In der Nacht auf den 7. November 1917 verwandelte sich Petrograd in ein strategisches Schachbrett. Während Ministerpräsident Kerenski im Winterpalais auf Verstärkung von der Front hoffte, besetzten Trupps der Roten Garden lautlos die Knotenpunkte der Stadt. Diese Verbände bestanden aus bewaffneten Arbeitern und desertierten Soldaten; als improvisierte Milizen agierten sie in dieser Nacht erstaunlich diszipliniert. Ohne Barrikadenkämpfe brachten sie Telegrafenämter, Bahnhöfe, Brücken und die Staatsbank unter die Kontrolle der Bolschewiki.
Der Architekt dieser Operation war nicht Lenin, der sich aus Sicherheitsgründen noch verborgen hielt, sondern Leo Trotzki. Er nutzte seine Position als Vorsitzender des Petrograder Sowjets, um den Umsturz als notwendige Verteidigungsmaßnahme des Rates darzustellen.
Die Isolation der Regierung

Gegen Mittag war die Provisorische Regierung vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Kerenski gelang die Flucht in einem Fahrzeug, das eine US-amerikanische Flagge führte. Das Banner schützte ihn vor einer Festnahme durch bolschewistische Patrouillen und ermöglichte ihm die Ausreise, um loyale Truppen zu suchen. Seine Minister blieben im Winterpalais zurück, verteidigt von einer hastig zusammengestellten Gruppe aus Kadetten, einer Einheit Kosaken und einem Frauenbataillon.
Lenin, der inzwischen im Hauptquartier im Smolny-Institut eingetroffen war, verlangte den sofortigen Zugriff. Doch die Belagerung des Palastes verlief schleppend. Erst am späten Abend gab der Kreuzer Aurora, der auf der Newa vor Anker lag, einen Signalschuss ohne Geschoss ab – eine bloße Platzpatrone, die das verabredete Zeichen für den Angriff war.
Zwischen Chaos und Festnahme
Der eigentliche „Sturm“ auf das Winterpalais glich eher einer unkoordinierten Durchsuchung als einer heroischen Schlacht. Die Verteidiger leisteten kaum Widerstand; viele hatten ihre Posten bereits aufgegeben. Bolschewistische Trupps drangen durch unbewachte Seiteneingänge in den riesigen Komplex ein. Es dauerte Stunden, bis sie sich durch die endlosen Gänge zu den Regierungsmitgliedern vorgearbeitet hatten. Währenddessen kam es in den Weinkellern und Prunkräumen des Palastes bereits zu ersten Plünderungen. Um 2:10 Uhr morgens verkündete Wladimir Antonow-Owsejenko schließlich die Verhaftung der verbliebenen Minister.

Fast zeitgleich eröffnete im Smolny-Institut der Zweite Allrussische Sowjetkongress. Als die gemäßigten Sozialisten unter Protest den Saal verließen, weil sie den bewaffneten Umsturz ablehnten, rief Trotzki ihnen ein heute berühmtes, vernichtendes Urteil hinterher: Sie gehörten auf den „Müllhaufen der Geschichte“.
Das bittere Ende für Kerenski

Alexander Kerenski fand tatsächlich Truppen – doch es war zu wenig und zu spät. Es gelang ihm, General Krasnow und einige Hundert Kosaken zu mobilisieren, die auf Petrograd vorrückten. Doch in den Pulkowo-Hügeln am südlichen Stadtrand wurden sie von den zahlenmäßig weit überlegenen Roten Garden und meuternden Matrosen gestoppt. Kerenskis Hoffnung auf einen militärischen Umschwung zerplatzte innerhalb weniger Tage. Er musste fliehen und verließ Russland für immer, während sich seine letzte Anhängerschaft in den Wirren der folgenden Tage vollständig verlief.
Am Abend des 8. November trat Lenin vor die jubelnde Menge im Smolny. Ohne Umschweife verkündete er die Dekrete, die Russlands Zukunft radikal verändern sollten: Das „Dekret über den Frieden“ und das „Dekret über den Grund und Boden“. Damit schuf er vollendete Tatsachen. Er hatte die Macht erobert, doch in den weiten Provinzen formierte sich bereits der bewaffnete Widerstand gegen das neue Regime.
Zum Weiterlesen
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- Figes, O. (1998): Die Tragödie eines Volkes: Die Russische Revolution 1891–1924. Eine umfassende Darstellung der sozialen und politischen Umbrüche.
- Altrichter, H. (2019): Die Russische Revolution: Vom Zarenreich zum Sowjetimperium. Ein kompakter Überblick über die Ereignisse des Jahres 1917.
- Koenen, G. (2017): Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus.
Bildnachweis
Titel: Winterpalast (Erimitage), Petrograd (St. Petersburg) 2011.
Winterpalast aus der Vogelperspektive: Wikimedia Commons, Andrew Shiva. CC BY-SA 4.0.
Alle weiteren Bilder eigene Aufnahmen oder gemeinfrei.




