Am 23. Januar 1924 erreichte Lenins Sarg Moskau. Zwei Tage zuvor war der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare auf dem Landgut Gorki gestorben. Im Säulensaal des Gewerkschaftshauses nahmen Parteifunktionäre und Arbeiter Abschied. Menschen warteten stundenlang in der winterlichen Kälte. Am 27. Januar trugen führende Bolschewiki den Sarg auf den Roten Platz und setzten ihn in einem provisorischen Mausoleum bei.
Stalin zeigte sich in diesen Tagen als treuer Gefolgsmann des Toten. Auf dem Sowjetkongress versprach er im Namen der Partei, Lenins Vorgaben zu erfüllen. Trotzki dagegen fehlte bei der Beisetzung. Er hielt sich wegen einer Erkrankung im Kaukasus auf. Später behauptete er, Stalin habe ihm einen falschen Termin genannt und dadurch seine rechtzeitige Rückkehr verhindert. Ob Stalin ihn tatsächlich täuschte, lässt sich nicht sicher klären. Politisch schadete Trotzki die Abwesenheit. Während Stalin am Sarg stand, blieb der bekannteste Heerführer der Revolution unsichtbar.
Doch weder die Trauerfeier noch Lenins einsetzende Verehrung entschieden den Machtkampf. Lenin hatte keinen Nachfolger bestimmt. Die wichtigsten Parteiführer mussten zunächst herausfinden, wer sich auf wen stützen konnte.
Ein Brief gegen Stalin

Lenin hatte den Konflikt innerhalb der Führung noch erlebt. Seit mehreren Schlaganfällen konnte er ab 1922 nur noch zeitweise arbeiten. In kurzen Briefen und diktierten Notizen beurteilte er die führenden Mitglieder des Zentralkomitees. Dieses später als Lenins Testament bezeichnete Schreiben enthielt keine Nachfolgeregelung. Es warnte vielmehr vor einer Spaltung der Partei.
Besonders scharf urteilte Lenin über Stalin. Das Zentralkomitee hatte diesen im April 1922 zum Generalsekretär gewählt. Lenin bemerkte bald, wie viel Macht Stalin in diesem Amt sammelte. Er bezeichnete ihn als grob und schlug Anfang Januar 1923 vor, einen geduldigeren Generalsekretär zu suchen. Zu diesem Zeitpunkt belastete auch ein persönlicher Streit das Verhältnis. Stalin hatte Lenins Frau Nadeschda Krupskaja am Telefon beschimpft, weil sie ihrem schwer kranken Mann politische Nachrichten weitergegeben hatte.
Stalin beherrschte die Partei damals noch nicht. Im Politbüro saßen Männer mit größerem Ansehen aus Revolution und Bürgerkrieg. Doch das Generalsekretariat verschaffte ihm einen Vorteil, der zunächst unspektakulär wirkte. Dort liefen Informationen über die Besetzung wichtiger Parteiämter zusammen. Stalin lernte die Sekretäre in den Provinzen kennen und wusste, welche Funktionäre sich bewährt hatten. Das Sekretariat entschied mit darüber, wer einen Posten erhielt oder verlor.
Krupskaja übergab Lenins Schreiben vor dem dreizehnten Parteitag im Mai 1924 an die Führung. Eine Veröffentlichung hätte Stalin vermutlich schwer geschadet. Grigori Sinowjew und Lew Kamenew verhinderten jedoch seine Ablösung. Beide arbeiteten zu dieser Zeit mit ihm gegen Trotzki zusammen. Sie versicherten den Delegierten, Stalin habe sich gebessert. Das Dokument wurde den einzelnen Delegationen vorgelesen, aber nicht vor dem versammelten Parteitag diskutiert. Stalin blieb Generalsekretär.
Sinowjew und Kamenew glaubten, sie könnten ihn kontrollieren. Indem sie ihn im Amt hielten, bewahrten sie jedoch gerade jene Stellung, die er später gegen sie einsetzen sollte.
Drei Männer gegen Trotzki
Trotzki schien nach Lenins Tod der aussichtsreichste Bewerber um die Führung. Er hatte 1917 den Aufstand in Petrograd mit vorbereitet und anschließend die Rote Armee aufgebaut. Seine Reden zogen ein großes Publikum an. Außerhalb der Partei galt er vielen als der bekannteste Bolschewik neben Lenin.
Innerhalb der Führung blieb seine Stellung schwächer. Trotzki war erst im Sommer 1917 zu den Bolschewiki gestoßen. Zuvor hatte er sich jahrelang mit Lenin gestritten. Alte Parteimitglieder erinnerten ihn daran, sobald er sich auf seine Leistungen während der Revolution berief. Zudem verfügte Trotzki kaum über zuverlässige Gefolgsleute im Parteiapparat. Er erwartete, dass seine Fähigkeiten für ihn sprechen würden, und unterschätzte die Bedeutung persönlicher Verbindungen.
Stalin verbündete sich mit Sinowjew und Kamenew. Sinowjew leitete die Parteiorganisation in Leningrad und stand der Kommunistischen Internationale vor. Kamenew besaß großen Einfluss in Moskau. Gemeinsam konnten sie Trotzki im Politbüro isolieren. Auf den Parteitagen half Stalin ihnen, Mehrheiten unter den Delegierten zu organisieren.

