Die Stiefel russischer Infanteristen wirbeln im November 1914 den Staub auf den Straßen von Täbris auf, während im fernen Süden britische Marineeinheiten die strategisch wichtigen Ölanlagen von Abadan besetzen. In Teheran unterzeichnet die Regierung des jungen Ahmad Schah Qadschar ein Dekret zur strikten Neutralität. Doch das Papier aus dem Palast verliert seinen Wert in dem Moment, in dem die Tinte trocknet. Für die Entente-Mächte – das Bündnis aus Großbritannien und Russland – ist Persien ein herrenloses Aufmarschgebiet und eine lebenswichtige Energiequelle für den ersten globalen Maschinenkrieg.
Die Ohnmacht der Zentrale

Zu Beginn des Konflikts steht die Staatsmacht vor dem Ruin. Die Minister in Teheran verwalten ein Land, dessen Finanzwesen am Boden liegt. Ihre Befehle enden meist an den Toren der Hauptstadt. Diese Schwäche ist das Ergebnis jahrelanger Einmischung: Bereits 1907 hatten London und St. Petersburg das Land in Interessensphären aufgeteilt.
Militärisch gleicht Persien einem Flickenteppich. Die einzige schlagkräftige Einheit im Norden, die Persische Kosakenbrigade, gehorcht russischen Offizieren. Im Süden wiederum besetzen britische Verbände die Ölfelder und beginnen 1916 mit dem Aufbau der South Persia Rifles, einer eigenen Kolonialtruppe. Die persische Elite versucht zwar, zwischen den Fronten zu lavieren, doch ohne eigene Armee schrumpft ihr Handlungsspielraum auf ein Minimum zusammen.
Lokale Fürsten und globale Interessen
Jenseits der Hauptstadt entscheiden lokale Akteure über den Fortgang des Krieges. Mächtige Stammesführer wie jene der Kaschqai oder Bachtiaren beherrschen die Bergpässe. Sie verhandeln eigenständig mit ausländischen Agenten über den Durchmarsch von Truppen. Deutsche Diplomaten wie Wilhelm Wassmuss versuchen mit Gold und dem Aufruf zum religiös legitimierten Krieg, die Stämme gegen die Briten aufzustacheln.
Diese Bündnisse bleiben flüchtig. Die Loyalität der Anführer gilt der eigenen Region und der Verteidigung ihrer Weidegründe. Wer heute Getreide liefert, wechselt morgen die Seite, sobald die Zahlungen ausbleiben oder die militärische Bedrohung durch die Gegenseite wächst. Ein Schutz durch den fernen Nationalstaat existiert nicht.
Hunger und wirtschaftlicher Zerfall

Der Krieg zerstört die fragile Versorgung des Landes. Fremde Armeen requirieren massenhaft Lasttiere und Lebensmittel, was den zivilen Handel zum Erliegen bringt. In den Jahren 1917 und 1918 verschärft sich die Lage zu einer Katastrophe. Missernten und die britische Strategie, Getreidebestände für die eigene Truppenversorgung aufzukaufen, lösen eine massive Hungersnot aus.
In den Gassen von Hamadan und Teheran gehört der Tod durch Entkräftung zum Alltag. Schätzungen gehen von Hunderttausenden, in manchen Quellen sogar von bis zu einer Million Opfern aus. Während die Besatzer ihre Logistik sichern, bricht die soziale Ordnung des Iran unter der Last des Mangels zusammen.
Das Erbe des Zusammenbruchs
Nach dem Waffenstillstand von 1918 versinkt Persien tiefer im Chaos. Die russische Revolution hat die Truppen des Zaren zwar abgezogen, doch das entstandene Vakuum füllen britische Einheiten, die nun fast das gesamte Land besetzt halten. Die Erfahrung der totalen Ohnmacht prägt eine neue Generation von Offizieren.
Der Wunsch nach nationaler Stärke und das Versagen der traditionellen Eliten wirken wie Wegbereiter für den Ruf nach einer harten Hand. In diesem Klima der Instabilität beginnt der Aufstieg eines Offiziers der Kosakenbrigade: Reza Khan. Die Zersplitterung der Kriegsjahre bereitet den Boden für eine radikale Zentralisierung, die das Gesicht des Iran im 20. Jahrhundert verändern wird.

Zum Weiterlesen
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Ervand Abrahamian: A History of Modern Iran – Sozialgeschichtlich fundierte Gesamtdarstellung, besonders stark in der Analyse von Staatsstruktur und Klassen.
Homa Katouzian: State and Society in Iran – Begründet die These von der strukturellen Schwäche des iranischen Staates im historischen Längsschnitt.
Bildnachweis
Titel: Russische Truppen im Iran, 1914.
Karte: Wikimedia Commons, Fabienkhan. CC BY-SA 2.5.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.




