
Hitler wächst in Braunau am Inn auf, einer Kleinstadt an der Grenze zwischen Österreich und dem Deutschen Reich. Der Vater Alois ist Zollbeamter, autoritär und auf sozialen Aufstieg bedacht. Die Mutter Klara wirkt im Familienkreis zurückhaltend und zugewandt. Die Quellenlage zu Hitlers Kindheit ist schmal, vieles stammt aus späteren Rechtfertigungen und propagandistischen Darstellungen. Gesichert ist, dass das Verhältnis zum Vater angespannt war und dass Hitler früh schulisch scheiterte. Mehrfach wechselte er die Schule und brach schließlich ohne Abschluss ab.
In diesen Jahren entwickelt Hitler ein ausgeprägtes Selbstbild. Er hält sich für künstlerisch begabt und reagiert auf Ablehnung mit Rückzug und Selbstrechtfertigung. Autoritäten, die seine Erwartungen nicht bestätigen, werden für ihn früh zu Gegnern.
Wien: Großstadt, Armut, Weltbilder

Hitler-Gemälde, 1910
Zwischen 1908 und 1913 lebt Hitler in Wien. Die Stadt ist politisch und gesellschaftlich hochgradig polarisiert. Nationalitätenkonflikte, soziale Gegensätze, Antisemitismus und eine ausgeprägte Massenpolitik mit Parteien, Presse und öffentlichen Versammlungen prägen den Alltag. Hitler bewirbt sich zweimal erfolglos an der Akademie der bildenden Künste. Danach folgt der soziale Abstieg. Er wohnt zeitweise in Männerheimen und hält sich mit dem Verkauf selbst gemalter Bilder über Wasser.
In Wien beteiligt sich Hitler wenig am politischen Leben. Er besucht keine bekannten Versammlungen und bindet sich an keine Partei. Stattdessen verbringt er viel Zeit mit Lesen: Zeitungen, politische Broschüren und Flugschriften bilden seinen wichtigsten Zugang zur Politik.
Er verfolgt öffentliche Debatten aus der Distanz und übernimmt Erklärungsmuster, die in seinem Umfeld verbreitet sind. In Wiener Arbeiterbezirken und Männerheimen kursieren völkische, antisemitische und sozialdarwinistische Vorstellungen, die gesellschaftliche Konflikte vereinfachen und Schuld personalisieren.
Ob Hitler sich Hitler diese Ideen bereits komplett zu eigen gemacht hat, lässt sich nicht eindeutig nachweisen. Sicher ist jedoch, dass er ihnen hier regelmäßig begegnet, lange bevor er selbst politisch auftritt.
Charakteristisch für diese Phase ist die Art, wie Hitler gesellschaftliche Fragen deutet. Komplexe Zusammenhänge werden vereinfacht, Konflikte personalisiert, Schuld klar zugewiesen. Persönliche Kränkungen verbinden sich mit politischen Erklärungsmustern. Dieses Denken bleibt zunächst folgenlos, ist aber in sich geschlossen.
München: Entscheidung ohne Ziel

1913 verlässt Hitler Wien und zieht nach München. Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Zum einen entzieht er sich damit dem österreichischen Wehrdienst, zum anderen sucht er bewusst ein Umfeld, das er als eindeutig deutsch wahrnimmt. München erscheint ihm kulturell attraktiv und zugleich überschaubar. Ein konkretes politisches Ziel ist mit dem Umzug nicht verbunden.
Auch hier lebt Hitler zurückgezogen. Er malt, liest und verfolgt das politische Geschehen aus der Distanz. An seiner Stellung ändert sich wenig. Er bleibt ein Mann ohne feste Bindungen und ohne öffentliche Rolle.
Vor dem Einschnitt
Bis 1914 ist Adolf Hitler politisch unbedeutend. Er verfügt über keine Organisation, kein Netzwerk und keinen Einfluss. Zugleich trägt er bereits ein geschlossenes Weltbild in sich, geformt aus persönlichen Erfahrungen, Lektüren und Beobachtungen. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird diese Konstellation verändern. Der Krieg gibt seinem Denken erstmals einen konkreten Rahmen. Er bietet Zugehörigkeit, klare Fronten und eine Rolle innerhalb einer größeren Gemeinschaft. Damit beginnt eine neue Phase, in der aus inneren Überzeugungen erstmals biographische Bedeutung erwächst.
Zum Weiterlesen
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- Ian Kershaw (2009): Hitler 1889–1945 – Standardwerk zur frühen Biographie und zur ideologischen Formierung Hitlers.*
- Volker Ullrich (2013): Hitler. Aufstieg 1889–1939 – gut lesbare Gesamtdarstellung mit starkem biographischem Zugriff.*
- Sebastian Haffner (1981): Anmerkungen zu Hitler – Klassiker.*
Bildnachweis
Titel: Wien, 1905.
Alle Bilder gemeinfrei.

