nandi wurde er von seinem eigenen Volk verstoßen und verspottet. Sein Name geht auf eine List zurück: Um Nandis uneheliche Schwangerschaft zu verschleiern, behaupteten die Priester zunächst, sie leide an iShaka – einer Schwellung des Bauches durch den Rinderbandwurm. Doch unter dem Schutz Dingiswayos beginnt Shaka, diesen Namen in einen Begriff der Macht zu verwandeln.

Die Schmiede des Exils

Der Mfolozi-Fluss – Kerngebiet von Shaka Zulu

Shaka verbringt seine prägenden Jahre als einfacher Kämpfer unter den Mthethwa. In dieser Zeit bestehen Gefechte oft noch aus rituellen Duellen, bei denen man sich aus sicherer Distanz Wurfspeere entgegenschleudert. Er beginnt, die Ausrüstung seiner Truppe radikal zu verändern. Er lässt die traditionellen Rindsledersandalen wegwerfen, um die Füße abzuhärten und schneller manövrieren zu können. Unter seiner Führung legt die Truppe im Marschgepäck täglich 40 bis 50 Kilometer zurück – eine Leistung, die jede andere Einheit der Region überrumpelt. In extremen Eilmärschen ohne Gepäck erreichen seine Abteilungen sogar bis zu 80 Kilometer.

Entscheidend ist die Bewaffnung: Er führt den Iklwa ein, einen kurzen Stoßspeer mit schwerer Klinge. Diese Waffe ergänzt den traditionellen Wurfspeer (Assegai). Während der Fernkampf die Reihen des Gegners auflockert, sucht Shaka die Entscheidung im direkten, blutigen Nahkampf. Dingiswayo erkennt das Talent seines Schützlings und lässt ihn zum Anführer aufsteigen.

Die Übernahme der Macht

Im Jahr 1816 stirbt Shakas Vater Senzangakhona. Das Erbe der Zulu, eines kleinen Clans von kaum 1.500 Menschen, fällt an Shakas Halbbruder Sigujana. Shaka handelt schnell: Er entsendet seinen loyalen Halbbruder Ngwadi, der den Rivalen beim Baden überrascht und tötet. Mit den Lanzenträgern seines Patrons Dingiswayo im Rücken übernimmt Shaka kurz darauf die Führung der Zulu.

Als neuer König krempelt er das Leben seines Volkes komplett um. Er entzieht den Familienoberhäuptern die Kontrolle über die Söhne und zieht diese in die Amabutho ein. Das sind Regimenter, in denen Altersgenossen gemeinsam ausgebildet werden und zusammenbleiben. Sie leben fortan dauerhaft in Militär-Kraals – befestigten, kreisförmigen Siedlungen, die gleichzeitig als Viehhof und Kaserne dienen. Die Rekruten widmen ihr Leben ganz dem Felddienst. Niemand darf ohne Shakas Erlaubnis heiraten; oft gewährt er ganzen Einheiten dieses Recht erst nach Jahrzehnten, wenn sie ihre Speere im Kampf „gewaschen“ – also das erste Mal Blut vergossen – haben.

Das Ende der alten Ordnung

Ausweitung des Zulu-Reiches unter Shaka bis 1828

Um 1817/18 bricht die Sicherheit der Region zusammen. Dingiswayo, Shakas Mentor und wichtigster Verbündeter, wird vom Rivalen Zwide, dem Anführer der Ndwandwe, in eine Falle gelockt und hingerichtet. Mit seinem Tod verliert Shaka seinen mächtigsten Rückhalt. Er steht plötzlich als Anführer eines hochdisziplinierten, aber noch kleinen Volkes allein einer gewaltigen Übermacht gegenüber.

Shaka übersteht diese existenzielle Bedrohung. Die genauen Abläufe der Kämpfe gegen Zwide bleiben umstritten – detaillierte Schilderungen wie die „Schlacht am Gqokli-Hügel“ tauchten erst Mitte des 20. Jahrhunderts auf. Doch das Ergebnis ist klar: Die radikalen Militärreformen, die Shaka unter den Mthethwa entwickelte und als Zulu-König durchsetzte, erweisen sich als kriegsentscheidend. Aus den lokalen Fehden dieser Jahre erwächst ein großflächiger Vernichtungskrieg, der die gesamte Region erfasst. Shakas Armee wird zur dominierenden Macht im südlichen Afrika.


Zum Weiterlesen

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Donald R. Morris (1994): The Washing Of The Spears: The Rise and Fall of the Zulu Nation Under Shaka and its Fall in the Zulu War of 1879.*

Bildnachweis

Titel: Shaka-Zulu-Statue in London.

Mfolozi-River: Wikimedia Commons, amanderson2. CC BY-SA 2.0.

Karte: Wikimedia Commons, Discott. CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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