1925 führte die Regierung in Teheran die allgemeine Wehrpflicht ein. Jeder körperlich geeignete Mann über einundzwanzig Jahren sollte zwei Jahre in der Armee dienen. Dafür musste der Staat erst einmal wissen, wer diese Männer waren und wo sie lebten. Behörden stellten Ausweise aus, Familien mussten feste Nachnamen annehmen. Bauern und Angehörige der Stammesverbände kamen in Kasernen, in denen Persisch die Kommandosprache war. Mit der Wehrpflicht griff die Regierung bis in Dörfer und Wanderverbände hinein, die Teheran wenige Jahre zuvor kaum erreicht hatte.
Reza Schah hatte 1925 die Qajar-Dynastie abgelöst. Nun setzte er das Projekt fort, das seinen Aufstieg seit dem Putsch von 1921 getragen hatte. Er ließ die Armee ausbauen und schuf neue Behörden. Steigende Staatseinnahmen ermöglichten es ihm, beides zu finanzieren.
Innerhalb von anderthalb Jahrzehnten veränderte das den iranischen Staat grundlegend.
Soldaten aus Teheran

Die Armee bildete den wichtigsten Machtfaktor. 1925 standen etwa 40.000 Soldaten unter einem gemeinsamen Kriegsministerium. Bis 1941 wuchs ihre Zahl auf mehr als 127.000. Die Regierung stationierte Divisionen in den Provinzen. Zugleich entstanden Straßen, auf denen Truppen schneller verlegt werden konnten. Der Schah verfügte schließlich auch über Panzer und Flugzeuge. Gegen regionale Verbände, die sich früher auf schwer zugängliche Gebiete hatten stützen können, verschob sich damit das militärische Kräfteverhältnis erheblich.
Die Wehrpflicht vergrößerte diese Armee und veränderte zugleich den Alltag vieler Familien. Rekruten aus unterschiedlichen Regionen dienten gemeinsam. Ein erheblicher Teil musste in den ersten Monaten überhaupt erst Persisch lernen. Die Regierung verband den Militärdienst bewusst mit dem Versuch, Bewohner unterschiedlicher Landesteile stärker an den Staat zu binden. Zugleich sollte sich eine gemeinsame iranische Identität durchsetzen.
Parallel wuchs die zivile Verwaltung. Zu Beginn der 1920er Jahre hatte die Zentralregierung nur über einen kleinen Apparat verfügt. Am Ende der Herrschaft Reza Schahs beschäftigten elf Ministerien mehr als 90.000 Beamte. Das Innenministerium beaufsichtigte die Provinzen. Gouverneure und Bürgermeister hingen nun wesentlich unmittelbarer von Teheran ab. Die Regierung teilte das Land neu in Provinzen und untergeordnete Verwaltungsbezirke. Beamte übernahmen dort Aufgaben, die zuvor häufig lokale Machthaber ausgeübt hatten.
Damit veränderte sich auch die Bedeutung der Hauptstadt. Ein Gouverneur sollte seine Stellung künftig dem Innenministerium verdanken. Ein Stammesführer konnte nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen, Steuern einzuziehen oder eine eigene bewaffnete Gefolgschaft zu unterhalten.
Straßen für den Staat
Dieser Zugriff brauchte Verkehrswege.
1925 verfügte Iran nur über ein kleines und teilweise schlecht erhaltenes Straßennetz. Reza Schahs Regierung baute es in den folgenden Jahren massiv aus. 1941 hielt das Straßenministerium rund 14.000 Meilen, also mehr als 22.000 Kilometer, Straßen in vergleichsweise gutem Zustand. Sie verbanden die Hauptstadt mit den Provinzen und erleichterten den Warenverkehr. Für die Regierung besaßen sie zugleich einen unmittelbaren militärischen Nutzen: Lastwagen konnten Soldaten wesentlich schneller in entfernte Regionen bringen.

Das sichtbarste Bauprojekt war die Transiranische Eisenbahn. Ihre Strecke führte durch schwieriges Gebirge von Bandar-e Schah am Kaspischen Meer über Teheran und Ahwaz bis zum neu ausgebauten Hafen Bandar-e Schahpur, dem heutigen Bandar-e Emam Chomeini, am Persischen Golf. Die Regierung finanzierte den Bau vor allem über Abgaben auf Zucker und Tee.
