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Karl Marx in London – Der Weg zur politischen Ökonomie (1849–1857)

Am 15. September 1850 spaltet sich in London die Führung des Bundes der Kommunisten. August Willich und Karl Schapper rechnen nach der Niederlage von 1848 mit einem neuen revolutionären Anlauf. Karl Marx widerspricht. Eine kleine Gruppe könne keinen Aufstand erzwingen, solange sich die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen nicht verändert hätten. Die Arbeiter müssten sich auf eine längere Auseinandersetzung vorbereiten.

Hinter dem Streit steht mehr als eine taktische Differenz. Marx beginnt, die gescheiterte Revolution genauer zu untersuchen. Er fragt, welche Gruppen sie getragen haben und warum frühere Verbündete auseinandergegangen sind. Zugleich untersucht er, wie sich die wirtschaftliche Entwicklung auf politische Entscheidungen auswirkt. London wird zum Schauplatz dieser Neuorientierung.

Ankunft in London

Marx verlässt Paris am 24. August 1849 und erreicht zwei Tage später London. Die britische Regierung duldet politische Flüchtlinge, solange sie nicht gegen britische Gesetze verstoßen. Damit ist Marx vor einer weiteren Ausweisung zunächst sicher. Ein Einkommen besitzt er jedoch nicht.

Jenny Marx darf zunächst mit den Kindern in Paris bleiben. Am 17. September trifft sie mit ihnen in London ein; Helena Demuth begleitet die Familie. Nach mehreren provisorischen Unterkünften zieht die Familie im Mai 1850 in die Dean Street in Soho, zunächst in Nummer 64 und im Dezember in Nummer 28. Die Familie belegt nur wenige Räume. Gläubiger erscheinen an der Tür, Hausrat wandert ins Pfandhaus.

Jenny Marx trägt einen erheblichen Teil der täglichen Arbeit. Sie schreibt Manuskripte und Zeitungsartikel ab und verhandelt mit Gläubigern. Auch den Kontakt zu Freunden hält sie aufrecht. Helena Demuth führt den Haushalt und betreut die Kinder. Familienleben und politische Arbeit greifen in den engen Räumen der Dean Street ineinander.

Im November 1850 stirbt der einjährige Sohn Guido. Im April 1852 folgt die Tochter Franziska. Jenny muss sich Geld für den Sarg leihen. Drei Jahre später stirbt der achtjährige Edgar, den die Familie Musch nennt. Sein Tod trifft Marx besonders schwer. Über Wochen kann er kaum arbeiten.

Die Not erklärt Marx’ Denken nicht. Sie bestimmt jedoch, unter welchen Bedingungen er schreibt. Krankheiten und Geldmangel unterbrechen die Arbeit immer wieder. Hinzu kommt die Sorge um die Kinder. Marx entwickelt seine Kritik der kapitalistischen Gesellschaft in diesen Jahren in einem Haushalt, der selbst von unregelmäßigen Einkünften und geliehenem Geld abhängt.

Die Niederlage von 1848

Der Konflikt im Bund der Kommunisten verschärft sich wenige Monate nach der Ankunft. Marx lehnt die Erwartung ab, eine entschlossene Minderheit könne die Revolution rasch wieder aufnehmen. Willich und Schapper halten diese Haltung für einen Rückzug. Nach der Sitzung vom September 1850 arbeiten beide Gruppen getrennt weiter.

Marx zieht sich zugleich aus dem Londoner Arbeiterbildungsverein zurück. Der Bund verliert an Bedeutung. Nach dem Kölner Kommunistenprozess, in dem preußische Behörden führende Mitglieder wegen Hochverrats anklagen, löst sich die Organisation 1852 auf. Marx widmet sich nun vor allem der Frage, warum die europäischen Erhebungen gescheitert sind.

Charles Louis Napoléon Bonaparte, 1848

Einen ersten großen Versuch unternimmt er in Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Anlass ist der Staatsstreich vom 2. Dezember 1851. Louis Bonaparte löst die französische Nationalversammlung auf und lässt sich später zum Kaiser ausrufen. Marx verfolgt, wie der Präsident die Konflikte seiner Gegner nutzt und sich auf Armee und Verwaltung stützt. Rückhalt findet Bonaparte zugleich in Teilen der Landbevölkerung.

