Im Frühjahr 1898 arbeitet Marie Curie unter extrem harten Bedingungen in einem alten, ungeheizten Labor in Paris. Gemeinsam mit ihrem Mann Pierre untersucht sie ein dunkles Gestein namens Pechblende, das von selbst leuchtet und Energie abgibt. Damals kann sich niemand erklären, woher diese Energie kommt. Marie entscheidet sich, dieses Rätsel im Rahmen ihrer Doktorarbeit zu lösen – und ahnt noch nicht, dass sie damit die Wissenschaft für immer verändern wird.
Das Messen des Unsichtbaren
Diese Forschung löst eine wissenschaftliche Umwälzung aus. Während andere Forscher die Uranstrahlen lediglich als Randphänomen betrachten, vermutet Marie, dass die Strahlung tief aus dem Inneren der Atome selbst kommt. Sie nutzt für ihre Versuche ein Elektrometer, das Pierre und dessen Bruder Jacques entwickelt haben. Mit diesem hochempfindlichen Gerät misst sie die elektrische Leitfähigkeit der Luft, die durch die Strahlen der Pechblende entsteht.
Ihre Beobachtung ist präzise: Die Intensität der Strahlung hängt ausschließlich von der Menge des Urans ab. Doch bei der Untersuchung der Pechblende stößt sie auf eine Anomalie. Das Mineral strahlt deutlich stärker, als es der reine Urangehalt vermuten ließe. Marie schließt daraus, dass in dem Gestein ein noch unbekanntes Element verborgen sein muss, das weitaus aktiver ist als Uran.
Die Taufe neuer Elemente
Pierre Curie erkennt die Tragweite dieser Erkenntnis und bricht seine eigenen Forschungen an Kristallen ab, um seine Frau zu unterstützen. In dem provisorischen Labor trennen sie unter widrigsten Bedingungen die chemischen Bestandteile des Minerals. Im Juli 1898 verkünden sie die Existenz eines neuen Stoffes. Marie nennt ihn Polonium – ein öffentlicher Protest für ihre Heimat Polen, die damals von der Landkarte getilgt und unter den angrenzenden Großmächten aufgeteilt war.
Nur wenige Monate später, im Dezember desselben Jahres, identifiziert das Paar ein zweites Element: Radium, benannt nach dem lateinischen Wort für Strahl. Um diese Stoffe nachzuweisen, verarbeiten sie enorme Mengen an Pechblende. Aus einer Tonne Rückstände isoliert Marie bis 1902 ein hochradioaktives Radiumpräparat. In dieser Zeit prägt sie auch den Begriff Radioaktivität für den spontanen Zerfall von Atomen.
Nobelpreise und schwere Verluste

Im Jahr 1903 erhält Marie Curie gemeinsam mit Pierre Curie und Henri Becquerel den Nobelpreis für Physik. Sie ist die erste Frau, der diese Ehre zuteilwird. Doch der Triumph wird von körperlichen Leiden überschattet; beide klagen über ständige Müdigkeit und schmerzhafte Entzündungen an den Fingern. Sie unterschätzen zu diesem Zeitpunkt die zerstörerische Kraft, welche die unsichtbaren Strahlen auf ihr eigenes Gewebe ausüben.
Ein schwerer Schicksalsschlag trifft Marie im Jahr 1906, als Pierre bei einem Straßenunfall in Paris ums Leben kommt. Trotz des Verlusts führt sie die Arbeit konsequent fort. Sie übernimmt Pierres Lehrstuhl an der Sorbonne und bricht damit erneut die männliche Vorherrschaft an der Universität. Reines Radiumchlorid gewinnt sie schließlich 1910. Im Jahr darauf folgt die zweite Auszeichnung: der Nobelpreis für Chemie für die Isolierung des reinen Radiums.
Röntgenwagen an der Front

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 verlässt Marie Curie ihre gewohnte Laborwelt. Sie nutzt Röntgenstrahlen für die Chirurgie und rüstet 20 mobile Röntgeneinheiten aus, die als „Petites Curies“ bekannt werden. Gemeinsam mit ihrer Tochter Irène fährt sie selbst an die Front, um verwundete Soldaten zu untersuchen und Granatsplitter in deren Körpern zu lokalisieren. Sie bildet über 150 Frauen als Radiologie-Assistentinnen aus und rettet damit unzähligen Soldaten das Leben.
Marie Curie stirbt im Jahr 1934 an einer aplastischen Anämie. Bei dieser Form der Blutarmut stellt das Knochenmark die Produktion neuer Zellen ein – eine Folge der jahrzehntelangen Arbeit mit radioaktiven Substanzen. Bis heute sind ihre Laborbücher so stark kontaminiert, dass sie im Pariser Nationalarchiv nur unter Sicherheitsvorkehrungen eingesehen werden können.
Ihr Vermächtnis lebt in den von ihr gegründeten Curie-Instituten in Paris und Warschau weiter. Sie hinterließ eine Welt, in der Forscher das Innere des Atoms entschlüsselt hatten und die Medizin mit der Strahlentherapie ein neues Werkzeug gegen Krebserkrankungen besaß.
Zum Weiterlesen
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- Curie, Eve (1983): Madame Curie. Eine Biographie.*
Bildnachweis
Titel: Pierre und Marie Curie, 1904.
Alle Bilder gemeinfrei.




