Die Pinzette in Charles Darwins Hand zitterte leicht, als er den kleinen, braun gefiederten Körper im fahlen Licht der Kajüte betrachtete. Draußen vor den Fenstern der HMS Beagle zog die karge, schwarze Vulkanlandschaft der Galápagos-Inseln vorbei. Es war der September 1835. Darwin notierte mit akribischer Feder die Fundorte der Vögel, die er in den letzten Tagen geschossen hatte. Auf der Insel San Cristóbal besaßen die Spottdrosseln kräftige, gebogene Schnäbel; jene von der Insel Floreana wirkten zierlicher. Noch ahnte der junge Naturforscher nicht, dass diese unscheinbaren Balge das Weltbild seiner Zeit erschüttern würden. Er glaubte zu diesem Zeitpunkt noch fest an die Unveränderlichkeit der Lebewesen, doch die geografische Verteilung dieser Tiere weckte erste Zweifel.
Die Trümmer der Schöpfungsgeschichte

Darwin trat die fünfjährige Vermessungsreise der britischen Marine an, um die Natürliche Theologie zu untermauern. Er suchte in der Natur nach Beweisen für die Weisheit eines göttlichen Schöpfers. Doch Südamerika lieferte ihm Funde, die diesem Plan widersprachen.
Bereits im September 1832 grub er in den Klippen von Punta Alta Knochen aus, die ihn verwirrten. Er hielt den massiven Schädel eines Toxodon in den Händen – ein ausgestorbenes Riesentier, das heutigen Wasserschweinen ähnelte. Darwin fragte sich, warum ein Schöpfer Arten vernichten sollte, nur um fast identische, kleinere Kopien an denselben Ort zu setzen. Diese Ähnlichkeit zwischen Fossil und lebendem Tier deutete auf eine Verwandtschaft hin, die über Generationen hinweg bestand. Die Beobachtungen auf den Galápagos-Inseln, wo jede Insel ihre eigene Version einer Spezies beherbergte, verstärkten diesen Verdacht einer schrittweisen Umwandlung.
Die Ökonomie der Natur
Nach seiner Rückkehr nach England im Jahr 1836 untersuchte er die mitgebrachten Proben systematisch. Der Ornithologe John Gould präsentierte ihm dabei ein entscheidendes Ergebnis: Was Darwin für eine Mischung aus völlig verschiedenen Vogelgruppen gehalten hatte, identifizierte Gould als zwölf eng verwandte Arten von Finken. Jede von ihnen besaß einen Schnabel, der exakt zu ihrer Nahrungsquelle passte.
Den theoretischen Durchbruch erzielte der Forscher am 28. September 1838 bei der Lektüre von Thomas Malthus’ Abhandlung über das Bevölkerungswachstum. Malthus beschrieb einen unerbittlichen Kampf um Ressourcen, da die Bevölkerung schneller wachse als die Nahrungsvorräte. Darwin übertrug dieses Prinzip auf das Tierreich: In einer Umwelt, in der mehr Nachkommen geboren werden, als überleben können, entscheiden kleinste Vorteile über den Erfolg. Die Natur selektiert – nicht durch einen Plan, sondern durch das Überleben des am besten Angepassten.
Ein geheimes Leben in Down House
Trotz dieser Einsicht schwieg Darwin zwei Jahrzehnte lang. Er verstand, dass seine Theorie den Menschen von seinem Podest als Krone der Schöpfung stürzte. Der Naturforscher zog sich in das ländliche Down House in Kent zurück. Während er nach außen hin als angesehener Experte für Rankenfußkrebse auftrat, füllte er im Geheimen Notizbücher mit seinen Gedanken zum Artenwandel. Er korrespondierte mit Taubenzüchtern und beobachtete die künstliche Zuchtwahl, um seine Thesen durch praktische Beispiele abzusichern.
Dieses Zögern endete erst 1858 durch einen Brief von Alfred Russel Wallace. Wallace hatte im malaiischen Archipel fast identische Schlüsse gezogen. Der drohende Verlust seines Lebenswerks trieb Darwin zur Veröffentlichung. Am 24. November 1859 erschien On the Origin of Species. Das Werk war sofort vergriffen. Darwin bewies darin, dass das Leben keinen externen Gestalter braucht, um komplexe Formen hervorzubringen.
Der Preis der Erkenntnis

Die späten Jahre des Forschers waren von Ruhm und Krankheit geprägt. Er litt unter Magenbeschwerden und Herzrasen, was Historiker heute als Folge des enormen moralischen Drucks deuten. Er fühlte sich, als würde er einen Mord gestehen, wie er es seinem Freund Joseph Hooker anvertraute – den Mord an der Vorstellung einer gottgegebenen Welt.
In seinem Werk von 1871, The Descent of Man, schloss er die Beweiskette. Er legte dar, dass auch moralische Gefühle und Intelligenz Ergebnisse der Evolution und der geschlechtlichen Zuchtwahl sind. Als Darwin am 19. April 1882 starb, war seine Lehre bereits eine globale Kraft. Obwohl Darwin im Alter Zweifel am Glauben hatte und sich als Agnostiker bezeichnete, setzten ihn seine Freunde am 26. April 1882 in der Westminster Abbey bei.
Ein Rätsel blieb ihm jedoch bis zum Tod verborgen: Er konnte nicht erklären, wie genau die Natur diese Variationen biologisch an die nächste Generation weitergibt.
Zum Weiterlesen
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Neffe, J. (2017): Darwin: Das Abenteuer des Lebens.*
Bildnachweis
Titel: HMS Beagle, Gemälde von Conrad Martens, 1833.
Alle Bilder gemeinfrei.