Marx beschreibt dabei ein Geflecht verschiedener Interessen. Er untersucht die Auseinandersetzungen innerhalb des bürgerlichen Lagers und richtet besondere Aufmerksamkeit auf die französischen Kleinbauern, von denen viele Bonaparte unterstützen. Zugleich zeigt er, wie die staatliche Bürokratie ein eigenes Gewicht gewinnt.

In diesem Zusammenhang formuliert Marx einen seiner bekanntesten Gedanken: Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber nicht unter selbst gewählten Umständen. Politisches Handeln bleibt möglich. Es beginnt jedoch stets in Verhältnissen, die frühere Generationen hinterlassen haben. Damit wendet sich Marx gegen den Glauben, der Wille einzelner Revolutionäre könne historische Bedingungen einfach überwinden. Ebenso wenig versteht er Geschichte als automatisch ablaufenden Prozess.

Schreiben für New York

Die politische Analyse bringt zunächst wenig Geld ein. Eine wichtigere Einnahmequelle eröffnet sich durch die New York Daily Tribune. Seit 1852 arbeitet Marx als europäischer Korrespondent für die amerikanische Zeitung, die damals eine außergewöhnlich hohe Auflage erreicht.

Seine Beiträge behandeln die britische Politik und den Krimkrieg. Später schreibt er über die britische Herrschaft in Indien und die Kriege in China. Die Artikel gehen über bloße Nachrichtenberichte hinaus. Marx verbindet aktuelle Meldungen mit längeren Untersuchungen über Handel und Kolonialherrschaft. Dabei fragt er auch nach den Interessen der beteiligten Staaten.

Nicht jeder unter seinem Namen veröffentlichte Beitrag stammt vollständig von ihm. Engels übernimmt zeitweise Artikel und liefert militärische Analysen. Jenny Marx fertigt lesbare Abschriften an, da Redakteure Marx’ Handschrift nur schwer entziffern können. Seit 1853 führt sie ein Verzeichnis über Themen und Versanddaten der Texte. Die journalistische Produktion wird damit zu einer gemeinsamen Arbeit, auch wenn auf der gedruckten Seite meist nur ein Name erscheint.

Die Honorare verbessern die Lage der Familie, beseitigen ihre Unsicherheit aber nicht. Die Tribune kürzt Beiträge oder druckt sie verspätet. Wechselkurse und Postwege wirken sich unmittelbar auf das Haushaltsgeld in Soho aus. Marx muss deshalb zwischen kurzfristig bezahlter Zeitungsarbeit und seinen langfristigen Studien abwägen.

Engels in Manchester

Friedrich Engels, um 1858

Im November 1850 geht Friedrich Engels nach Manchester und tritt erneut in das Baumwollunternehmen Ermen & Engels ein, an dem sein Vater beteiligt ist. Die Tätigkeit verschafft ihm ein regelmäßiges Einkommen. Einen Teil davon verwendet er, um Marx und dessen Familie zu unterstützen.

Engels liefert mehr als Geld. Aus Manchester berichtet er über den Baumwollhandel und die Lage der Fabriken. Er kennt die Buchführung eines Unternehmens aus eigener Anschauung und verfolgt die Preisentwicklung. Auch die Entscheidungen der Kaufleute erlebt er aus unmittelbarer Nähe. Marx kann dadurch seine Lektüre ökonomischer Werke mit Erfahrungen aus einem bedeutenden Industriezentrum verbinden.

Die Arbeitsteilung trägt einen sichtbaren Widerspruch in sich. Engels verdient sein Geld in einem Unternehmen, das von industrieller Lohnarbeit lebt, und finanziert damit die Untersuchung eben dieser Wirtschaftsweise. Beide nehmen diesen Gegensatz in Kauf. Ohne Engels’ Unterstützung hätte Marx seine langjährigen Studien kaum fortsetzen können.

Ihre Briefe dienen als gemeinsamer Arbeitsraum. Marx legt Fragen vor und schickt Entwürfe. Engels prüft Berechnungen und beantwortet Anfragen zur industriellen Praxis. Bei Bedarf übernimmt er journalistische Aufgaben. Die spätere Darstellung des Kapitals entsteht deshalb in einem langjährigen Austausch zwischen beiden.

