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Wegener – Der Meteorologe, der die Geologie erschütterte

Emil Wiechert gründete 1898 in Göttingen das erste geophysikalische Institut der Welt. Er entwickelte Seismometer, die Erdbebenwellen aufzeichneten und erstmals erlaubten, den Aufbau der Erde von der Oberfläche aus zu erkunden. Was Wiechert jedoch nicht ahnte: Die Methoden, die er für eine starr geglaubte Erdkruste entwickelt hatte, würden bald dazu dienen, die Dynamik der Kontinente zu beweisen. Das war die Leistung Alfred Wegeners.

Wegener war kein Geophysiker von Haus aus. Er hatte Meteorologie studiert und sich einen Namen als Polarforscher gemacht. Doch er war ein genauer Beobachter, der sich nicht damit abfinden wollte, Fragen offen zu lassen, nur weil sie außerhalb seines Fachgebiets lagen.

Die Physik des Schwimmens: Isostasie

Alfred Wegener (1880-1930)

Wegeners Genialität lag in der Synthese. Während Geologen seiner Zeit noch an versunkene Landbrücken glaubten, um die Ähnlichkeit von Fossilien in Afrika und Südamerika zu erklären, hielt Wegener mit physikalischer Logik dagegen. Er nutzte das Konzept der Isostasie.

Nach diesem Prinzip schwimmen die Kontinentalblöcke aus leichtem Gestein (Sial) im schwereren, zähen Untergrund (Sima) – ganz ähnlich wie Eisberge im Ozean. Wegener erkannte sofort den logischen Fehler seiner Kollegen: Ein Kontinent kann physikalisch so wenig im Erdmantel versinken, wie ein Korken im Wasser untergehen kann. Wenn die Kontinente also nicht versinken konnten, blieb nur eine Schlussfolgerung: Sie mussten sich horizontal bewegt haben.

Messen gegen den Widerstand

Wegener war sich bewusst, dass er als fachfremder Meteorologe in das Revier der Geologen eindrang. Um seine Theorie zu untermauern, griff er zu den modernsten geophysikalischen Methoden seiner Zeit. Er versuchte, die Verschiebung Grönlands gegenüber Europa durch präzise Längenbestimmungen per Funktelegrafie nachzuweisen.

Obwohl die damalige Messtechnik noch zu ungenau war, um die winzigen jährlichen Driftgeschwindigkeiten von wenigen Zentimetern zweifelsfrei zu belegen, war sein methodischer Ansatz wegweisend. Er forderte eine Geophysik, die nicht nur den Ist-Zustand beschreibt, sondern die Erdgeschichte als einen dynamischen Prozess begreift.

Ein geteiltes Erbe

Alfred Wegener und Rasmus Villumsen, auf der letzten Grönlandmission, 1829/30.

In der Ahnengalerie der Geowissenschaften besetzen heute zwei Männer die Ehrenplätze: Emil Wiechert, der mit seinen mathematischen Modellen und Seismogrammen das Fach definierte, und Alfred Wegener, der die Geophysik aus den Kellern der Institute holte und auf die gesamte Weltkarte anwandte.

Wegener war vielleicht nicht der Vater, der die Geophysik zeugte, aber er war derjenige, der ihr das Laufen lehrte. Er bewies, dass geophysikalische Daten – von der Radioaktivität bis zur Schwerkraftmessung – erst dann ihren vollen Wert entfalten, wenn sie ein schlüssiges Bild der Erdvergangenheit zeichnen. Sein tragischer Tod im Grönlandeis verhinderte, dass er die Bestätigung seiner Theorie durch die moderne Plattentektonik noch miterlebte. Doch heute ist klar: Ohne Wegeners geophysikalischen Instinkt wäre unser Bild der Erde noch lange Zeit starr und leblos geblieben.


Zum Weiterlesen

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Wessel G. (2024): Alfred Wegener: Universalgelehrter, Polarreisender, Entdecker.*

Bildnachweis

Titel: Das Schiff Wegeners Grönland-Expedition, 1912.

Alle Bilder gemeinfrei.

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