Trotzki erleichterte seinen Gegnern den Angriff. Im Herbst 1923 unterstützte er Forderungen nach mehr innerparteilicher Mitsprache. Zugleich kritisierte er, dass Funktionäre zunehmend von oben eingesetzt wurden. Sechsundvierzig bekannte Bolschewiki warnten ebenfalls davor, dass eine kleine Gruppe die Entscheidungen an sich ziehe. Die Führung behandelte diese Kritik nicht als Beitrag zu einer offenen Auseinandersetzung, sondern als Fraktionsbildung.
Dabei berief sie sich auf einen Beschluss von 1921. Damals hatte der zehnte Parteitag organisierte Gruppen innerhalb der Partei verboten. Lenin hatte damit verhindern wollen, dass sich die Bolschewiki während einer schweren Krise spalteten. Nach seinem Tod nutzten seine Nachfolger das Verbot, um abweichende Programme zu unterdrücken. Wer gemeinsam mit anderen Kritik übte, konnte nun beschuldigt werden, die Einheit der Partei zu gefährden.
Der Kampf um Lenins Erbe
Ende 1924 veröffentlichte Trotzki seine Schrift Die Lehren des Oktober. Darin untersuchte er die Revolution von 1917 und erinnerte daran, dass Sinowjew und Kamenew damals vor dem bewaffneten Aufstand gewarnt hatten. Seine Gegner antworteten mit einer Kampagne gegen den sogenannten Trotzkismus. Sie holten frühere Auseinandersetzungen mit Lenin hervor und stellten Trotzki als Mann dar, der nie wirklich zur Partei gehört habe.
Stalin hielt sich zunächst im Hintergrund, beteiligte sich aber an dieser Umdeutung. Er präsentierte sich nicht als möglicher Alleinherrscher, sondern als Schüler Lenins. In Reden und Schriften legte er fest, was Lenin angeblich zu den neuen Streitfragen gesagt hätte. Damit gewann der Kampf um einzelne politische Entscheidungen eine zweite Ebene: Jede Gruppe musste beweisen, dass sie Lenins rechtmäßiges Erbe vertrat.
Der Streit entzündete sich auch an der Zukunft der Revolution. Trotzki ging davon aus, dass ein dauerhaft sozialistischer Staat in einem wirtschaftlich rückständigen Land auf die Unterstützung weiterer Revolutionen angewiesen blieb. Stalin stellte dem Ende 1924 die Möglichkeit entgegen, den Sozialismus zunächst innerhalb der Sowjetunion aufzubauen. Diese Aussicht wirkte nach den gescheiterten Revolutionen in anderen europäischen Ländern überzeugend. Sie versprach den Parteimitgliedern, dass ihre Arbeit nicht vom Erfolg ausländischer Kommunisten abhing.
Die Losung vom „Sozialismus in einem Land“ löste die wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht. Sie gab Stalin jedoch eine Position, die er als besonnenen Mittelweg darstellen konnte. Trotzki erschien dagegen als Politiker, der das Land für eine unerreichbare internationale Revolution aufs Spiel setzen wollte.
Im Januar 1925 verlor Trotzki sein Amt als Volkskommissar für das Kriegswesen. Er blieb zunächst Mitglied des Politbüros, konnte aber nicht mehr auf die Rote Armee einwirken. Sinowjew und Kamenew glaubten, ihr gefährlichster Rivale sei ausgeschaltet. Nun wandten sie sich gegen Stalin.

