Anfang der 1920er-Jahre war Russland ein erschöpftes Skelett seiner selbst. Bis Ende 1920 hatten die Bolschewiki die organisierten Armeen der „Weißen“ besiegt; die letzten Reste der gegnerischen Verbände flohen über die Krim ins Exil. Der Preis für diesen militärischen Triumph war unvorstellbar: Schätzungen gehen von insgesamt sieben bis zwölf Millionen Toten zwischen 1917 und 1922 aus.
Besonders verheerend wirkte sich das System des „Kriegskommunismus“ aus. Unter diesem Begriff zwang der Staat die Bauern mit Waffengewalt dazu, fast ihre gesamte Ernte abzugeben, um die Städte und die Armee zu versorgen. Da den Bauern nichts zum Überleben blieb, stellten sie die Aussaat ein. Die Folge war eine der schlimmsten Katastrophen der Moderne: Allein die große Hungersnot von 1921 bis 1922 kostete schätzungsweise fünf Millionen Menschenleben.
Der Schock von Kronstadt

Im März 1921 geriet Lenin politisch unter massiven Druck: Die Matrosen der Festung Kronstadt meuterten. Ausgerechnet jene Männer, die 1917 als „Stolz und Ruhm der Revolution“ gegolten hatten, verlangten nun freie Wahlen und Pressefreiheit. Sie wollten die Vorherrschaft der Bolschewiki beenden.
Lenin reagierte kompromisslos und befahl Trotzki, den Aufstand niederzuschlagen. Soldaten der Roten Armee stürmten über das gefrorene Eis der Newa-Bucht die Festung. Die blutige Niederschlagung hinterließ eine bleibende Narbe: Die Partei hatte ihren Rückhalt im Volk endgültig verloren. Sie sicherte ihre Herrschaft fortan allein durch rücksichtslose Unterdrückung.
Taktischer Rückzug: Die NEP

Um den totalen Kollaps zu verhindern, verkündete Lenin kurz nach Kronstadt die „Neue Ökonomische Politik“ (NEP). Es war ein ideologischer Rückzug, ein „kontrollierter Kapitalismus“. Bauern durften ihre Überschüsse wieder auf freien Märkten verkaufen, und auch kleine Privatbetriebe wurden wieder zugelassen.
Diese Maßnahme stabilisierte die Versorgungslage und linderte die schlimmsten Hungerleiden. Für viele radikale Bolschewiki fühlte es sich wie ein Verrat an den Idealen von 1917 an, doch Lenin rechtfertigte es kühl: „Wir müssen einen Schritt zurückgehen, um zwei Schritte vorwärts zu springen.“
Die Geburt der UdSSR
Am 30. Dezember 1922 wurde offiziell die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) gegründet. Sie war als Bund aus verschiedenen Nationalitäten konzipiert, blieb aber ein straff zentralisierter Staat unter der alleinigen Kontrolle der Kommunistischen Partei.
Während dieser neue Machtblock entstand, verfiel sein Schöpfer. Lenin erlitt mehrere Schlaganfälle, die ihn zunehmend lähmten. In seinem Testament warnte er noch vor dem aufstrebenden Generalsekretär Josef Stalin, den er als „zu grob“ bezeichnete. Lenin empfahl sogar Stalins Absetzung, doch der von ihm selbst geschaffene Parteiapparat aus Geheimpolizei und Berufsrevolutionären war bereits zu mächtig, um gegen den neuen starken Mann im Kreml zu agieren. Stalin ignorierte die Warnungen und begann, seine Konkurrenten systematisch auszuschalten.
Das Erbe von 1917

Als Lenin im Januar 1924 starb, war Russland nicht mehr wiederzuerkennen. Die Revolution hatte die alte Welt der Zaren und Gutsbesitzer restlos vernichtet. Sie hatte ein Experiment begonnen, das die Welt über Jahrzehnte in zwei Lager spalten sollte.
Das Versprechen von „Brot, Land und Frieden“ war nur teilweise eingelöst worden. Der Frieden war durch einen grausamen Bürgerkrieg erkauft, das Land verstaatlicht und das Brot oft nur durch Zwang verteilt worden. Was blieb, war ein geschlossenes Machtsystem, das keinen Widerspruch duldete, und die Utopie einer klassenlosen Gesellschaft. Für deren Aufbau sollte die Sowjetunion unter Stalin in den kommenden Jahrzehnten Millionen weiterer Menschenopfer fordern. Die Revolution hatte ihre Ideale geopfert und Russland in eine neue, noch dunklere Ära der Tyrannei geführt.
Zum Weiterlesen
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- Figes, O. (1998): Die Tragödie eines Volkes: Die Russische Revolution 1891–1924. Eine umfassende Darstellung der sozialen und politischen Umbrüche.
- Altrichter, H. (2019): Die Russische Revolution: Vom Zarenreich zum Sowjetimperium. Ein kompakter Überblick über die Ereignisse des Jahres 1917.
- Koenen, G. (2017): Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus.
Bildnachweis
Titel: Bolshevik, Boris Kustodiev, 1920.
Alle Bilder gemeinfrei.




