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Die Errichtung des Felsendoms in Jerusalem

Ein massiver, grauer Felsrücken markiert das Zentrum des Plateaus, das heute als Tempelberg die Silhouette Jerusalems prägt. Um diesen Stein herum ließ der umayyadische Herrscher Abd al-Malik ibn Marwan zwischen 687 und 691 ein Monument errichten, das als ältestes erhaltenes Heiligtum des Islams gilt: den Felsendom. Es war eine bewusste Standortwahl auf einem Areal, das bereits seit Jahrtausenden durch die biblische Tradition als hochheilig verehrt wurde.

Strategien der Legitimation

Die Entstehung des Doms ist Ausdruck einer doppelten machtpolitischen Strategie. Während Abd al-Malik in Damaskus regierte, hielt sein Rivale Abdallah ibn az-Zubair das heilige Mekka besetzt. Zeitgenössische Chronisten wie al-Yaqubi berichten, der Regent habe die Jerusalemer Stätte auch deshalb so prachtvoll ausgestattet, um den syrischen Gläubigen ein ebenbürtiges Ziel für die Wallfahrt zu bieten und so seine religiöse Autorität gegenüber dem Herausforderer in der Hedschas-Region zu festigen.

Parallel dazu fungierte die Architektur als Trumpf gegen Byzanz. Die Gestaltung greift die Form spätantiker Rundbauten auf, wie sie etwa bei der Grabeskirche zu finden sind. Durch diese monumentale Sprache trat die junge Weltmacht in einen direkten ästhetischen Wettstreit mit dem Kaiserreich im Norden: Das Bauwerk sollte die Überlegenheit des neuen Glaubens weithin sichtbar demonstrieren.

Eine Streitschrift in Stein

Im Innenraum des Felsendoms

Besonders deutlich wird die konfrontative Botschaft im Inneren. Ein 240 Meter langes Inschriftenband in früher kufischer Schrift zieht sich entlang der Arkaden. Diese Koranzitate, die zu den ältesten schriftlichen Zeugnissen des Korans zählen, richten sich explizit gegen die Lehre von der Gottessohnschaft Jesu. „Es steht Gott nicht an, sich irgendein Kind zuzulegen“, lautet eine der zentralen Passagen.

Der Felsendom positionierte sich somit als steinernes Glaubensbekenntnis, das den Islam als abschließende Korrektur der vorangegangenen monotheistischen Offenbarungen definierte. Gleichzeitig bewahrte die muslimische Überlieferung die Heiligkeit des Ortes: Vom zentralen Felsen aus soll der Prophet Mohammed seine Himmelfahrt angetreten haben.

Ein Fels im Wandel der Zeit

Die Architektur des Doms blieb über die Jahrhunderte ein Fixpunkt, während sich die Herrschaftsverhältnisse radikal änderten. Als die Kreuzfahrer 1099 Jerusalem eroberten, wandelten sie die Anlage in das „Templum Domini“ um und setzten ein goldenes Kreuz auf die Kuppel. Erst Saladin ließ nach seinem Sieg bei Hattin 1187 das Gebäude rituell reinigen und den ursprünglichen Charakter wiederherstellen.

Das heutige Erscheinungsbild mit den leuchtend blauen Keramikfliesen ist jedoch ein Erbe der Osmanen. Sultan Süleyman der Prächtige ließ die Fassade im 16. Jahrhundert umfassend renovieren und prägte damit jenes Bild, das bis heute als Wahrzeichen Jerusalems steht. Ob der Fels unter der Kuppel tatsächlich, wie spätere Legenden behaupten, „zwischen Himmel und Erde schwebt“, bleibt eine Frage des Glaubens – seine historische Bedeutung als umkämpfter Brennpunkt religiöser Identität ist hingegen sicher.


Zum Weiterlesen

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Landay, J. (1976): Felsendom.*

Bildnachweis

Titel: Felsendom, 2007.

Alles eigene Aufnahmen oder gemeinfrei.

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