Die Bahn hatte deshalb eine politische Seite, die über Technik und Verkehr hinausging. Menschen im ganzen Land bezahlten über ihren täglichen Konsum für ein Projekt, das Teheran enger mit den Provinzen verband. Der Schah setzte solche Entscheidungen mit großer Härte durch. Ein Minister, der bezweifelte, ob das Geld nicht besser in Straßen investiert würde, landete im Gefängnis.
Wirtschaft unter staatlicher Regie
Auch in der Wirtschaft übernahm die Regierung neue Aufgaben. Sie drängte ausländische Finanzberater zurück und hob die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Sonderrechte ausländischer Mächte auf. Die Nationalbank erhielt das Recht, Geld auszugeben. Ministerien förderten Fabriken. Zölle sollten die heimische Produktion vor ausländischer Konkurrenz schützen. Bis zum Ende der 1930er Jahre verfügten die meisten Städte zumindest über eine elektrische Beleuchtung.
Schulen unter staatlicher Aufsicht
Besonders deutlich lässt sich der Wandel an den Schulen erkennen.
1923 besuchten weniger als 12.000 Kinder staatliche Schulen. Daneben bestanden Einrichtungen religiöser Stiftungen und Missionsschulen. Bis 1941 unterhielt der Staat 2.336 Grundschulen mit rund 210.000 Schülern. Hinzu kamen 241 weiterführende Schulen. Auch die Zahl der Schülerinnen nahm zu.
Die Regierung schrieb einen einheitlichen Lehrplan vor und ließ überall dieselben Schulbücher verwenden. Unterrichtssprache war Persisch. Andere Sprachen verschwanden aus den Schulen, auch dort, wo religiöse oder sprachliche Gemeinschaften sie zuvor genutzt hatten. Die Schulpolitik sollte damit zugleich die Stellung des Persischen im ganzen Land stärken.
1934 entstand aus sechs bereits bestehenden Hochschulen die Universität Teheran. Am Ende der Regierungszeit studierten dort mehr als 3.300 Menschen. Der Staat vergab außerdem Stipendien für Studienaufenthalte in Europa. Viele Absolventen fanden anschließend Beschäftigung in den wachsenden Ministerien. Der Staat bildete damit einen Teil des Personals selbst aus, das seine neuen Behörden benötigten.
Der Angriff auf die Macht der Stammesführer
Für die großen Stammesverbände hatte diese Entwicklung besonders harte Folgen.
Reza Schah ließ Stammesgruppen entwaffnen und zog Männer zum Militärdienst ein. In manchen Regionen zwang die Regierung nomadisch lebende Gruppen zur Sesshaftigkeit. Die vorgesehenen Siedlungsgebiete eigneten sich teilweise schlecht für die bisherige Viehwirtschaft. Familien verloren Herden und damit einen Teil ihrer Lebensgrundlage. Die erzwungene Sesshaftigkeit führte vielerorts zu schwerer Not.
Auch die bisherigen Führer gerieten unter Druck. Das Oberhaupt der Qashqai, der Ilkhani Sowlat al-Dowleh, wurde nach Teheran gebracht und inhaftiert. Er gehörte zu den prominenten Gefangenen des Qasr-Gefängnisses und starb später in Haft. Scheich Khazal, der mächtige arabische Führer im Südwesten, wurde ebenfalls nach Teheran gebracht und dort festgesetzt. Andere regionale Anführer ließ das Regime hinrichten.
Bei den Bakhtiyari ging Reza Schah schrittweise vor. Zunächst nutzte er ihre bewaffneten Verbände gegen andere Gegner. Ende der 1920er Jahre griff er ihre Stellung selbst an. Als ein Teil der Bakhtiyari 1929 rebellierte, stellte sich eine rivalisierende Gruppe auf die Seite der Regierung. Reza Schah ließ daraufhin die Aufständischen entwaffnen. Führende Khans verloren Land. Auch ihre Anteile an den Öleinnahmen wurden ihnen entzogen. Die Armee übernahm den Schutz der Ölanlagen. 1934 starben mehrere prominente Bakhtiyari-Führer im Gefängnis oder wurden hingerichtet.
Hier zeigte sich, weshalb Reza Schah weiter gehen konnte als viele Qajar-Herrscher. Teheran verfügte inzwischen über eigene Soldaten und konnte sie über ausgebaute Verkehrswege weit ins Land schicken. Stetig wachsende Einnahmen ermöglichten längere Militäreinsätze. Regionale Führer wurden dadurch für die Regierung immer entbehrlicher.
Kleidung und Religion
Die Regierung griff auch unmittelbar in das öffentliche Auftreten der Bevölkerung ein.