Das Bündnis zerbricht
Auf dem vierzehnten Parteitag im Dezember 1925 griff Kamenew den Generalsekretär offen an. Er erklärte, Stalin könne die bolschewistische Führung nicht zusammenhalten. Sinowjew stützte sich vor allem auf die Parteiorganisation in Leningrad. Doch Delegierte aus anderen Teilen des Landes folgten mehrheitlich Stalin. Viele von ihnen verdankten ihre Stellung dem Sekretariat, das Stalin führte.

Stalin hatte inzwischen neue Verbündete gefunden. Nikolai Bucharin verteidigte die Neue Ökonomische Politik, die Bauern einen begrenzten privaten Handel erlaubte. Der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare, Alexei Rykow, unterstützte diesen Kurs ebenfalls. Stalin schloss sich ihnen an und warf Sinowjew vor, die Bauern mit übermäßigen Forderungen gegen den Staat aufzubringen.
Nach ihrer Niederlage verloren Sinowjew und Kamenew wichtige Ämter. In Leningrad ersetzte die Parteiführung ihre Anhänger durch Funktionäre, die Stalin unterstützten. Damit zeigte sich, wie der Generalsekretär seine Macht einsetzte. Er musste seine Gegner nicht sofort verhaften lassen. Zunächst genügte es, ihnen die Organisationen zu nehmen, auf denen ihr Einfluss beruhte.
1926 schlossen sich Sinowjew und Kamenew mit Trotzki zur Vereinigten Opposition zusammen. Die früheren Gegner verlangten nun gemeinsam, die Partei solle offener über ihren Kurs beraten. Sie drängten außerdem auf eine schnellere Industrialisierung. Gegenüber wohlhabenden Bauern wollten sie härter vorgehen.
Ihre Zusammenarbeit kam zu spät. Die Parteipresse stand ihnen kaum noch zur Verfügung. Versammlungen der Opposition wurden aufgelöst. Wer ihre Erklärungen unterschrieb, riskierte sein Amt. Stalin verlangte von den Beteiligten, ihre Positionen öffentlich als Fehler anzuerkennen. Eine bloße Unterordnung unter die Mehrheit genügte nicht mehr: Die Besiegten sollten widerrufen.
Die letzte offene Kundgebung
Am 7. November 1927 beging die Sowjetunion den zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution. Anhänger der Opposition versuchten in Moskau und Leningrad, eigene Losungen in die offiziellen Kundgebungen zu tragen. Ordner nahmen ihnen Transparente ab. Es kam zu Rangeleien, doch ein größerer Protest blieb aus.
Die Parteiführung nutzte den Auftritt als Beweis dafür, dass die Opposition ihre Auseinandersetzung auf die Straße trage. Wenige Tage später schloss das Zentralkomitee Trotzki und Sinowjew aus der Partei aus. Der fünfzehnte Parteitag bestätigte im Dezember den Kurs und entfernte weitere Oppositionelle.
Manche von ihnen baten bald um Wiederaufnahme. Sinowjew und Kamenew unterwarfen sich der Parteiführung und erhielten später erneut Funktionen. Trotzki verweigerte einen Widerruf. Im Januar 1928 brachte ihn die Staatspolizei zum Moskauer Bahnhof und schickte ihn nach Alma-Ata in Kasachstan. Ein Jahr später wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen.
Stalin hatte damit die bekanntesten Gegner aus der Parteiführung verdrängt. Allein herrschte er 1928 dennoch nicht. Bucharin verteidigte weiterhin die Neue Ökonomische Politik, während Rykow die Regierung leitete. Doch ihr Bündnis mit Stalin geriet bereits unter Druck. In den Städten fehlte Getreide, weil viele Bauern ihre Ernte zu den niedrigen staatlichen Preisen nicht verkaufen wollten. Stalin entschied sich im Winter 1927/28, selbst in die Anbaugebiete zu fahren und Beschlagnahmungen durchzusetzen. Der Kampf gegen Trotzki war beendet. Nun begann der Konflikt um die Zukunft des sowjetischen Dorfes.

Zum Weiterlesen
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- Figes, O. (1998): Die Tragödie eines Volkes: Die Russische Revolution 1891–1924. Eine umfassende Darstellung der sozialen und politischen Umbrüche.
- Altrichter, H. (2019): Die Russische Revolution: Vom Zarenreich zum Sowjetimperium. Ein kompakter Überblick über die Ereignisse des Jahres 1917.
- Koenen, G. (2017): Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus.
Bildnachweis
Titel: Lenins Beisetzung, gemalt von Isaak Brodski, 1925.
Alle Bilder gemeinfrei.




