Der Wind peitscht am Morgen des 8. März 1917 mit unerbittlicher Kälte durch die Straßenzüge von Petrograd. Vor einer Bäckerei in der Nähe des Newski-Prospekts warten Frauen seit Stunden in einer langen Schlange. Viele von ihnen arbeiten in den nahen Textilfabriken. Als die Nachricht die Runde macht, dass kein Brot mehr geliefert wird, schlägt die Erschöpfung in Wut um.
Was als Protest zum Internationalen Frauentag beginnt, entwickelt sich innerhalb weniger Stunden zu einer Lawine. Die Frauen ziehen durch die Straßen, sie rufen nicht mehr nur nach Nahrung. Ihr Ruf wird politisch: „Nieder mit dem Krieg! Nieder mit dem Zaren!“
Das Pulverfass in den Fabriken

In Petrograd prallen Welten aufeinander. Während der Adel in den Palästen den Glanz vergangener Tage pflegt, hausen die Arbeiter in den Vorstädten in überfüllten Elendsquartieren. Die Kriegswirtschaft zerrüttete das Land. Die Preise für Grundnahrungsmittel stiegen seit 1914 auf ein Vielfaches, während die Löhne stagnierten.
In den riesigen Putilow-Werken, dem Zentrum der russischen Rüstungsindustrie, streikten die Arbeiter bereits seit Tagen. Als die Leitung sie aussperrte, schlossen sie sich den protestierenden Frauen an. Sie überquerten die zugefrorene Newa, umgingen die Polizeisperren an den Brücken und fluteten das Stadtzentrum. Die Masse hatte keine Waffen, aber ihre schiere Zahl machte sie unaufhaltsam.
Ein Kaiser ohne Gehör
Zar Nikolaus II. befand sich zu diesem Zeitpunkt 800 Kilometer entfernt im Hauptquartier in Mogiljow. Seit er 1915 persönlich den Oberbefehl über die Armee übernahm, lasteten alle militärischen Niederlagen direkt auf seinen Schultern.
Als ihn die ersten Depeschen aus der Hauptstadt erreichten, unterschätzte er die Lage völlig. Er tat die Berichte als Unruhen von „Straßenjungen“ ab. Er telegrafierte an General Chabalow, den Kommandanten des Petrograder Militärbezirks, und befahl, die Demonstranten zu vertreiben und die Aufstände bis zum nächsten Tag mit Waffengewalt zu beenden. Diese Entscheidung brach seine Herrschaft endgültig.
Der Moment, in dem die Waffen sinken
Am 11. März fielen Schüsse. Das Wolhynische Regiment feuerte auf Demonstranten am Snamenskaja-Platz, Dutzende Menschen starben. Doch in den Kasernen der Stadt brodelte es. Die einfachen Schützen waren selbst Söhne von Bauern und Arbeitern; sie teilten den Hunger und die Kriegsmüdigkeit der Menschen auf der Straße.
In der Nacht fand die entscheidende Wendung statt. Der Unteroffizier Timofej Kirpitschnikow überzeugte seine Kameraden vom Wolhynischen Regiment zur Meuterei. Als die Offiziere am nächsten Morgen erneut den Schießbefehl geben wollten, verweigerte die Truppe den Gehorsam. Die Revolte griff wie ein Flächenbrand auf andere Einheiten über. Statt die Straßen zu räumen, verteilten die Meuterer nun Gewehre an die Demonstranten und verbrüderten sich mit der Menge.
Die Einsamkeit des Autokraten

In seinem Privatzug versuchte Nikolaus II., nach Petrograd zurückzukehren, doch rebellische Eisenbahner blockierten die Schienen. Der Zug strandete in Pskow. Dort, in einem schlichten Salonwagen, empfing der Zar am 15. März Abgesandte der Duma, des russischen Parlaments.
Selbst seine treuesten Generäle rieten ihm nun per Telegramm zur Abdankung. Nikolaus wirkte seltsam teilnahmslos, als er das Dokument unterschrieb, das die 300-jährige Herrschaft der Romanows beendete. Er verzichtete auf den Thron für sich und seinen Sohn zugunsten seines Bruders Michail. Doch als dieser am nächsten Tag die Krone aus Angst vor dem Zorn des Volkes ablehnte, war die Monarchie Geschichte.
In Petrograd entstehen hastig zwei neue Machtzentren: Führende Abgeordnete der Duma bildeten die Provisorische Regierung, um die staatliche Ordnung zu retten. Fast zeitgleich formierte sich im selben Gebäude der Sowjet, der Rat der Arbeiter und Soldaten, als direkte Stimme der Aufständischen. Russland stürzte den Zaren, doch wer im Chaos der kommenden Monate die Oberhand behält, bleibt in diesen Märztagen völlig ungewiss.

Zum Weiterlesen
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- Figes, O. (1998): Die Tragödie eines Volkes: Die Russische Revolution 1891–1924. Eine umfassende Darstellung der sozialen und politischen Umbrüche.
- Altrichter, H. (2019): Die Russische Revolution: Vom Zarenreich zum Sowjetimperium. Ein kompakter Überblick über die Ereignisse des Jahres 1917.
- Koenen, G. (2017): Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus.
Bildnachweis
Titel: Demonstration auf dem Newski-Prospekt in Petrograd, angeführt von Soldaten, März 1917.
Alle Bilder gemeinfrei.