Im British Museum

Zum wichtigsten Arbeitsort außerhalb der Wohnung wird der Lesesaal des British Museum. Marx wertet dort die Literatur der politischen Ökonomie und amtliche Untersuchungen des britischen Parlaments aus. Er kopiert lange Passagen und versieht sie mit Kommentaren. Anschließend vergleicht er die Aussagen älterer Autoren mit aktuellen Berichten.

England bietet ihm besonders reiches Material. Die Industrialisierung ist weiter fortgeschritten als in den deutschen Staaten. Fabrikinspektoren berichten über Arbeitszeiten und Krankheiten. Parlamentsausschüsse befragen Unternehmer und Arbeiter. In anderen Anhörungen kommen Bankiers zu Wort. Marx nutzt solche Aussagen als konkrete Prüfsteine dafür, wie Produktion und Handel tatsächlich funktionieren.

Dabei verändert sich seine Fragestellung. In den Pariser Manuskripten hatte er die Erfahrung der entfremdeten Arbeit in den Mittelpunkt gestellt. In London untersucht er genauer, wie Lohnarbeit und Eigentum miteinander verbunden sind. Zugleich rückt der Markt stärker in seine Überlegungen. Kapital erscheint äußerlich in Dingen wie Geldbeständen und Maschinen. Marx fragt nach den Beziehungen zwischen Menschen, die sich darin ausdrücken.

Auch die Begriffe der Ökonomen behandelt er historisch. Lohn und Profit betrachtet er als Erscheinungen einer bestimmten Wirtschaftsweise. Dasselbe gilt für das Kapital. Diese Größen gehören zu einer Form der Produktion, in der Arbeiter ihre Arbeitskraft verkaufen und andere über die Produktionsmittel verfügen. Die Kritik der politischen Ökonomie soll zeigen, wie solche Verhältnisse entstehen und durch das tägliche Handeln immer wieder hergestellt werden.

Über Jahre sammelt sich immer mehr Material an. Marx beginnt neue Hefte und verwirft wiederholt seine Gliederungen. Zugleich arbeitet er sich durch weitere Literatur. Das geplante Buch bleibt während dieser Jahre unfertig. Gerade die Fülle des Materials erschwert den Übergang zur Darstellung.

Die Krise von 1857

Im Herbst 1856 kann die Familie die Dean Street verlassen. Eine Erbschaft nach dem Tod von Jenny Marx’ Mutter ermöglicht den Umzug in ein kleines Haus im Norden Londons. Die unmittelbare Enge lässt nach.

Ein Jahr später erreichen Nachrichten über Bankzusammenbrüche in den Vereinigten Staaten die Londoner Finanzwelt. Der Handel gerät unter Druck. Auch britische Unternehmen schränken ihre Geschäfte ein. Marx verfolgt die Krise in Zeitungen und amtlichen Berichten. Nun sieht er die Gelegenheit, seine langjährigen Studien in eine zusammenhängende Form zu bringen.

Seit dem Herbst 1857 füllt er mehrere Hefte mit Entwürfen. Er untersucht, wie Geld zu Kapital wird und wie der Produktionsprozess den eingesetzten Wert vergrößert. Zugleich verfolgt er den Weg der Waren über den Markt. Marx untersucht die Krise dabei als Vorgang, der aus der kapitalistischen Wirtschaftsweise selbst hervorgehen kann.

Diese Manuskripte setzt Marx im folgenden Jahr fort. Sie bleiben zu seinen Lebzeiten unveröffentlicht. Erst im 20. Jahrhundert erhalten sie den Titel Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Die Hefte bilden eine wichtige Vorstufe zu dem Werk, dessen erster Band zehn Jahre später unter dem Titel Das Kapital erscheint.


Zum Weiterlesen

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Karl Marx (2013): Werke, Schriften: Frühe Schriften, Politische Schriften, Ökonomische Schriften. 6 Bände.*

Karl Marx (2014): Ökonomisch-philosophische Manuskripte.*

Karl Marx, Friedrich Engels (2009): Manifest der Kommunistischen Partei.*

Gareth Stedman Jones: Karl Marx: Die Biographie.*

Bildnachweis

Titel: Die Wohnung von Karl Marx: 28 Dean Street Soho London W1D 3RY. Wikimedia Commons, Spudgun67. CC BY-SA 4.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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