Männer sollten westlich geschnittene Kleidung und die Pahlavi-Mütze tragen – eine runde Schirmmütze nach Art eines militärischen Kepis. Traditionelle Stammeskleidung wurde im öffentlichen Raum untersagt.
Das brachte die Regierung zunehmend mit Teilen der Geistlichkeit in Konflikt. Besonders heftig eskalierte die Auseinandersetzung 1935 in Maschhad. Ein Prediger wandte sich dort gegen die neue Kleidungspolitik und weitere Eingriffe der Regierung. Auch die hohen Verbrauchssteuern sorgten für Unmut. Bewohner der Stadt und Menschen aus umliegenden Dörfern suchten im Heiligtum Imam Rezas Zuflucht.
Vier Tage lang weigerten sich die örtlichen Sicherheitskräfte, das Heiligtum zu stürmen. Dann trafen Verstärkungen aus Aserbaidschan ein. Soldaten drangen in den Komplex ein. Es wurden mehr als hundert Menschen getötet und etwa zweihundert schwer verletzt. Später ließ die Regierung auch Männer hinrichten, die sich geweigert hatten, auf die Menge zu schießen.
Nach Maschhad verschärfte Reza Schah seine Maßnahmen. Der Tschador wurde aus dem öffentlichen Raum verbannt. Behörden zwangen auch Männer außerhalb der höheren Gesellschaftsschichten, ihre Frauen ohne Kopfbedeckung zu öffentlichen Veranstaltungen mitzubringen. Manche Frauen vermieden daraufhin Straßen und öffentliche Einrichtungen. Der Zugriff des Staates erreichte damit Bereiche des persönlichen Alltags, die frühere Regierungen kaum hatten kontrollieren können.
Ein Parlament unter Kontrolle
Die Verfassung von 1906 blieb formal bestehen. Das Majles, das iranische Parlament, tagte weiterhin. Reza Schah bestimmte jedoch zunehmend, wer dort sitzen durfte.
Vor Wahlen prüften der Schah und der Polizeichef Kandidatenlisten. Die Namen genehmer Bewerber gingen über das Innenministerium an die Provinzverwaltungen. Kandidaten, die sich dem widersetzten, riskierten Gefängnis oder Verbannung. Bereits 1926 berichtete der britische Gesandte, dass die Abgeordneten bei wichtigen Entscheidungen dem Willen des Schahs folgten.

Auch Männer aus Reza Schahs eigener Führung konnten tief fallen. Minister, die zuvor beim Ausbau des Staates geholfen hatten, wurden entlassen oder verhaftet. Einige starben in Haft. Der Monarch zog damit immer mehr Entscheidungen an sich. Je weiter die staatlichen Behörden ins Land hineinreichten, desto stärker bestimmte Reza Schah persönlich, wie dieser Apparat eingesetzt wurde.
Die Bilanz war schon für Zeitgenossen widersprüchlich. Der Historiker Ahmad Kasravi, der die Jahre der Bürgerkriege und ausländischen Interventionen selbst erlebt hatte, würdigte später den Ausbau der Schulen und die Zurückdrängung bewaffneter Stammesführer. Zugleich warf er Reza Schah vor, die Verfassung ausgehöhlt und politische Gegner beseitigt zu haben.
1941 zeigte sich schließlich eine Grenze dieser Macht. Der Staat reichte inzwischen wesentlich tiefer in das Land hinein als zu Beginn von Reza Schahs Karriere. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion gewann Iran für die Alliierten als Nachschubweg zur sowjetischen Front große strategische Bedeutung. Zugleich wollten Großbritannien und die Sowjetunion den deutschen Einfluss im Land ausschalten. Im August 1941 marschierten britische und sowjetische Truppen in Iran ein.
Wenige Wochen später musste der Schah abdanken. Sein Sohn Mohammad Reza bestieg den Thron. Er erbte die stark ausgebaute Verwaltung und eine große Armee. Das Verkehrsnetz verband Teheran inzwischen enger mit den Provinzen. Mit Reza Schah verschwand jedoch der Mann, der diese Machtmittel persönlich kontrolliert hatte.
Zum Weiterlesen
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Ervand Abrahamian: A History of Modern Iran – Sozialgeschichtlich fundierte Gesamtdarstellung, besonders stark in der Analyse von Staatsstruktur und Klassen.
Homa Katouzian: State and Society in Iran – Begründet die These von der strukturellen Schwäche des iranischen Staates im historischen Längsschnitt.
Bildnachweis
Titel: Reza Schah auf dem Pfauenthron.
Alle Bilder gemeinfrei.




